Kultur – Musik

(c) Mautner stadtbekannt.at
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song of the day: „moment of surrender“ von U2

12. April 2013 • Musik

Jaja, schon klar, U2 zu mögen und dann noch darüber zu schreiben ist ein zweischneidiges Schwert. Bono trifft Bush, Bono trifft die Weltbank, Bono empfiehlt Fair Trade, und jedes Mal wenn Bono im Fernsehen oder auf den größenwahnsinnigen Bühnen in seine Hände klatscht, stirbt ein Kind in Afrika (Zitat Robin Williams: „Then stop clapping your hands!“). Bono kann inflationär, so gut seine Sache auch sein mag, beinahe zu Karies führen, und dieses Zahnweh resultiert dann in einer leichten Abneigung gegen das, wofür er eigentlich bekannt wurde: nämlich als Viertel dieser nicht ganz unbekannten und uneinflussreichen Band U2. 

Deren Alben sind immer so eine Sache. Da gibt es immer die Ausreißersingle, die Erstauskopplung die ein wenig aus der Reihe tanzt, vielleicht weil’s die nicht mehr ganz so frischen Herren frisch hält, vielleicht weil es die „Hey, Edge wo ist die Delay-Gitarre“- Fraktion ein wenig provoziert. Dann gibt’s immer auch ein paar etwas mittelmäßigere Songs, die mit Bonos Lieblingsbotschaften, ja genau, das Zuckerwattekaries. Und dann gibt es immer jene Songmonster, jene Wolkenkratzerhymnen die nach Megalomanie schreien und deren Live-Darbietung auch für Atheisten einem Gottesdienst gleichkommen kann, wie es vielleicht sonst nur Depeche Mode-Gläubige bei Konzerten der Herren Gahan, Gore & Co erleben.

Als bekannt wurde, dass „No Line On The Horizon“, der Nachfolger von „How To Dismantle An Atomic Bomb“ wieder von Daniel Lanois, Steve Lillywhite und Brian Eno produziert wird, waren die Erwartungen naturgemäß hoch, sind alle drei doch bekannt für ihre eigentümlichen Zugangsweisen und für ihr Gespür für Klangarchitektur. Irgendwann kam dann die erste Single raus, „Get On Your Boots“ – was für ein Bastard, was für ein Discostampfer, wie platt beim ersten Anhören. „Sexy boots“ singt Bono, weil er es wahrscheinlich für sexy hielt (das ganze hat aber schon bei „Discotheque“ nur bedingt geklappt), aber Sex kann uns Bono ebenso schwer verkaufen wie Ironie. Gekauft habe ich es mir dennoch, das Album.

Genau hier kommt jetzt mein persönlicher Song of the day (obwohl er für mich eher Song of the year, wenn auch vorvorletztes Jahr) ins Spiel: „Moment Of Surrender“, Song Nummer 3.

Thematisch gesehen geht es bei „No Line On The Horizon“ prinzipiell anders als auf früheren Alben zu Sache: „Being Bono Vox“ ermüdete Bono anscheinend ein wenig, also begann er, aus der Sicht von anderen Personen zu schreiben, im Fall von „Moment Of Surrender“ aus der Perspektive eines Junkies. Nun können Lieder aus der Perspektive eines Junkies (vor allem wenn sie von einem Nicht-Junkie geschrieben sind, und das wollen wir von Mr. Vox ja annehmen) entweder ganz furchtbar oder ganz toll sein (in die „ganz toll“- Kategorie fallen zum Beispiel „Perfect Day“ von Lou Reed, „Another Girl Another Planet“ von The Only Ones oder „Heroin“ von The Velvet Underground). „Moment Of Surrender“ reiht sich locker in zweitere Kategorie ein. 

„I tied myself with wire / To let the horses run free / Playing with fire, till the fire played with me“, singt Bono, und seine Stimme klingt zerbrechlicher, getriebener als sonst. Ein Drumloop als Einleitung, ein treibender Drumbeat, und, wie von Brian Eno (siehe „Music For Airports“)nicht anders zu erwarten, eine unglaublich intensive Atmosphäre, ein paar Fills von The Edge, eine simple Basslinie und eine sich über den ganzen Song legende Orgel.

„The stone was semi-precious / We were barely conscious / Two souls too smart to be in the realm of certainty, even on our wedding day”, Bono bzw. Bonos Figur singt aus einem gewissen Vakuum heraus, reflektiert über die schwarzen Löcher, über den halbwertigen Stoff, über die Apathie und über die Passanten, die ihn kaum wahrnehmen und er sie nicht – und wie er so beim ATM steht und die Nummern eintippt, um ein paar Scheine abzuheben, überkommt ihn irgendwas, eine Art Erweckungserlebnis, dass ihn in die Knie zwingt.

Und scheiße noch mal, geht dieser Refrain auf, wie ein Gospel aus der Gosse, sieben Minuten lang und keine Sekunde langweilig, gehetzt, getrieben, verzweifelt, hoffnungsvoll, völlig eigenartig in der Stimmung. Deutlicher kann man die Arbeit von Eno (der aus seinem früheren Werk Samples einstreut) und Lanois nicht raushören, eben „sonic architecture“, wie Bruce Springsteen es einmal bezeichnet hat, die beiden verhelfen U2 zu einer Klanglandschaft, zu einem elektrischen, ambienten Song-Riesen. Für mich einer der fünf besten U2-Songs und ein Stück Musik, das sich in kürzester Zeit einen Platz in meinem Song-Pantheon erspielt hat.

Bono hin oder her.

(Markus Brandstetter)

 

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