Kultur – Musik

Chris Whitley.

Remembering Chris Whitley

27. Mai 2013 • Musik

Erinnerungen an einen Ausnahme-Songschreiber

From one Island to another… stadtbekannt erinnert sich, auch ohne großen Anlass, an den Ausnahmesongschreiber Chris Whitley. Eine Empfehlung, sich in sein Werk einzuhören.

Bei Chris Whitley war der Blues der Ausgangspunkt. Die Notwendigkeit, die Dringlichkeit des Blues, auch die vielleicht kathartische Verzweiflung. Und doch ist Chris Whitley von diesem Ausgangspunkt immer wieder in alle Richtungen gewachsen, wie soviel an Musik von diesem Ausgangspunkt Blues immer in alle Himmelsrichtungen gewachsen ist, mit Dobros und anderen blechernen Sechssaitigen, brüchig, verzerrt, seltsam, dringlich lärmend. Egal wohin die Reise musikalisch ging war dieses Fundament, das Fundament das ihn unter so vielen speziellen Liederschreibern und Getriebenen mit ihren zerschlissenen Gitarrenkoffern so anders, so speziell gemacht hat. Whitleys Lyrics, rastlos und klug, haben Szenarien gemalt, Bilder.

 

Mit Brüchigkeit Dichte erzeugen

Chris Whitley war fähig, mit Brüchigkeit Dichte zu erzeugen. Mit dem was er gespielt hat – und stereotyp wie das jetzt auch klingen mag, mit dem was er ausgelassen hat, mit dem was er nicht gespielt hat. Mit dem an und für sich Minimalen. Mit diesem extremen Talent, mit Stimme und einer oft nicht einwandfrei gestimmten Gitarre.

Das hat alles genau so passieren müssen, das wäre nicht anders gegangen bei Whitley. Kompromisse waren da kein Teil davon, undenkbar. Den großen Durchbruch, den hat er nicht geschafft, kommerziell erfolgreich war er nie. Es wäre ihm zu wünschen gewesen, dass er finanziell abgesicherter gewesen wäre, genau so wie es zu wünschen gewesen wäre, dass er sich nicht so selbst gequält hätte, wie er das offensichtlich getan hat. Unzählige Entzüge, unzählige Dämonen. Das Bild von der genialen und zärtlichen, aber leider gequälten Seele: ein Klischee, vielleicht. Aber bei Whitley unumgänglich.

 

„I can say I heard him, and I can say that I understood it and felt it“.

Es gibt soviele großartige Whitley-Alben, aber am besten war er immer, wenn er alles aufs Skelett reduziert hat. Und das hat er auch gerne getan, vielleicht weil er diverse Arrangements beizeiten als korrigierenswert, beschwerend empfunden hat. Vielleicht auch nur aus Spaß. Am Ende aber auch immer als Geschenk an jene, die ihn gerne gehört haben. Das waren keine Millionen, aber ein treuer Fankreis. Und jener Fankreis, der auch aus prominenten Mitstreitern wie Daniel Lanois oder Dave Matthews bestanden haben, haben ihn nicht nur gerne gehört, sondern ihn regelrecht geliebt. Dave Matthews meinte einmal, paraphrasierend, dass für keine Musik (nicht einmal oder gerade nicht für seine eigene) eine derartige Hingabe empfindet. „Ich kann sagen, dass ich ihn gesehen habe, und ihm zugehört habe. Und ich kann sagen, dass ich es verstehen und fühlen konnte“, besagte ein schönes Posting auf dem sonst nur bedingt mit Geistesblitzen kommentierten youtube. Man hätte es schwer schöner formulieren können.

 

Alienation in the middle of town …

1991 veröffentlichte er sein Debüt-Album „Living With The Law“. Von dem Moment war alles klar. Produziert hat Malcom Burns, aus dem Daniel Lanis Umfeld. Ein bisschen mehr als ein Dutzend Alben sind es geworden, wenn ich richtig gezählt habe. „Din Of Ecstasy“, sein zweites Album hatte dann nochmal eine deutlich größere Portion an Noise und Dirt, im positivisten Sinne. Ähnlich auch „Terra Incognita“, mit dem übergrandiosen „Power Down“. Auf „Weed“ hat er dann alles nochmal im Grundgerüst aufgenommen, er mit Gitarre, zwei Track-Recording im Badezimmer seiner Freundin. Da merkte man, dass – wie toll die Arrangements und Bandsounds teilweise waren – Whitleys Stimme und sein einzigartiges Gitarrespiel gereicht hätte. Auf „Perfect Day“ nahm sich Whitley dann, aufgenommen in einer Scheune, einigen seiner Lieblingsstücken an. Dylan zum Beispiel, und auch dem namensgebenden „Perfect Day“ von Lou Reed, einer unfassbar atmosphärischen, beklemmenden und, wie so oft, wunderschönen Version.

Mein absolutes Lieblingsalbum aber bleibt „Hotel Vast Horizon“ – das war Whitley in Topform, das waren Songs, die klingen als wären sie immer schon dagewesen. Eine Qualität, die große Songs oft besitzen. „I’ll meet you there / when the evening writhes / I will know the location by the look in your eyes“. Dort, wo die Enge und die Schwere und die Schindereien an Gewicht verlieren. Genau so wie „Dirt Floor“ mit diesen tonnenschweren, erlösungsuchenden Songs wie „Wild Country“. „Soon I’m gonna lose those rags and run / returning to the wild, where I’m from“. No direction home, kann sein – aber ein Versuch ist unverzichtbar.

 

Remembering Chris Whitley

Christopher Becker Whitley ist vor gut 53 Jahren geboren worden und ist vor acht Jahren gestorben. Es gibt kein Jubiläum heute, dass ein Anlass gewesen wäre, genau heute über ihn zu schreiben. Aber der Asphalt und die Hitze haben heute miteinander gespielt während ich ziellos herumgerannt bin, und da musste ich an ihn denken, weil ich dieses Gefühl immer mit ihm verbinde und  ich habe wieder einmal „Hotel Vast Horizont“ im Player gehabt. Und weil der eine oder andere Leser, in dessen Musikkosmos Whitley ebenso verankert ist wie in meinem, sich jetzt wieder einmal eine Whitley-Platte auflegt vielleicht, oder ein paar, die ihn noch nicht kennen, sich das ganze einmal anhören und sich dann vielleicht ein Album besorgen und in eine Diskographie eines Ausnahmekünstlers eintauchen. Anlass genug.

„The constellations, conversations. From one Island to another“.

Markus Brandstetter

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