Wien – Leben

Wien Stadtführung Obdachlose (c) SHADES TOURS
Wien Stadtführung Obdachlose (c) SHADES TOURS

SHADES TOURS Vienna

10. September 2016 • Leben

Wien-Touren geführt von Obdachlosen

Wie ist es, in einer Millionenstadt wie Wien ohne Dach über dem Kopf den Alltag zu bestreiten? Für die meisten Menschen ist allein der Gedanke unvorstellbar. Wir haben uns die Stadt einmal von ihrer anderen, verborgenen Seite zeigen lassen – nämlich mit SHADES TOURS aus dem Blickwinkel eines Obdachlosen.

Es ist 17:00 Uhr, und immer noch brennt die spätsommerliche Sonne vom Himmel. Heute ist es warm vor dem Wiener Hauptbahnhof, man kann bequem im Freien sitzen und ausruhen. Bald allerdings wird es Herbst und Winter werden. Spätestens dann, wenn der erste Frost kommt, wird alles schwieriger. Vor allem, wenn man kein Dach über dem Kopf hat. Dann wird der Bahnhof zum Zuhause, oder der beheizte Nachtbus.

Rund 1.174 Menschen leben in Wien auf der Straße, ohne Unterkunft und mit wenig mehr Besitz als das, was sie mit sich tragen können. Dazu kommen etwa 9.738 Wohnungslose, die zwar temporär einen Platz in einer sozialen Einrichtung haben, aber ohne diese obdachlos wären. In Wien gibt es zwar viele Organisationen, die Hilfe anbieten – so etwa die von der Caritas ins Leben gerufene Gruft oder die Notschlafstelle Vinziport, die anders als die meisten Quartiere auch EU-Bürgern offensteht – trotzdem ist das Leben alles andere als einfach. Jeder Tag will neu organisiert sein; von medizinischer Versorgung über Nahrung und Waschmöglichkeit bis hin zu einem freien Schlafplatz für die nächste Nacht.

Wien Hauptbahnhof Eingang (c) STADTBEKANNT

Wien Hauptbahnhof Eingang (c) STADTBEKANNT

Geschichten, die das Leben schreibt

Gemeinsam mit unserem Guide wandern wir vom Hauptbahnhof hinüber zum Schweizergarten. Es ist dieselbe Route, die auch die Sozialarbeiter von SAM (sozial, sicher, aktiv, mobil) täglich bestreiten, um Menschen auf der Straße mit ihren Problemen zu helfen und sie bestmöglich zu unterstützen. Wir passieren das Caritas Tageszentrum und das P7, Zentrum für Wohnungslose, am Wiedner Gürtel. Hier, so erzählt unser Guide, bekommt man mit etwas Glück einen Schlafplatz vermittelt. Gibt es in keinem Quartier mehr einen Platz, bleibt den Betroffenen nichts anderes übrig, als sich im offenen Raum niederzulassen. Zum Beispiel im Park.

Die Gründe, wieso auch im 21. Jahrhundert noch Menschen auf der Straße landen, sind so vielschichtig wie das Leben selbst. Meist haben die Betroffenen Schlimmes erlebt, von Jobverlust, Verschuldung, Krankheit oder Sucht bis hin zu privaten Schicksalsschlägen reicht die Palette. Manchmal ist auch einfach nur Pech im Spiel. Unser Guide erzählt aus seinem Leben: Eine falsche Staatsbürgerschaft reicht bereits aus, um durch den sozialen Rost zu fallen und keinerlei Anspruch auf Hilfszahlungen der Stadt Wien zu haben. Rasch geht das Geld aus, man landet auf der Straße – und wie einfach ist es dann, ohne Adresse eine Arbeit zu finden?

Wien Stadtführung Obdachlose (c) SHADES TOURS

Wien Stadtführung Obdachlose (c) SHADES TOURS

Schlafen verboten

Inzwischen hat unsere SHADES TOURS Gruppe auf einer Parkbank Platz genommen. Wir erfahren: Sitzen und ausrasten darf man hier, nicht jedoch in einen Schlafsack die Nacht hier verbringen, so schreibt es die Kampierverordnung vor. Um nicht entdeckt und verjagt oder gar abgestraft zu werden, ziehen es viele Obdachlose vor, im Verborgenen zu schlafen – unter Bäumen, Brücken oder in verlassenen Gebäuden.

Vor einiger Zeit wurde das Schicksal eines Mannes publik, der 25 Jahre lang unentdeckt in einer verlassenen öffentlichen Toiletteanlage auf der Donauinsel lebte, bis ihn eine Sozialarbeiterin fand. Es dauerte Jahre, bis er bereit war, sein selbst gewähltes Zuhause zu verlassen und in eine Einrichtung der Wohnungslosenhilfe zu übersiedeln.

Oft bekommen wir Schicksale wie diese kaum mit, und zwar nicht nur, weil sie weitgehend unsichtbar sind, sondern auch, weil wir sie gewissermaßen ausblenden. Vorurteile über Obdachlose sind allgegenwärtig – und das in einer Gesellschaft, die sich eigentlich zugute hält, jedem Menschen ungeachtet seiner sozioökonomischen Situation Respekt entgegenzubringen.

Josefstadt Parkbank Schönbornpark (c) STADTBEKANNT

Parkbank (c) STADTBEKANNT

Wie man helfen kann

Wer selbst Obdachlosen helfen möchte, sollte vor allem eines tun: Nicht wegschauen, wenn jemand in Not ist, und keine Scheu haben, Hilfe zu organisieren. Von Anfang November bis  Ende April ist unter der Nummer 01 / 480 45 53 das sogenannte Kältetelefon der Caritas rund um die Uhr besetzt – nach einem Anruf suchen SozialarbeiterInnen der Gruft die Betroffenen auf und kümmern sich um sie. Bei medizinischen Notfällen ist es allerdings immer besser, die Rettung (144) zu rufen!

 

SHADES TOURS – Eine wertvolle Erfahrung für alle

Im Schweizergarten sind wir auch schon am Ende unserer Tour angelangt. Unser Guide erzählt, wie er durch SHADES TOURS endlich wieder einen Job und eine Zukunftsperspektive gefunden hat – einen Job, bei dem er viele Erfahrungen weitergeben kann, die in den letzten Jahren sein Leben prägten. Dankbar für die geteilten Erfahrungen, nachdenklich und bereichert, trennt sich unsere Gruppe.

Und auch die 32-jährige Gründerin, Perrine Schober ist zufrieden mit dem Angebot: „Man geht ins Museum, ins Theater, in Vorträge und bildet sich weiter. Wer sich auch sozial-politisch weiterbilden möchte, hat mit SHADES TOURS jetzt die Möglichkeiten hinter die Kulissen eines schwierigen und heiklen Themas zu blicken und jegliche Fragen zu stellen. Die reflektierten und menschlichen Informationen, die man hier bekommt, machen unsere Touren so einzigartig und sind der Grund warum unsere Stadtführungen sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern und Jugendlichen so beliebt sind.“

 

STADTBEKANNT meint

Ob bei einem Workshop mit Schulklassen oder einem gemeinsamen Koch-Event in einer sozialen Einrichtung, das Ziel der SHADES TOURS Vienna ist es, möglichst viele Menschen auf die Situation von Obdachlosen in Wien aufmerksam zu machen, die Sensibilität für das soziale Themenfeld Obdachlosigkeit zu schärfen.“Unsere Touren sind für alle gedacht! Nicht nur für Gutmenschen“, sagt Gründerin Perrine Schober richtigerweise. Geleitet werden die Touren und Events von Obdachlosen, die durch ihre Tätigkeit wieder einen Einstieg ins gesellschaftliche Leben finden. Wer sich über die nächsten SHADES TOURS – Termine (auch Führungen auf Englisch werden angeboten) informieren möchte, kann das sowohl auf der Homepage von SHADES TOURS als auch auf der Facebook-Page tun!

 

Alles auf einen Blick

Sprache Deutsch oder Englisch
Kosten 15,- Euro
Termine SHADES TOURS
Wunschtermin ab vier Personen kann man einen individuellen Termin vereinbaren
Infos und Reservierung vienna@shades-tours.com

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