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Wienwoche
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MIGRAZIJA-YEAH-YEAH! – Die WIENWOCHE 2014

17. September 2014 • Kultur

Gespräch mit den WIENWOCHE-Initiatoren

Bereits zum dritten Mal in Folge findet heuer die WIENWOCHE statt. Das Kulturfestival steigt bis 28.September an zahlreichen Spots quer durch Wien und steht dabei ganz im Zeichen der Migration.

STADTBEKANNT traf sich mit zwei der drei Initiatoren, Petja Dimitrova und Can Gülcü, zum Gespräch.

Initiatoren (c) Wienwoche

Initiatoren (c) Wienwoche

Wer steckt eigentlich hinter dem Projekt und was passiert während der WIENWOCHE?
Dimitrova: Die Wienwoche findet zum dritten Mal statt und ist ein Kulturfestival, das von der Stadt Wien finanziert und von einem unabhängigen Verein geleitet wird.
Gülcü: Wienwoche macht jährlich eine Ausschreibung zu einem Schwerpunktthema – dieses Jahr Migration, letztes Jahr war es Demokratie. Die Inhalte der Projekte werden von unterschiedlichen Kunstschaffenden und Initiativen aus Wien gestaltet.

 

Gibt es ein internationales Vorbild oder Städte, mit denen enger kooperiert wird?
Dimitrova: Nein. Es passiert ausschließlich in Wien, weil sich die Praxis thematisch mit lokalen Initiativen beschäftigt, die schon länger im Kulturbereich dieser Stadt tätig sind. Das Projekt ist natürlich offen für internationale Beteiligung. Wir haben aber kein Vorbildmodell, sondern konzentrieren uns auf zeitgenössische kulturelle Praxen, die gesellschaftskritische Themen auflisten. Es geht darum, den Kulturbegriff zu erweitern und zu überdenken. Wer produziert Kultur und Kunst? Für wen wird sie produziert? Das ist eine unserer Hauptfragen.

 

Der Folder zur Veranstaltung kündigt einen „Integrations-Crashkurs“ für den/die BesucherIn an. Was darf man sich darunter vorstellen?
Gülcü: Grundsätzlich gehen wir sehr kritisch mit dem Integrationsbegriff um. Integration wird in medialen und politischen Diskursen so verwendet, dass die eine Seite der anderen vorgibt, sich an eine bestimmte vorhandene oder imaginierte Wirklichkeit einer Gesellschaft anzupassen. Das lehnen wir ab, weil eine Gesellschaft natürlich aus all ihren beteiligten Menschen und aus allen möglichen Formen des Zusammenlebens besteht. Mit Integrations-Crashkurs ist gemeint, unterschiedlichen Menschen aufzuzeigen, was in dieser Gesellschaft eigentlich Norm und Normalität ist. Der Crashkurs dabei ist, aufzuzeigen, dass dieses unterschiedliche Wissen und diese unterschiedlichen Meinungen innerhalb einer Gesellschaft vorhanden sind.
Dimitrova: Es geht um kritische Aufarbeitung von gesellschaftlichen Konflikten. Migration ist ein sehr wichtiges Feld. Das Thema beschäftigt uns alle. Dieses Jahr beteiligen sich eben auch mehrere MigrantInnen. Besonders demokratiepolitische Ansichten werden thematisiert. Wie entwickeln wir diese Gesellschaft demokratiepolitisch?

 

Das Festival wird auf Initiative der Wiener Grünen veranstaltet. Was hat sich im Hinblick auf MigrantInnen verändert, seit die Grünen in Wien mitregieren?
Gülcü: Wir können weder im Namen der Wiener Grünen sprechen, noch macht es viel Sinn, entlang der grünen Beteiligung in Wien die Migrationspolitik Österreichs zu analysieren. Die Migrationspolitik – sowohl die Gesetze, als auch die tägliche Praxis – verschärft sich in Österreich schon seit Jahrzehnten. Das verändert sich natürlich nicht, wenn eine einzelne Partei in der Stadtregierung sitzt. Es sind sehr viele unterschiedliche Akteurinnen beteiligt. Vom Innenministerium abwärts hat sich – wenn sich etwas verändert hat – alles zum Schlechten verändert.

 

Woran könnte das eurer Meinung nach liegen?
Gülcü: Es wird eine Verwaltung im Sinne Europas angestrebt. Grenzpolitiken werden verschärft, die Festung soll abgeschottet werden. Das Problem ist nicht Österreich-spezifisch, obwohl Österreich eine der schärfsten Asyl- und Staatsbürgerschaftsgesetzgebungen in Europa hat. Einerseits will man sich abriegeln, andererseits zeigt man sich gnädig und lässt MigrantInnen ins Land kommen, die Leistung erbringen, wenn man etwa an die Rot-Weiß-Rot-Karte denkt.
Dimitrova: Es geht darum, auf eine Reservee-Armee an Arbeitern zurückgreifen zu können. Es geht um Ausbeutung, um Abhängigkeitsverwaltung. Es geht um Verwerten von Menschen und ums Zurückschicken dieser. Migrantische Gruppen werden im kapitalistischen Sinne benützt.
Gülcü: Was wir mit der Wienwoche auch zeigen wollen, ist, dass die Migration als Sündenbock für alles herhalten muss. Wenn es ein Problem mit der Schulbildung gibt, liegt es nicht am Schulsystem, sondern die MigrantInnen sind schuld, weil sie mit einer anderen Muttersprache in die Schule kommen, was im Grunde ja etwas Gutes sein könnte. Es betrifft einfach unterschiedlichste soziale Felder, in denen MigrantInnen als Sündenböcke herhalten müssen. Das siehst du jeden Tag in der Zeitung.
Dimitrova: Und deswegen wollen wir die Migration feiern. Wir versuchen mit dem Schrei der Wienwoche „Migrazija-Yeah-Yeah“ zu zeigen, dass Migration da ist, dass es ohne Migration nicht geht und dass Migration die Verhältnisse der Demokratie und des Nationalstaats herausfordert. Dass sie als Anregung zur Verbesserung, zum kritischen Überdenken und zur Selbstreflexion dienen soll – für mehr Recht und für gesellschaftliche Umgestaltung.

 

Es gab im Vorfeld der Veranstaltung Anfeindungen durch die Wiener FPÖ, die in der Wienwoche lediglich eine Verschwendung von Steuergeldern sehen. Wie reagiert ihr auf solche Vorwürfe. Ist man verärgert oder freut man sich über die Promotion?
Gülcü: Die Beweggründe der FPÖ sind klar. Ihnen geht’s nicht um eine reflektierte Kritik des Kulturbetriebs sondern einerseits darum, gegen die Stadtregierung zu wettern. Andererseits geht’s natürlich auch darum, gegen unterschiedliche Beteiligte und Inhalte der Wienwoche zu wettern. Die FPÖ ist eine offen homophobe Partei und bei der Wienwoche kommen immer wieder Menschen aus der queeren Community und aus der Gay- und Lesbencommunity, um ihre Projekte an die Öffentlichkeit zu tragen. Nur deshalb steigt die FPÖ auf solche Veranstaltungen drauf. Wenn es ihr wirklich um die Verteilung der Steuergelder gehen würde, dann würde sie unter den 230 Millionen Euro Kulturbudget der Stadt Wien auch etwas anderes finden. Werbung ist das aber keine.

 

Gibt’s sowas wie einen Geheimtipp oder ein Wienwochen-Must-See für die STADTBEKANNT-LeserInnen?
Dimitrova: Am besten das Programm anschauen. Es ist für alle was dabei. Dieses Jahr gibt es ganz besonders viele kritische Formate, die wir gemeinsam feiern können. Die Leute sollen kommen und sich umarmen und lieben und zusammen Geschichten erzählen.

 

Die WIENWOCHE läuft noch bis 28.September 2014.
Das gesamte Programm gibt es unter www.wienwoche.org

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