Wien – Debatte

Wien Innere Stadt Nacht (c) STADTBEKANNT Hofinger
Wien Innere Stadt Nacht (c) STADTBEKANNT Hofinger

Sperrstundenverlängerung, Fremdenrechtsverschärfung, alles wurscht?

23. Juni 2011 • Debatte1 Kommentar zu Sperrstundenverlängerung, Fremdenrechtsverschärfung, alles wurscht?

Immer mehr soziale Anliegen werben auf Facebook darum geliked zu werden. Gleichzeitig schafft es kaum mehr ein Anliegen von wirklich vielen wahrgenommen zu werden. Selbst die Sperrstundenerweiterung oder der Atomausstieg interessieren auf Facebook scheinbar nicht mehr. Woran liegt es?

Früher gab es Unibrennt. Die soziale Bewegung an den österreichischen Universitäten schaffte es, dass auf Facebook fast 28.000 „Gefällt mir“ drückten. Parallel dazu, vor allem aber vor dem Wien Wahlkampf im vergangenen Jahr, sprossen Anti-Strache Facebook Seiten aus dem Boden. Der „seelenlose Ziegelstein“ wurde legendär und schaffte mehr „EinwohnerInnen“ als Linz, nämlich etwa 194.000. Das war wohl zugleich so ziemlich die erste Facebook Seite in Österreich, die ein soziales Anliegen mit einer scherzhaften Aufmachung verband und damit Erfolg hatte.

Lustig konnte damit HC Strache, der auf Facebook selbst Popstarwerte erzielt und mit fast 92.000 Likes, mehr als Angela Merkel (87.541) aufweisen kann, auf die Schaufel genommen werden. Der ewige Konkurrent von „Bumsti“ Strache im Rennen um den erfolgreichsten europäischen Rechtspopulisten, Geert Wilders, schafft übrigens weniger als 20.000 Fans. Aber auch in Holland gibt es einen Ziegelstein „Kan deze baby uil meer fans krijgen dan Geert Wilders?“ schafft fast 45.000 Fans, die Frage der HolländerInnen kann somit mit "Ja" beantwortet werden.

Anti-Strache Seiten und sonst wenig los auf Facebook

Danach wurden es immer mehr Anti-Strache Seiten. Ob „Wiener Blut für Offenheit & Toleranz (15.953 Likes ), „Runter mit den Wiener Blut Plakaten“ (15.310), „Blutgruppe HC Negativ“ (16.609), „Gegen HC Strache“ (35.283), oder “Würde HC Strache Bundeskanzler werden, hätte Mc Donalds kein Personal mehr“ (20.065) um nur einige der bekannteren zu nennen.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war Facebook in Österreich bereits gut eingeführt, weit verbreitet und von den meisten UserInnen schon längere Zeit in Verwendung. Es trat eine zunehmende Gewöhnung an das relativ neue Phänomen der Facebook Seiten ein. Man kann nur vermuten warum die Zahl der Personen, die soziale Anliegen liken seither immer mehr zurück geht, es steht aber wohl in Zusammenhang mit diesem Gewöhnungseffekt.

Einerseits brauchten wohl viele einige Zeit um zu merken, dass Facebook Seiten auch nerven können, beziehungsweise was genau die Konsequenz ist wenn man Seiten beitritt. Dass man nämlich regelmäßig Statusmeldungen der Seite frei Haus geliefert bekommt.
Darunter, dass das den UserInnen immer bewusster wird, haben alle neueren Seiten und nicht nur solche mit sozialen Anliegen zu leiden, diese aber ganz besonders, da die Seite ja meistens mehr mitzuteilen haben als irgendeine Marke oder der Pizzastand ums Eck, und somit auch mehr nerven.

Andererseits stellte sich wohl auch eine gewisse Ernüchterung ein. Wozu sollte man der 15 Anti-Strache Seite beitreten oder was ändert sich, wenn man sich für dieses oder jenes soziale Anliegen auf Facebook stark macht?

Scherzseiten mit Politik

Es kam die Zeit der Scherzseiten mit sozialen Anliegen. Die Seite „zu schön“ die sich über Karl Heinz Grassers Briefe lustig macht, schaffte mehr als 25.000 Likes, den Integrationsstaatssekretär bei Humboldt wollten fast 30.000 machen.

Doch da wären wir schon beim eigentlichen Problem. Den Integrationssekretär bei Humboldt machen ist eine witzige Vorstellung, über Grasser Briefe kann man auch schon mal lachen, aber wer möchte sich ernsthaft länger mit dem Thema beschäftigen? Ebenso schnell wie solche Seiten entstehen, sinkt ihr Stern auch wieder. Mit jeder neuen „witzigen“ Idee wird es zugleich etwas schwieriger noch irgendjemanden hinter dem Ofen hervorzulocken.

Abgebrüht und überreizt

Nach der ersten Welle der Politseiten und einer schier endlosen Welle der Spaßseiten mit politischem Charakter, hat sich etwas Ermüdung auf Facebook breit gemacht. Nur wenige gut organisierte Gruppen stellen noch Seiten mit relevant vielen Likes auf die Beine. Die Fußballfans konnten inzwischen fast 55.000 davon überzeugen, dass Pyrotechnik kein Verbrechen ist und 48.000 sind für ein bedienungsloses Grundeinkommen.105.000 sind für ein Rauchverbot in österreichischen Lokalen, 180.000 sind dagegen. Aus der EU wollen 115.000 austreten und für Atheismus sprechen sich 137.000 aus. Ansonsten ist es ruhig geworden, was soziale Anliegen auf Facebook angeht. Für Rot-Grün in Wien konnten sich 5.700 Menschen begeistern, weniger als die Grünen in Neubau wählen, gegen die Fremdenrechtsverschärfung wollten sich gar nur 5.200 stark machen und die Initiative „Weg mit der Sperrstunde“ tümpelt immer noch bei knapp über 5.000 Likes dahin. Das sind weniger als einst das Luftbad oder das Planetarium retten wollten und das, obwohl die ganze Wiener Clubszene hinter dem Anliegen steht.

Selbst eine Initiative wie Atomausstieg.at, von Grünen und Umweltorganisationen massiv promotet und in Österreich die Überzeugung einer überwältigenden Mehrheit, schafft keine 19.000 Likes mehr.

Was ist nur mit Facebook los?

Ist Facebook als Tool für soziale Bewegungen uninteressant geworden? Sind selbst politische Scherzseiten nicht mehr lustig? Für AktivistInnen sozialer Anliegen ist es jedenfalls sicherlich schwieriger geworden mit ihren Themen im immer größer werdenden Facebook Angebotsmenü durchzukommen.
Aber vermutlich ist es einfach nur eine Normalisierung der Verhältnisse. Wenn nichts passiert was sehr, sehr viele Menschen verärgert, setzen sich eben nur wenige Menschen für ein Thema ein. Wenn gleichzeitig sehr viele Anliegen angeboten werden, die man likender Weise unterstützen kann, wird jedes einzelne Anliegen eben immer weniger wahrgenommen. Zugleich schwindet die Überzeugung der meisten, dass sie mit einem Like auf Facebook alleine irgend etwas ändern können.

Die Dinge normalisieren sich also. Da fehlt ja nur noch, dass Leute irgendwann aufhören bei Facebook Events mitzuteilen, wenn sie an einem Event nicht teilnehmen. Aber soweit wird es wohl nie kommen…

, , ,

Weitere Artikel

Eine Antwort auf Sperrstundenverlängerung, Fremdenrechtsverschärfung, alles wurscht? – Verstecken

  1. sophie sagt:

    ich kann nur für mich reden
    facebook ist in meinem leben viel zu dominant geworden, dass ich beschlossen habe, mich von der seite immer mehr zu distanzieren. den ein oder anderen klick / like mache ich auch noch, aber eben nur noch ausgewählte gruppen bzw. seiten erhalten mein voting. es gibt auch wirklich schon zuviele sachen….

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

« »