Wien – Leben

Cafe Mayer Kaffee (c) STADTBEKANNT
Cafe Mayer Kaffee (c) STADTBEKANNT

“Sie brauchen eh ka Rechnung, oder?”

8. Februar 2018 • Leben, Skurriles

Neulich in einem Wiener Kaffeehaus

Ein Sittenstück über Rechnungen, Schwangeren-Yoga, Durchschummler, Sozialschmarotzer und den Alltag in Wien.

Wien, Gersthof, 16:00 Uhr. Ein dicklicher Brillenträger im dunklen Anzug sitzt ausgestreckt an einem Kaffeehaustisch, zieht an seiner Zigarette und blättert fadisiert in einer kleinformatigen Zeitung. Die Tür geht auf. Ein jüngerer Mann kommt herein, schlank, glatt rasiert und mit nach hinten frisiertem Haar.

 

Dicklicher Brillenträger
Servas Sigi! Lang nimmer g’sehn! Was machst du denn da um die Tageszeit? Hock dich her!

Sigmund alias Sigi
Ja grüß dich Harti! Ich komm grad vom Zahnarzt. Schau her – ganz weiß, in zwei Stunden! “Bleaching” heißt das. Frei g’nommen hab ich mir extra dafür. Ich mein, ich bin im Krankenstand. Ah… Bedienung! An G’spritzen!

Hartmut alias Harti
Fesch! Was kost’ der Spaß?

Sigi
500,- Euro. Ein Schwein hab ich g’habt bei dem Preis. Weil eigentlich verlangen’s ja schon mehr. Die Ordinationsassistentin hat g’meint, ich spar mir die Mehrwertsteuer, wenn ich gleich in bar zahl. Jetzt hab ich zwar keine Rechnung, aber mir was g’spart. Wie schon in der Früh. Da war ich mit meiner Frau beim Schwangeren-Yoga und die Dame fragt: “Wollen’s a Rechnung?” Und ich hab g’sagt: “Na wenn ich mir was spar, brauch ich keine!” Und… geh Harti, kanns’t deine Tschick nicht ausmachen? Ich mag am Abend nicht so grauslich riechen wenn ich heimkomm zu meiner Frau.

Harti
Ja ausnahmsweise, weil du’s bist. Hast übrigens schon g’sehn, was heut in der Zeitung steht? “Volle Härte gegen Durchschummler”. Zeit wird’s, so schaut’s aus. Dieser… dieser Sozialbetrug g’hört ja sowieso abgestellt. Wie geht’s eigentlich in der Hackn? Was ich weiß, hast ja zum Studieren …

Sigi
… aufgh’ört, jaja. Gesetzesbücher wälzen ist passé. Aber Junior Business Constultant bin ich auch so g’worden. Gut lauft’s. Was macht eigentlich deine Zweitwohnung? Schon in Schuss?

Harti
Zweitwohnung, najo. Ich hab’s mir eigentlich als Vorsorge kauft, das hat mir der Steuerberater empfohlen. Irgendwohin muss ja der Gewinn von der Firma, dass es dir nicht sofort wieder die Steuer wegfrisst. Die Firma rennt super übrigens. Jetzt importier ich ja Bio-Schweinefleisch aus der Ukraine, da fliegen die Kunden drauf. Naja, also letzte Woche samma mit der Renovierung fertig g’worden. Weißt eh, Strom, Ausmalen, der ganze Schas.

Sigi
Von wem hast es denn machen lassen?

Harti
Meine Putzn hat mir wen vermittelt. Oder, wie man heut politisch korrekt sagt, “Raumpflegerin”. Haha! Deppertes Wort, da denkst gleich, man braucht ein Diplom für’s Fliesenwischen. Kennst es eh, die Rumänin. Der ihr Cousin und seine Hawara waren dann da und haben die Wohnung herg’richt. Acht Euro die Stund. Dasselbe was die Putzn kriegt. Die pfuschen ja alle, die Ausländer. So schaut’s aus.

Sigi
Aber Hauptsach’ Notstandshilfe beziehen und daheim dann groß Häusl bauen mit’m Schwarzgeld … Mich stört’s, dass unser Sozialsystem da so ausgenutzt wird.

Harti
Damit is’ jetzt eh bald vorbei Gott sei dank. Ich hab’s schon immer unfair g’funden, dass ein Scheinasylant oder so ein AMS-Durchschummler beschenkt wird auf die Kosten von uns arbeitenden Leuten. Hui, da kommt die Kellnerin! A fesche Kotz übrigens, a wann’s ka gscheits Deitsch kann. Bedienung! Zahlen!

Kellnerin
Drei Bier? Des mocht zehn achtzg. Do is de Rechnung.

Sigi
Elf. Aber… das ist ja gar keine Rechnung, sondern ein Konsumationsbon. Ich brauch eine richtige Rechnung für die Buchhaltung!

 

Nachsatz

Ihr glaubt, wir haben diese Geschichte ganz frei erfunden? Mitnichten! So ähnlich hat es sich tatsächlich zugetragen. Die vollen Namen sind der Redaktion bekannt.

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