Wien – Grätzltipps – 12. Meidling

Meidlinger Markt (c) Nohl stadtbekannt.at
Meidlinger Markt (c) Nohl stadtbekannt.at

Meidlinger Markt

28. März 2015 • 12. Meidling, Grätzltipps2 Kommentare zu Meidlinger Markt

Markt und Straßen stehen verlassen …

Weniger nach Einkaufserlebnis und mehr nach einem Hitchcock ist es mir zunächst vorgekommen als ich vor dem Meidlinger Markt gestanden bin. Und das obwohl die Sonne geschienen hat!

Alle Klischees also bestätigt. Meidling ist ein Teil Wiens, den man lieber meiden möchte – außer man amüsiert sich über das Meidlinger L, dann sei seine Erwähnung klarerweise gestattet. Und dann ist das sogar eigentlich positiv, denke ich.

Meidlinger Markt Stand (c) Nohl stadtbekannt.at

Meidlinger Markt Stand (c) Nohl stadtbekannt.at

Um allen schockierten Lesern aber erst gar nicht die Möglichkeit zu bieten, über meine Arroganz zu schimpfen, sei hier schnell hinzugefügt, dass sich am Ende meines Ausfluges das ein oder andere Vorurteil gar nicht so recht bestätigen wollte und der Meidlinger Markt es irgendwie geschafft hat, mich in seinen Bann zu ziehen.

 

Der Milchbart steht ihm gut

Und das mag wohl daran liegen, dass dieser Markt so langsam aus seinem Tiefschlaf erwacht. Ich behaupte einmal, das liegt an seinem angesagten Milchbart! Das Milchbart ist nämlich ein kleines Marktlokal, das Koch, Fotograf und Grafiker Christian Chvostas dem Meidlinger Markt aufgesetzt hat und damit mit frischem Charme irritiert.

Meidlinger Markt Milchbart (c) Nohl stadtbekannt.at

Meidlinger Markt Milchbart (c) Nohl stadtbekannt.at

Auf den Tisch kommt außer Frühstück täglich ein Menu. Da gibt es zum Beispiel Bekanntes wie Backhendlsalat und Topfenknödel oder Exotischeres wie Chinkali (ja ich musste auch nachsehen – das sind georgische Teigtaschen mit Faschiertem) und Schokokuchen mit marinierter Honigmelone. Gekocht wird mit dem, was der Markt bietet. Und das ist so einiges! Donnerstag ist übrigens Burrito Tag und am Freitag darf die Kundschaft Web 2.0. sei Dank auf Facebook mitentscheiden, was Christian kochen soll. Der Motor, der rechtzeitig angedreht wurde, um dem versifften Markt noch einmal eine Chance zu geben. Denn Christian ist mit großem Optimismus dahinter, hier so einiges wieder zum Laufen zu bringen.

 

Auf den zweiten Blick

Und das durfte ich gleich am eigenen Leib erfahren. Nach Erläutern meines Vorhabens, einen Artikel über den Meidlinger Markt schreiben zu wollen, hat er mich nämlich kurzerhand zu einer kleinen Entdeckungstour durch das Areal aufgefordert. Nach anfänglicher Skepsis, was es hier überhaupt zu entdecken gäbe – ich hatte mich vorher schon von einer trostlosen Fassade zur nächsten kopfschüttelnd vorbei an den menschenleeren Ständen gewagt – war ich dann doch neugierig, wie es dieser junge Optimist schaffen würde, mich davon zu überzeugen, dass der Meidlinger Markt doch nicht so ganz eingefallen sei. Doch schon beim ersten Stand war klar, der Markt hat Potential, er ist liebenswürdig, originell und so richtig wienerisch-international.

 

Spanferkel, Bio-Seifen, Fladenbrot und Flusskrebse

Schneller als ich schauen und mir überlegen konnte, ob ich das denn nun wirklich will, stand ich plötzlich in einem Kühlhaus eines Fleischers, wo mir der Besitzer ganz stolz seine frischen Spanferkeln unter die Nase gehalten hat.

Meidlinger Markt Fleischerei (c) Nohl stadtbekannt.at

Meidlinger Markt Fleischerei (c) Nohl stadtbekannt.at

Gut, dass gegenüber Ablenkung wartet. Den laut Christian schönsten Stand am Markt konnte ich aber leider nur von außen bewundern. Schade, ich hätte mich gerne einmal in Wolfgang Lederhaas Geschäft von duftendem Seifengeruch einhüllen lassen. Schließlich zählen Größen wie Nicolaus Harnoncourt und Arnulf Rainer zu seinen Kunden. Schon ein wenig ungewöhnlich, denke ich mir, ausgerechnet dort sein Geschäft zu eröffnen? Langsam drängt sich mir immer mehr der Gedanke auf, welch‘ Potenzial dieser Standort haben muss.

Und da ist Anna. Ein bisschen Café und ganz viel Feinkostladen: Anna am Meidlinger Markt ist beides. Wer Zeit hat, lässt sich auf den bunten Stühlen im Freien oder gemütlich im Inneren des kleinen Marktstandes nieder. Serviert wird dann, was frisch, nachhaltig und oft biologisch ist: herrliche Kuchen (zum Beispiel Birne-Rosmarin!), ein Käseteller, selbst gerösteter Kaffee. Jetzt schon legendär ist Anna für ihren Wurstsemmel der fairen Art: Die Extrawurst kommt ohne Konservierungsstoffe aus und stammt von der Fleischerei Hödl, die Gurkerl legt sie selbst ein.

Anna am Meidlinger Markt (c) STADTBEKANNT Moser

Anna am Meidlinger Markt (c) STADTBEKANNT Moser

Beim Vorbeispazieren an geschlossenen Rollläden und „Zu Verkaufen“ Schildern sinniere ich sogar schon von meinem eigenen kleinen Lokal am Meidlinger Markt. Doch da sind wir auch schon im nächsten Geschäft gelandet. Cevapcici und Schafskäse, Wein und Eingelegtes aus der rumänischen Küche werden im Carpatia feilgeboten.

Meidlinger Markt Bäckerei (c) Nohl stadtbekannt.at

Meidlinger Markt Bäckerei (c) Nohl stadtbekannt.at

Die nächsten Geschäfte warten mit Fladenbrot beim türkischen Bäcker Diwan und Flusskrebsen beim Fisch Klima auf. Und überall marschiert Christian voller Freundschaft und Fröhlichkeit hinein. Da nimmt die kleine Runde jedoch schon sein Ende, die Kellnerin ruft ihn zurück ins Lokal, er muss wieder neue Gäste bekochen.

 

Unbeschriebenes Blatt

Da stehe ich nun ich armer Tor in diesem Markt von dem ich zehn Minuten vorher nur gedacht hatte, „Oh mein Gott: Menschenleere, geschlossene Geschäftslokale, das Gurren der Tauben, die sich um die großen Mistkübeln herumscharen, traurige Gesichter, ich will hier weg“. Und jetzt? Jetzt sehe ich ein unbeschriebenes Blatt, das danach lechzt bekritzelt, bemalt und geformt zu werden, um dem Meidlinger Markt wieder Leben einzuhauchen!

Was ein Milchbart alles ausmachen kann!

Meidlinger Markt Milchbart Bild (c) Nohl stadtbekannt.at

Meidlinger Markt Milchbart Bild (c) Nohl stadtbekannt.at

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2 Antworten auf Meidlinger Markt – Verstecken

  1. milchbart sagt:

    danke
    für diesen wunderbaren artikel… hast die stimmung perfekt getroffen!

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