Kultur – Musik

Schallplatte Vinyl (c) STADTBEKANNT Hofinger
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song of the day: IDIOT WIND von Bob Dylan

6. Mai 2013 • Musik

Die Konsequenz und Frequenz, mit der sich Dylan im Laufe seines Lebens, immer und immer wieder, dekonstruiert, gehäutet, de- und repersonalisiert hat, bietet Stoff für ganze Dylanologen-Archive. Von der Konstruktion der Jung-Hobo Identität seiner frühen Tage zum von ihm sehr bald ungeliebten „voice of the generation“-Status, vom Amphetamin gesteuerten Folk-Judas bis zum völligen Rückzug ins Privatleben – Katholik, Erzbischof der Anarchie, Trunkenbold, elder statesman of Blues, Rock’n’Roller, der Anachronist der Winde – die Reihe lässt sich nach Lust und Laune fortsetzen. 

“Blood On The Tracks“ könnte sein persönlichstes Album sein. Auch wenn er das damasls immer abstritt (warum sollte er es auch bestätigen), „Blood On The Tracks“ war ein Trennungs-Soundtrack. Keine Geschichten aus dem Folk-Pantheon, keine Mythen sondern die Dreckigkeit des sich ergebenden Alltags. Die Scheidung von seiner Frau Sara Dylan, der Mutter seiner Söhne Jakob und Jesse, zieht sich durchs ganze Album, und das Album beinhaltet definitiv einige seiner besten Songs. Das wunderschöne, melancholische „Simple Twist Of Fate“, über die zwei Lovers im Park, das apokalyptische „Shelter From The Storm“, das sentimentale „If You See Her, Say Hello“.

Dann, als vierter Track am Album, “Idiot Wind”. Da ist nichts mit Verständnis und „Don’t Look Back In Anger“, „Idiot Wind“ ist ein Brocken von einem Song, zynisch, düster, wutentbrannt. Dylan singt als Dylan, überall hofiert, missverstanden, vereinnahmt. Die ganze Dreckspresse schreibt wieder mal irgendwas, sagt er – einen Mann namens Grey hat er erschossen, dessen Frau nach Italien entführt, Millionen geerbt, das diese starb, was soll er sagen, „I can’t help it if I’m lucky“. Sogar sie hat den ganzen Scheiß geglaubt, wirft er ihr vor, die ganzen Verzerrungen, nicht einmal sie hat es besser gewusst, hat keine Anstalten gemacht ihn richtig zu kennen

People see me all the time, and they just can’t remember how to act
Their minds are filled with big ideas, images and distorted facts
Even you, yesterday you had to ask me where it was at
I couldn’t believe after all these years,
you didn’t know me better than that / Sweet lady

Ja, der Idiot Wind, der bläst, jedes Mal wenn du deinen Mund aufmachst – das ist kein schwacher Tobak, da geht es schon richtig um Vorwürfe, um Bitterkeit, um Zerwürfnis, und charmanter wird Dylan im Laufe des Songs nicht gerade: irgendwann, da wird auch sie in der Grube liegen, Fliegen um sie herum, vor lauter Dummheit ins Gras beißen. Idiot Wind deutet keine Abgründe an, Idiot Wind schaufelt und schaufelt:

I noticed at the ceremony, your corrupt ways had finally made you blind
I can’t remember your face anymore, your mouth has changed,
your eyes don’t look into mine

Er nimmt sich aber nicht aus, der “Idiot Wind” zieht sich durch alles gemeinsame, durchs Scheitern, durch die Briefe die sie sich geschrieben haben, durch Gespräche, am Ende ist es ein Wunder dass sie ihre eigene Dummheit nicht längst umgebracht hat: “we’re idiots, babe”, singt er, “it‘s a wonder that we still know how to breathe”. „Idiot Wind“ ist ein zynischer Dampfhammer, ein bitterer Bastard, wirklich keine leichte Kost – da geht’s schon einmal quer durch die Hölle. Sehr, sehr empfehlenswert ist auch die Live-Version auf „Hard Rain“, aussagekräftiger kann Dylans Stimme, Gestik, seine Live-performance generell nicht sein.

Idioten sind wir, unfassbar dass wir uns überhaupt noch füttern können. Aber sowas von Song of the day.

(Markus Brandstetter)

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