Lifestyle – Gesundheit

Ausblick Wien (c) STADTBEKANNT
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Ritalin & Co – Zwischen Traubenzucker und Amphetamin

28. Mai 2010 • Gesundheit

Ich will jetzt nicht soweit ausholen und euch das Einstein’sche Raum-Zeit Modell in allen Einzelheiten erklären. Dieses Vorhaben wäre nicht nur aufgrund meiner mangelnden Kompetenz zum Scheitern verurteilt, sondern auch angesichts eurer flüchtigen Aufmerksamkeit. Denn diese verabschiedet sich meist schon viel früher als es uns lieb ist. Ihr flatterhaftes Wesen beweist sie nicht nur, wenn sie einen einsam und verlassen mit den ambitioniertesten Vorhaben geistiger Erweiterung zurücklässt. – Ein vorwurfsvoller Blick, den man ihr nachwirft, wird auf wenig Mitleid stoßen – stattdessen bleibt gerade noch Zeit für ein resignatives Schulterzucken, bevor man ihr nacheilt um sie rechtzeitig vor dem nächsten Unglück einzuholen.

Diverse Ratgeber zum Thema Zeitmanagement bieten zwar zahlreiche Anregungen zur Verringerung unserer Zeitnot, oder zur Steigerung der eigenen Effizienz. Doch sind diese meist von zudringlicher und maßregelnder Natur, indem sie versuchen unser ganzes gewohntes Leben von einem Tag auf den Anderen umzukrempeln. Als Alternativen gegen diese meist unrealisierbaren, gegen die Natur der Leichtigkeit strebenden Vorhaben, sucht der Mensch seit je her nach einfacheren Mitteln und Wegen, die Wehwehchen der Gesellschaft zu lindern. Und heute verbergen sich diese häufig in pharmazeutischen Errungenschaften. So beispielsweise auch im Wirkstoff Methyphenidat, dem Grundbaustein von Medikamenten gegen das Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms (kurz ADS oder ADHS) wie zum Beispiel Ritalin, welches vor allem an Kindern angewendet wird. Die gewünschte Nebenwirkung des Wirkstoffs liegt in der Konzentrations- und Aufmerksamkeitsverbesserung – auch bei an sich gesunden Individuen.

Nicht nur hat sich die jährliche Produktion von Methylphenidat in den letzten beiden Jahrzehnten mehr als verzehnfacht, auch ist es zu einem steilen Anstieg der Verschreibungen, vor allem in den USA und Westeuropa gekommen. Weitgehend ist man sich über die Gründe dafür im Unklaren. Zum Einen ist die Diagnose von AD(H)S ein schwammiges Unterfangen und zum Anderen liegt die Schwelle zur Verschreibung recht niedrig, nachdem der Wirkstoff selbst bei Kindern als relativ sicher gilt. Dazu kommt noch eine positive Bilanz aus dem Schwarzmarkt, der auf dem Universitätscampus rund um die Welt zu florieren scheint.

Das Wissenschaftsmagazin Nature hat im Januar 2008 eine Umfrage innerhalb ihrer Leserschaft über die Einnahme von cognitive enhancing drugs durchgeführt, mit dem Ergebnis, dass etwa ein Fünftel der Befragten zumindest eines der zur Auswahl stehenden Medikamente aus nichtmedizinischen Gründen einnehmen – zur Aufmerksamkeitssteigerung und Verbesserung ihrer Leistungsfähigkeit. – In der Dezemberausgabe 2008 haben sich erneut vier Autoren diesem Thema zugewandt, mit dem Leitgedanken, über eine Freigabe von Ritalin & Co. nachzudenken. Dabei beleuchten sie das Thema aus mehrerlei Blickpunkten, wollen das Wort enhancement von seiner negativen Konnotation innerhalb unserer Gesellschaft befreien, befürworten den verantwortungsvollen Umgang mit derlei Medikamenten und meinen wir sollten Methoden zur Erhöhung der Gehirnfunktion in dieser so schnell fortschreitenden Zeit Willkommen heißen. – Eine Schattenseite wäre wohl aber die Wettbewerbsverzerrung, die entstünde, wäre es legal und gebräuchlich die Leistungsfähigkeit der eigenen Hirnfunktionen medikamentös zu steigern. Der Druck auf Personen die ursprünglich eines derartigen Behelfs abgeneigt waren, würde sich enorm erhöhen. Methylphenidat ist eben kein Traubenzucker, sondern eher die kleine Schwester von Speed. Letzte Experimente an Ratten, wiesen bei hohen Dosen auf eine Veränderung der synaptischen Verschaltung hin, ähnlich derer im Fall übermäßgen Kokainkonsums.

Ich will hier keinegswegs ein kulturpessimistisches Bild rund um dieses Thema zeichnen – im Grunde sind wir uns alle im Klaren darüber, dass eine Entwicklung in diese Richtung manch einer/m viele Vorteile bringen kann. Andererseits ist es eine grauenvolle Vorstellung in der langweiligen Welt voller Workaholics zu leben in der jede noch so eintönige Arbeit unglaublich spannend erscheint.

Am Ende, und um wirklich optimistisch abzuschließen, liegt vielleicht gerade in hyperaktiven Auffälligkeiten evolutionäres Potential. – Denn wie die Relativitätstheorie uns weis machen will, vergeht die Zeit für den bewegten Beobachter langsamer, als für den Ruhenden…

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