Wien – Debatte

Punsch (c) stadtbekannt.at
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Pro/ Contra: Punschtrinken

6. November 2013 • Debatte

Pro (c) STADTBEKANNT

Pro (c) STADTBEKANNT

Was dem Sommer der Radler ist, ist dem Winter der Punsch

Die kalte Jahreszeit steht ganz im Zeichen des alkoholischen Heißgetränks – und das zu Recht, denn ohne den wohlschmeckenden alkoholischen Ausgleich zur Außentemperatur wären vermutlich schon einige erfroren oder an den tiefen Temperaturen verzweifelt. Kaum etwas zaubert so angenehm ein wenig Wärme in unsere Körper und Herzen wie eine Tasse heißer Punsch.

Wer für diese Gefühlsduselei nichts übrig hat, der kann vielleicht mit dieser simplen Gleichung überzeugt werden: bis zu 10% vol. Alkohol plus geschätzte zehn Zuckerwürfel pro Häferl ergeben einen saftigen Rausch – und das bereits am Nachmittag, ohne dass man dafür schief angesehen würde – im Gegenteil! Punschtrinken ist vielmehr soziales Event.

Ob nach der Arbeit oder zwischen zwei Vorlesungen, das obligatorische „Gehen wir noch auf einen Punsch?“ gehört einfach dazu. Das können alte Bekannte oder der fremde Sitznachbar vom Hörsaal sein, der Punschstand verbindet Menschen – und wer sich dem verweigert, hat schnell mal den Stempel als soziophoben Eigenbrötler auf der Stirn. Wer den den Punschstand nicht ehrt, ist in etwa genauso sozial auffällig wie jemand, der nicht bei Facebook ist. Punsch-Muffel sind Spaßbremsen, Langweiler und können nicht genießen. Und kommt mir nicht mit „schmeckt mir nicht“ – ob Beeren,- Früchte-, oder Exotic-Punsch bis hin zu Schoko- und Mozart-Punsch, für jeden Geschmack ist etwas dabei, und wer partout keinen Punsch trinken will der labt sich eben an Glühwein oder Feuerzangenbowle.

Contra (c) STADTBEKANNT

Contra (c) STADTBEKANNT

So muss die Hölle sein und der Punsch ist Schuld

Als Dante in der „Göttlichen Komödie“ die unterste Höllentiefe beschrieb und dort die „Erzverräter“ Brutus, Judas und Cassius verortete, vergaß er den Nachwelt zu übermitteln, dass dieser innerste Höllenkreis den Christkindlmärkten der Gegenwart gleicht.

Ein Inferno aus Kunsthandwerkskitsch, Konsummüll den die TouristInnen aller Herren Länder begeistert erwerben, Menschenmassen und allerlei Tand, den niemand braucht und der dennoch AbnehmerInnen findet. Zusammengehalten wird dieses Fest der Martern, das sich wie ein Reigen um einen bedrohlich strahlenden Baum wiegt, durch eine dicke Schicht klebriger Zuckerwatte und viel Punsch. Punsch, der das verzweifelte Schreien der in ihm gefangenen Kreaturen in das schrille Lachen alkoholgetränkter Glückseligkeit verwandelt.

Wer einmal eingefangen ist von diesem dämonischen Karussel, dessen Rhythmus die wie zum Hohn erschallenden, ohrenbetäubenden Klänge von „Last Christmas“, „Jingle Bells“ und anderer in klebrig süßliche Melodien gegossener Strafen Gottes, vorgibt, der findet kein Entrinnen mehr. Während der Dämonengesang von Wham! und anderen Folterknechten Liebe, große Gefühle, ja gar so etwas wie Menschlichkeit, heuchelt und durch monotone Wiederholung seine Opfer an die Borderline zwischen Amoklauf und totaler Apathie treibt, fließt Punsch die Kehlen der Elenden hinab, deren erstickte Schreie jedesmal wieder von verschenkten Herzen und rotnasigen Rentieren überschrieen werden. Mit glasigen Augen sehen sie das sich immer schneller drehende Dämonenkarussel um sich, während der steigende Alkoholpegel ihnen jedes Anhalten der höllischen Fahrt verunmöglicht.

Punsch ist das Schmiermittel in der Maschinerie des Weihnachtskitschs. Während andere Elende einem unverständliche Wortfetzen, stets durchbrochen durch „gave you my“ „this year“ und anderes, zurufen, und die Klänge der Gesänge die Mauern der Vernunft einreißen wie Trompeten von Jericho, wird noch mehr Punsch nachgetrunken, um wenigstens das nackte Leben selbst zu retten.

Wenn einen irgendwann dieses Karussel des Grauens wieder ausspuckt, zumeist weil entweder das Geld für weiteren Punsch fehlt, oder ein himmlischer Bote in einem unachtsamen Moment der Dämonen, einem leise „fliehe, solange du noch kannst“ zuflüstert, folgt die Strafe in Form von Kopfschmerzen meist sofort.

Die These zu diesem Trauerspiel ist klar: Ohne Punsch würde die Maschine des Christkindlmarktes ins stottern kommen, das Grauen ginge seiner Verlockung verlustig und die Menschen wären frei, von verkitschtem Kunsthandwerk, versengend strahlender Weihnachtsbeleuchtung, den elenden Weihnachtssongs und Lebkuchenherzen. Manche meinen, ich wäre nur ein Träumer, aber ich glaube eine Welt ohne Wihnachtspunsch wäre möglich und besser zugleich.

Im November beginnt jedenfalls erneut die Punschsaison, vielleicht ja die letzte.

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