Kultur

Wiener Staatsoper (c) STADTBEKANNT
Wiener Staatsoper (c) STADTBEKANNT

Opernball – ein Resümee

23. Mai 2010 • Kultur

Wiens Society Event des Jahres ging gestern über die Bühne und war so langweilig wie immer.

Man kann ja prinzipiell viel Blödsinn machen. Zum Beispiel dem netten Herren mit der Glatze und den Springerstiefeln glauben, dass sein Rotweiler nur spielen will, oder bei der ersten Wiener Vogelzählung mitmachen, man kann sich aber auch die ORF-Opernball Übertragung in voller Länge ansehen.

Wenn man das schon mal gemacht hat, dann sollte man auch davon berichten, denn sonst war es ja völlig umsonst. Im Gegensatz zur Annahme von Ball-Mutter Desiree Treichl-Stürgkh, die davon fabulierte, dass viele es sich während der Übertragung vielleicht mit einem Sektglas vor dem Fernseher gemütlich machen würden, fehlte mir eine derartige Stärkung, was das Dargebotene nicht eben erträglicher machte.

Der ORF hatte alles aufgeboten, was Österreichs Fernsehsender Nr.1 aufbieten konnte. Fünf ModeratorInnen und zwei Kommentatoren, unzählige Kameras, die aus unzähligen Perspektiven filmten und und und. Trotzdem gab es Pleiten, Pech und Pannen am laufenden Band.

Die größte Überraschung war Dominic Heinzl, der im Vorfeld und hier wiederum vor allem im vergangenen Jahr große Töne gegen ORF Moderator Alfons Haider spuckte und nun feststellen musste, dass die Live Moderation eben doch etwas völlig anderes ist, als die Berichterstattung im Nachhinein, die das Schönen und Entfernen zahlreicher Pannen gestattet.

Wir haben Niemanden
Heinzel wagte sich mit seinem, nun ja sagen wir gewöhnungsbedürftigen Englisch, auf den Red Carpet und führte dort Interviews, deren Gesprächsfluss erheblich holperte, vor allem wegen der Sprachbarrieren des Journalisten. Mit Katie Price hatte er deshalb so seine liebe Not, die heimische „Prominenz“ liegt ihm da offenbar mehr. Warum es der ORF allerdings nicht schafft, die wenigen englischsprachigen Fragen im Vorhinein einzuüben, oder seinen StarmoderatorInnen einen Englisch Kurs zu gönnen, bleibt wohl ein Geheimnis des Küniglbergs.

Aber auch ansonsten blieb es unfreiwillig komisch. Einmal war den InterviewerInnen offenbar unklar, dass sie live auf Sendung waren und auch die interne Kommunikation der InterviewerInnen mit der Regie war einige Male zu hören. Wobei Dominic Heinzels irrtümlich zu hörender Ausspruch „Wir haben Niemanden“, der sich auf die mangelnde Stardichte am Red Carpet bezog, ein zwar unfreiwilliges aber passendes Resümee des Abends lieferte.

Neben diesen kleinen Pannen und der Zacke, die dieser Event aus Society King Heinzls Krone schlug, blieb das ganze im Rahmen des Erwartbaren. Ioan Holender nutzte die Gunst der Stunde, noch einmal so richtig Ioan Holender zu sein. So manchen Gästen war anzumerken, dass sie dem langjährigen Operndirektor, dessen Vertrag im Juni 2010 endet, keine all zu dicken Tränen nachweinen werden. Der Operndirektor, der den Ball stets nützt um seine anarchistische Seite zum Vorschein zu bringen, lässt die Wiener Hautevolee an diesem Abend immer spüren, was er von ihr hält. Ihr vorgeschobenes Interesse an den Schönen Künsten, das vielfach nur als Vorwand dient, um sich selbst zu präsentieren, gibt ihm jedes Jahr Anlass Spott und Beleidigungen auszuteilen. Manch eine/r hält den Operndirektor für einen arroganten Selbstdarsteller, man kann ihn aber auch, wie beispielsweise der Autor dieser Zeilen, für einen der unterhaltsameren und angenehmeren arroganten Selbstdarsteller dieses Abends halten.

Alles wie immer
Das Grunddilemma dieses Balles besteht im Grunde schon seit vielen Jahren und prägte auch den gestrigen Abend. Die angebliche Society, die jeden Frühabend im Menschenzoo-TV zu bewundern ist, kann sich die Karten für den Ball in den allermeisten Fällen nicht leisten, oder wenn dann nur die billigsten Plätze und fehlt deshalb. Ausgenommen sind diejenigen, die entweder eingeladen werden oder die deren Prominenz ihnen auch Wohlstand einbrachte. Die internationale Society interessiert der Ball schlicht nicht, da er international kaum wahrgenommen wird. Die meisten FernsehzuschauerInnen in Österreich und Deutschland kennen deshalb die meisten der anwesenden Gäste nicht. Weswegen dem Boulevard nichts anderes übrig bleibt, als sich wie die Geier auf die wenigen Promis zu stürzen und die anwesenden österreichischen B-Promis auf Überlebensgröße aufzublasen.

Die oberen 10.000, also die wirkliche selbsternannte bessere Gesellschaft, hat großteils kein Interesse an der medialen Selbstinszenierung und auch das Fernsehpublikum kennt sie namentlich zumeist nicht. Viele aus diesen Zirkeln bleiben dem Ball deshalb fern, oder meiden zumindest die TV-Kameras.

Die Politik mischt bei dem ganzen Auflauf natürlich auch kräftig mit und entblödet sich auch über 90 Jahre nach der Ausrufung der Republik nicht, jedes Jahr diesen Abend des monarchischen Abglanzes zu veranstalten.

Während sich der Boulevard auf die wenigen Busenwunder, Schönheitschirugen-Anhängsel und Promi-Juroren stürzt und dabei Richard Lugner jedes Jahr unbezahlbare Gratis Werbung frei Haus liefert, versucht der ORF einen Spagat. Man interviewt zwar auch die Promis, verwickelt daneben aber die Politiker in pseudolustige Unterhaltungen und lässt die KünstlerInnen zu Wort kommen, indem man sie aufs Ausgiebigste befragt, wie ihnen dieser wundervolle Ball denn gefalle. Für all diese Spielarten der Berichterstattung bietet man verschiedene InterviewerInnen auf, von Dominic Heinzel bis Barbara Rett.

All das zieht sich auf Dauer ziemlich und so manch/e TV-KonsumentIn gab wohl früher oder später auf. Jedes Jahr wieder gibt es im Vorfeld des Balls einen gigantischen Hype und jedes Jahr wieder wird am Ende des Balls festgestellt, dass eigentlich nicht viel war. Auch beim Opernball neigt man in Österreich eben zu einer Selbstüberschätzung, die sich im Nachhinein dann als Selbstbetrug herausstellt. Über 1,6 Millionen Menschen haben es sich trotzdem angesehen und wir schließlich auch.

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