Lifestyle – Im Gespräch

Darryl Jones with The Rolling Stones. (c) Severino
Darryl Jones with The Rolling Stones. (c) Severino

Rolling Stones-Bassist Darryl Jones im Gespräch

30. Jänner 2012 • Im Gespräch

Am 6. Februar spielt Darryl Jones mit seinem großartigen Trio “ Stone Raiders“ im Porgy & Bess. Wie stellt man jemanden wie Darryl vor? Nun, man könnte sagen, dass er seit 1993 der Bassist der Rolling Stones ist. Bei Miles Davis gespielt hat, bei Sting, Madonna, Mike Stern und John Scofield. Oder Peter Gabriel. Tun wir aber nicht. Was wir aber schon sagen ist, dass wir die Riesenehre hatten, Darryl Jones zum Gespräch bitten zu dürfen.

Darryl Jones im Interview mit Markus Brandstetter.

Darryl, tausend Dank dass du dir Zeit nimmst. Jetzt, wo du bald wieder in Wien spielst: hast Du irgendwelche besonderen Erinnerungen an diese Stadt? Ich weiß, dass dein Freund und erster Basslehrer Angus Thomas vor einigen Jahren hierher gezogen ist, außerdem warst du ja mit den Rolling Stones auch einige Male hier.

Darryl Jones: Ich habe einige sehr gute Freunde durch Angus aus Wien und rund um Wien kennengelernt, also habe ich viele schöne Erinnerungen an die Zeit die ich hier, und auch in Eisenstadt und Oslip, verbracht habe. Ich war sogar mal in den Wäldern mit einem Freund, der Jäger ist – obwohl ich selbst gar nicht jage. Ich kenne Wien auch als einen ziemlich coolen Ort für internationalen Jazz – was auch immer der Begriff bedeuten mag.

In die Band von Miles Davis bist du 1983 gekommen, du warst damals Anfang zwanzig. Was waren die wichtigsten Lektionen, die du von Miles als deinem Mentor gelernt hast – sowohl für deine weitere Karriere als auch über Musik generell?

Den Musikern um dich rum ganz genau zuzuhören ist sicherlich die wertvollste Sache, die vom Spielen mit Miles gelernt habe. Das klingt vielleicht selbstverständlich, aber das ist es nicht. Es ist ein sehr starke Sache, wenn du das aktiv machen kannst und dir es selbst erlaubst, das in deine Interaktion mit der Musik und den Musikern einfließen zu lassen.

Dein Trio, Stone Raiders, besteht ja aus drei sehr starken musikalischen Polen: Jean-Paul Bourelly an der Gitarre und Will Cahoun am Schlagzeug. Jean-Paul und du habt beispielsweise beide bei Miles Davis gespielt, Will hat auch mit Ron Wood gespielt – genau wie du haben auch die anderen beiden mit einer beindruckenden Zahl von großartigen Künstlern quer durch alle Genres gespielt. Erzähl uns ein bisschen von der Dynamik des Trios, wie die Interaktion verläuft und wie der Arbeitsprozess ist.

Stone Raiders ist eine sich stetig weiterentwickelnde Gruppe, die sich darauf konzentriert, die Grenzen der Musik wie auch unser derzeitiges soziales und menschliches Verständnis weiterzutreiben. Es ist einfach notwendig, denke ich, dass wir Künstler die Welt um uns herum kommentieren. Die positiven wie auch die negativen Aspekte. Ohne so etwas wie ein soziales Kommentar ist unser Vorhaben, die Musik in ihren Grenzen zu erweitern nur eine auditive gymnastische Übung. Wir versuchen, die musikalischen Idiome, die uns beinflusst haben zu kanalisieren, nicht zu kopieren – und wir versuchen, die Grenzen, die diese Idiome trennen, zu beseitigen. Wie wir das sehen, ist das die einzige Möglichkeit, die Musik nach vorne zu bringen und die Gesellschaft wird dem hoffentlich den nötigen Anstoß geben.


Darryl Jones (c) Magnus Manske

Du hast alle möglichen Genres gespielt: Jazz, Rock’n’Roll, Pop. Wie ändert sich der Anspruch an den Bass, zum Beispiel, wenn du auf der einen Seite eine Show mit Peter Gabriel spielst und auf der anderen Seite eine mit John Scofield?

Die Musik ist anders, also muss es der Anspruch auch sein. Du nimmst ja auch keinen Schraubenzieher, wenn du einen Nagel in die Wand schlagen willst. Nachdem das gesagt ist: Ich habe eine generelle Philosophie beim Spielen, und die hat damit zu tun, dem Song, der Musik zu dienen.

Du hast mit vielen verschiedenen großen Gitarristen gespielt, Mike Stern, John Scofield, Eric Clapton, Ron Wood und Keith Richards – aber auch mit einem Mann, der selbst ein sehr profilierter Bassist ist: Sting. Ist es anders, für einen Bassisten zu arbeiten?

Nein, nicht wirklich. Sting gab mir eine Menge Freiheiten, was ich spielen kann. Er hat vorgeschlagen, dass ich Sachen ändere wenn ich will, aber er schreibt so starke Basslinien, dass es sehr oft so war, dass ich an dem, was er kreiert hat, nichts mehr abwandeln musste.

Du hast  eine sehr starke Rhythmus-Sektion bei den Stones aufgebaut – ein Fundament, dass es Keith Richards erlaubt, charmant sein Ding zu machen (du weißt schon, ein wenig vor oder nach dem Beat zu sein, eben sein legendäres „Laissez fair“-Timing wenn man so sagen will). Kannst du mir etwas darüber erzählen, wie diese Rhythmusgruppe bei den Stones funktioniert?

Es reden in letzter Zeit alle darüber, vor oder nach dem Beat zu sein, und ich denke, dass wir das überanalysieren. Wenn diese Dinge nicht natürlich passieren, während du damit beschäftigt bist, darüber nachzudenken, könnest du eine Menge großartiger Momente verpassen. Ich genieße es sehr mit Charlie (Watts) zu spielen. Wie das mit Musikern, die lange Zeit miteinander spielen so ist, entwickelst du eine musikalische Sprache. Ich glaube, ich habe Anfangs recht viel darüber nachgedacht, aber jetzt höre ich einfach nur zu und lasse die Musik „spielen“.

Wenn du über all die fantastischen Line Ups nachdenkst in denen du gespielt hast: erinnerst du dich an manche besonders gerne zurück? Zum Beispiel an die „Bring on the Night“-Band mit dir, Branford Marsalis, Omar Hakim und Kenny Kirkland?

Ich denke noch manchmal an diese Band. Aber wenn ich das tue, vermisse ich Kenny Kirkland. Tatsächlich handelt ein Song vom neuen Stone Raiders Album „Truth To Power“, das wir gerade spielen, vom ihm. Seine einzigartige musikalische und persönliche Stimme zu verlieren; darüber nachzudenken was er so bearbeitet hätte, würde er noch leben. Ja, ich denke gerne an Kenny. Er war so eine charmante Person und das hat sich in seinem Spiel gezeigt. Obwohl charmant nicht das richtige Wort ist. Hinreißend. Ja, das beschreibt ihn und seine Gabe. Persönlich war er subtil. Musikalisch, nicht so sehr. Er konnte dich echt in Staunen versetzen. Die Band konnte wirklich überall hin musikalisch, und das war uns allen klar seit wir zum ersten Mal miteinander gespielt haben. Großartige Erinnerungen.

Dein musikalischer Lebenslauf klingt wie das Utopia jedes Musikers. Gibt es noch Zusammenarbeiten, von denen du träumst?

Stone Raiders gehören da ganz sicher dazu. Ich halte Jean Paul Bourelly für einen der außergewöhnlichsten Musiker und Konzeptionalisten meiner Generation. Will Cahoun, weil aufgewachsen zu einer gewissen Zeit und Ort (in der Bronx, in der Geburtsstunde des Hip Hop), beinflusst von einer so weiten musikalischen Spanne, hat deswegen eine einzigartige Betrachtungsweise von Musik und Gesellschaft. Abgesehen von diesem Ensemble gibt es zu viele Zusammenarbeiten, von denen ich träume. Ich höre dauernd Musiker, die ich schon mal oder noch nicht gehört habe, und von denen ich denke, dass wir gut zusammenpassen würden. Das war auch eine von Miles‘ Begabungen. Er wußte, wie man großartige Kombinationen zusammenbringt. Schau dir nur mal seine Bands an. Musik ist unendlich und je mehr Zeit vergeht, begeistere ich mich mehr und mehr an dem Gedanken, mich all dem in verschiedenen Konstellationen hinzugeben.

Was sind Deine Pläne für die nächste Zeit? Machst du neben dem Trio eigentlich auch noch Session-Arbeit?

Ah, der Session-Mythos. Ich hab einige gespielt während der letzten Jahre, aber verglichen mit den Typen, die das wirklich praktizieren, ist die Nummer echt nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Nicht, dass ich das nicht genießen würde, aber du musst dabei länger still sitzen als ich kann. Ich arbeite derzeit an ein paar Dingen, aber ich hab schon zuviel darüber geredet. Zeit, es jetzt zu tun. Bleib dran.

Woher kommt eigentlich dein Name „The Munch“

Das ist eine sehr kurze Geschichte. (Anm Autor: ich nehme an, er muncht recht gerne).

Du hast in Brasilien vor 1,2 Millionen Menschen gespielt. Was war dein intensivster Bühnenmoment, mit den Stones und generell?

Dieser Brasilien-Gig war überwältigend. Ich hab schon vor recht großen Menschenmengen gespielt, aber wenn’s um Konzerte geht kommt da nichts heran. Du hast die Energie der Leute wirklich gespürt. Körperlich. Kein Scherz. Das war, als ob man im Wasser stünde und eine Riesenwelle kommt auf dich zu, nur dass die Musik dein Surfbrett ist und du diese Welle auch reiten wirst. Dann reitest du sie wirklich, und sie antwortet dir – du könnest von ihr zerdrückt werden, aber du schafft es zurück auf den Strand und bist danach nur „WHEW!“. Berauschend!

Erlaub mir diese letzte Frage: Macht es eigentlich soviel Spaß bei den Stones zu spielen, wie es aussieht?

Ja, das tut es wirklich.

Darryl, danke vielmals, dass du dir Zeit genommen hast.

Anmerkung: Ich möchte mich an dieser Stelle auch herzlichst bei jenen Freunden bedanken, die dieses Interview ermöglicht haben. Und natürlich bei Darryl.

Picture: Darryl performing with The Stones. (c) Severino. CC BY 2.0

 

Markus Brandstetterstadtbekannt Musik.
markusbrandstetter.wordpress.com

 

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