Wien – Grätzltipps – 2. Leopoldstadt

Kugelmugel (c) Peter Gugerell
Kugelmugel (c) Peter Gugerell

Republik Kugelmugel

14. November 2011 • 2. Leopoldstadt, Gut zu wissen

Die kleinste Republik der Welt

Welches ist die kleinste Republik der Welt? Nein, es ist nicht Nauru, der Inselstaat im Pazifischen Ozean. Es geht noch kleiner: Die Republik Kugelmugel an der Prater Hauptallee ist kaum größer als eine Zweizimmerwohnung und hat einen Durchmesser von rund acht Metern.

Wer die Hauptallee im 2. Bezirk vom Praterstern in Richtung Lusthaus entlang schlendert, dem wird etwa auf Höhe des Riesenrades zu seiner Linken eine orange-braune Kugel von etwa acht Metern Durchmesser ins Auge stechen. Von dickem Stacheldraht umzäunt, blicken den Vorbeispazierenden fast wie eine Drohung zwei düstere, an zusammen gekniffene Augen erinnernde Fenster an. Außerdem prangen dort ein dickes Grenzübergangsschild und eine große Kundmachung, die einem eindringlich klarmachen sollen, dass es sich hierbei nicht etwa um eine weitere Praterattraktion handelt, sondern um eine ernst zu nehmende Republik.

Diese verfügt des Weiteren sogar über ein Straßenschild, den Antifaschismusplatz, sowie ein Lobesschild für den ersten, einzigen und selbst ernannten Präsidenten, Edwin Lippburger-Kugelmugel: „Dieser Platz ist dem großen demokratischen Revolutionsführer Edwin Lippburger, der hier begonnen hat, die ganze alte Moral abzuschaffen und alle Korruptionsformen unter jeder Maske zu bekämpfen und auszumerzen, gewidmet.“

 

Kugelmugels unrunde Geschichte

Kämpfen musste Präsident Edwin in der Tat sehr viel, bereits vor der Ausrufung der Republik im Jahr 1972 hatte es das arme Kugelmugel nicht allzu leicht, und musste sogar einen Umzug verkraften.

1971 wurde das Staatskonstrukt von Edwin Lipburger-Kugelmugel zunächst im niederösterreichischen Katzelsdorf positioniert. Als Hintergrund der Konstruktion ist ein gewisser Fetisch allem gegenüber, was rund ist („Eine Kugel ist das einzig Wahre auf dieser Welt“), zu sehen und die gleichzeitig daran anknüpfende Kritik, dass die moderne Bauweise und der moderne Lebensstil amorph seien. „Alles ist rund, die Erde, das Leben, die Kugel, alles dreht sich… Warum baut man nicht runde Häuser, warum wohnen wir nicht in Kugeln?“, wettert Präsident Lipburger-Kugelmugel gegen den Zwang, den künstlich geschaffenen Raum mit dem natürlichen Raum stets in Verbindung bringen zu müssen. Seinem eigenen heroischen Einsatz gegen diesen untragbaren Zustand huldigt er daraufhin mit folgenden Worten: „Um eine solche Abstraktion der Materie in der grünen Natur zu verwirklichen, war Lipburger der richtige Mann, der zu allem, was erforderlich war, das Können und den Mut besaß.“

Die Legitimation dafür, aus der Kugel eine Republik machen zu können, sieht der Präsident in der geometrischen Form selbst verankert: Da eine Kugel den Boden nur in einem einzigen Punkt berührt, hat sie quasi keine Fläche und fällt somit unter keinerlei Flächenwidmungspläne und damit zusammenhängende Bestimmungen.

 

Lipburger-Kugelmugel vs. Zilk: 0:1

Diese logische Staatsphilosophie teilte man im beschaulichen Katzelsdorf freilich nicht: Nachdem Lipburger wegen Amtsanmaßung zu zehn Wochen Haft verurteilt worden war, wurde die Kugel gen Wien ins Rollen gebracht, wo ihr dank damaligem Bürgermeister Dr. Helmut Zilk Asyl gewährt werden sollte. Dass ausgerechnet dieser recht schnell zu Kugelmugels erklärtem Staatsfeind werden sollte, machte Präsident Lipburger-Kugelmugel schwer zu schaffen und äußert sich bis heute in einer, an der Außengrenze der Republik befestigten „Kriegserklärung“. In dieser wird Herrn Zilk vom empörten Präsidenten die einst in aller Freundschaft und Dankbarkeit zugesprochene Ehrenstaatsbürgerschaft aberkannt, sowie auch alle verliehenen Ehrenbezeigungen.

Kugelmugel (c) Peter Gugerell

Kugelmugel (c) Peter Gugerell

Wie konnte es bloß so weit kommen?

Der Disput mündete schnell in einem der wohl skurrilsten Gerichtsverfahren, als die Republik Kugelmugel die Stadt Wien klagte: Entgegen aller Versprechungen, die Republik nicht bloß mit einem idyllischen Standort an der Wiener Hauptallee zu versorgen, sondern ihr auch noch Strom, Wasser und Gas zuzuführen, entbehrt Kugelmugel zum Entsetzen des Präsidenten nach wie vor jedes Anschlusses. So wundert es nicht, dass Lipburger-Kugelmugel seiner Rage mit einem solch drastischen Schritt wie der Aberkennung der Ehrenstaatsbürgerschaft Ausdruck verlieh.

Wer sich genauer in die Materie einlesen möchte, dem sei ein Besuch der Staats-Homepage empfohlen, auf der sich gesammelt behördliche Briefwechsel und Kundmachungen befinden, außerdem auch eine Grundsatzrede oder aber Details zu den baulichen Begebenheiten der Republik.


Bereits über 600 Kugelmuglaner

Angeblich soll es weltweit 611 (Stand Februar 2008) offizielle Staatsbürger der offiziell nach wie vor nicht anerkannten, jedoch im Wiener Prater geduldeten Republik geben. Ob sie nun lieber Kugelmugler, Kugelmuglaner oder Kugelmuglis genannt werden möchten, bleibt leider im Unklaren.

Damit reiht sich die Republik Kugelmugel in eine ansehnliche Liste so genannter Mikronationen ein, derer es weltweit schätzungsweise 500 gibt. Hier muss Kugelmugel aber durchaus keinen Vergleich scheuen: Es gibt zwar größere, wie die Freistadt Christiania im dänischen Kopenhagen oder den State of Sabotage auf der finnischen Insel Harakka. Bedenkt man jedoch Kugelmugels Größe im Vergleich zur Anzahl der Kugelmuglis, so kann sich Lipburger-Kugelmugel aber zurecht auf die Präsidentenschulter klopfen – es gibt sogar eine eigene Briefmarke!

Eva Felnhofer

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Republik Kugelmugel

Antifaschismusplatz 2
1020 Wien

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