Kultur

(c) Pantalaskas
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Roman Opalka, der Chronist der Zeit

3. August 2013 • Kultur

Zeit und Zahlen

1965 begann der französisch-polnische Künstler mit einem Projekt, das sein Lebenswerk werden sollte. Auf immer gleich großen Leinwänden malte Roman Opalka feine, immer gleich große aufsteigende Zahlen in weißer Farbe.

Der Titel des Gesamtprojekts lautet „1965 / 1 – ∞ „, die einzelnen Bilder gemäß einem pars pro toto „Details“. Dabei „schrieb“ er die Zahlen in Lesrichtung (von links nach rechts), und zwar so lange als möglich, bis die Farbe verbraucht war und er den Pinsel wieder eintauchen musste. Ein spezieller Rhythmus in der Farbigkeit war die Folge. Anfänglich noch schwarz grundiert, mengte er jeder nachfolgenden Bildgrundierung 1% mehr Weißanteil bei, sodass diese im Laufe der Jahre immer heller wurde. Die letzten „Details“ waren beinahe monochrom, die aufgemalten Zahlen fast nur mehr in noch nicht getrocknetem Zustand lesbar.

 

Spuren der Zeit

Auf diese Weise erweist sich Opalka über die Jahre hinweg als Chronist der Zeit, deren Visualisierung aber nicht nur auf den Akt des Malens beschränkt blieb. Denn jeder Pinsel, den der Künstler für ein „Detail“ verwendete, wurde beschriftet und archiviert. Zudem sprach Opalka seit 1968 jede Zahl, die er „niederschrieb“, synchron in seiner Muttersprache Polnisch auf ein Tonbandgerät auf und machte am Ende eines jeden Tages ein Selbstportrait. Die Fotos zeigen Opalka anfänglich mit dunklen Haaren vor dunklem Grund, schließlich mit immer heller werdenden Haaren vor immer heller werdenden Bildern.

Somit übernehmen die Arbeiten nicht nur dokumentarische Funktion, in ihrer Regelmäßigkeit und Beharrlichkeit werden sie zur Zeitangabe, die allein vom Künstler festgesetzt wird. Wie die Fotografien am offensichtlichsten deutlich machen, ist „1965 / 1 – ∞ “ aufs Engste mit dem Leben des Künstlers verknüpft. So wird die Zeit gegenüber einer rational festgelegten, zu einer subjektiv gelebten Maßeinheit erhoben.

 

Pionier der prozessorientierten Konzeptkunst

Roman Opalka gehörte neben On Kawara zu den international wichtigsten Vertretern einer prozessorientierten Konzeptkunst. Dabei geht es weniger um Arbeitsweisen, die auf die Schaffung eines konkreten sinnlichen Ereignisses hinzielen, als vielmehr auf die Sichtbarmachung einer Idee, eines Prinzips oder einer Strategie, die erst in der zeitlichen Dauer und Repetition entfaltet werden kann. Um dieses Prinzip der Zeitlichkeit auch auf Reisen nicht unterbrechen zu müssen, malte Opalka auch unterwegs kleinere Arbeiten, sogenannte „Reise-karten“, mit schwarzer Tusche auf weißem Papier. Auf diese Weise brechen die Spuren der Zeit nun ab, da der Künstler auf einer Reise nach Italien verstorben ist.

Sein Werk und seine Arbeitsweise beschrieb der Künstler einmal selbst: „Ich bin frei, wie kein anderer Künstler. Ich bin frei von der Frage nach der Qualität (…), ich bin frei vom Zwang, ein noch besseres Bild zu malen, als das vorangegangene. Ich male seit 1965 das beste Bild, das ich malen kann, nämlich das wahre Bild.“ (Barbara Pflanzner)

Roman Opalkas Arbeitsweise könnt ihr auf folgenden Videos anschauen:

Roman Opalka, 1995 (c) Pantalaskas

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