Wien – Gut zu wissen

Spittelberg (c) STADTBEKANNT
Spittelberg (c) STADTBEKANNT

Prostitution im alten Wien

22. März 2016 • Gut zu wissen, Leben

Die Wiener Prostitution

In Wien soll es um 1820 bis zu 20.000 Prostituierte gegeben haben. Dies entspricht 8% der damaligen Bevölkerung und lag damit deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Grund genug, einmal in die Geschichte der Wiener Prostitution zu schnuppern.

 

Kaiserliche Prüderie

Während Prostitution bis ins 16. Jahrhundert weitestgehend geduldet wurde, begann unter Kaiser Maximilian I. und in Folge einer großen Syphilis-Welle die Verdrängung der Prostitution aus dem öffentlichen Raum. Insbesondere Maria Theresia ging im 18. Jahrhundert rabiat gegen Wiens Prostituierte vor. Öffentliche Auspeitschungen und Vertreibungen gehörten unter ihr zum Arbeitsalltag der Prostituierten. Aber diese drakonischen Strafen konnten die Prostitution nur verdrängen und so etablierte sich im 1. Bezirk eine klandestine Form der Prostitution. Rund um den Graben entstanden Scheingeschäfte, die zumeist als Blumenläden getarnt waren, aber im Geheimen ganz andere Dienste anboten. Und auch vor Wiens heiligen Stätten machte das kriminalisierte Gewerbe keinen Halt. In der Michaelerkirche knieten seinerzeit einige Damen, die sich durch ein unauffälliges Handzeichen vom Gebet abbringen ließen und den auffordernden Herren in die umliegenden Gassen folgten.

 

Bierhäuselmenscher

Ende des 18. Jahrhunderts setzte wieder eine Liberalisierung ein. Am Graben wurde der Standplatz von Prostituierten mittels Kreidestrichen klar begrenzt, aber legalisiert. Eine Praxis, aus welcher sich vermutlich die Redewendung „auf dem Strich gehen“ ableitet. Neben der Innenstadt entstand nun auch am Spittelberg eine rege Rotlichtszene. Noch außerhalb des Stadtzentrums gelegen, befanden sich hier manch zwielichtiges Etablissement. Die Prostituierten am Spittelberg trugen im Volksmund die Bezeichnung Bierhäuselmenscher und erfreuten sich in Freier-Kreisen großer Beliebtheit. Es wird gemunkelt, dass selbst Kaiser Josef II. oft mit diesen Damen verkehrte. Er sei in seinen sexuellen Eskapaden sogar so weit gegangen, dass er einmal hochkant aus dem Spittelberger Lokal „Löberl“ geflogen sei. Das „Löberl“ gibt es heuer immer noch, es heißt nunmehr „Witwe Bolte“ und liegt in der Gutenberggasse 13.

 

Prostitution am Naschmarkt

Während der Ersten Republik konnte Prostitution in Wien relativ offen betrieben werden. Der bereits in Kaisertagen existente Straßenstrich am Naschmarkt, war nun offen ersichtlich und hoch frequentiert. Eine besondere Bedeutung kommt hier dem Café Anzengruber zu, dass als inoffizielle Kontaktbörse zwischen Freiern und Prostituierten äußerst beliebt war. Die Freier standen hier – je nach Geldbeutel – vor der Wahl, mit den Prostituierten ins kalte oder warme Hotel zu gehen. Das warme Hotel war oft das Hotel Drei Kronen in der Schleifmühlgasse, das kalte Hotel hingegen ein finsterer Hauseingang oder ein Stück Brachland.

 

Verstecke und Verbote

Unter der Herrschaft der Austrofaschisten wurde die Straßenprostitution verboten und der Straßenstrich am Naschmarkt beseitigt. Um ihre Einnahmequellen gebracht, taten sich Ende 1934 zwei Wiener Zuhältergrößen zusammen und errichteten in der Girardigasse 10 ein Laufhaus. Nach außen unscheinbar gehalten, war das Interieur ganz auf die Bedürfnisse des Gewerbes zugeschnitten und bot so manchen Luxus, den man bis dato nur aus Paris kannte. Mit dem „Anschluss“ Österreichs fiel aber auch diese Bastion des käuflichen Sex. Das Haus wurde von NS-Aktivisten gestürmt und die Prostituierten interniert.

 

Studios und Massagesalons in Wien

Hunderte „Studios“ und „Massagesalons“ zeugen davon, dass Prostitution nach wie vor zu einem der wichtigsten Berufsfelder in Wien gehört. Aber wo sich früher die Damen auf einen Kaffee im Anzengruber einladen ließen oder an der Wienzeile mit erotischen Versprechungen lockten, hat schon längst routinierte Triebabfuhr Einzug gehalten. Dass Prostitution gesundheitspolitisch – „Sex ist die beste Vorsorge“ – zunehmend anerkannt wird, hat dabei leider auf die realen Arbeitsbedingungen der Sexarbeiter kaum positive Auswirkungen.

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