Wien – Leben

Margareten (c) stadtbekannt.at
Margareten (c) stadtbekannt.at

Margareten – Gentrifizierung oder willkommener Wandel?

10. Juni 2013 • Leben

Der am dichtesten besiedelte 5.Gemeindebezirk Margareten wird zum neuen Szene-Viertel. Entrepreneure, Künstler und Gastwirte prägen den im Umbruch begriffenen Bezirk, die Hipster-Dichte steigt rapide.

Der als grau und heruntergekommen verschriene Arbeiterbezirk erfährt in den letzten Monaten eine radikale Wende. Vor allem in den unteren Straßenzügen zwischen Pilgramgasse und Margaretenstraße werden unzählige leerstehende Ladenlokale aufwendig saniert, Dachgeschosse ausgebaut und beinahe wöchentlich eröffnen kleine Geschäfte, Bars und neue soziale Treffpunkte. Fährt man Richtung Gürtel herauf, so wird das Bild wieder geprägt von bröckelnden Substandard-Wohnungen und Gemeindebauten – übrigens dem ersten Hochhaus der Stadt Wien, nämlich dem 68 Meter hohe Matzleinsdorfer Hof. Um die Wienzeile herum jedoch sticht das omnipräsente Marketing des Bezirks ins Auge: Die Margarite, einfallsreicherweise die Patenblume des Bezirks, leuchtet nachts über den Straßen, tagsüber findet man sie in kurzen Abständen auf den Gehsteig gemalt.

Kultur, Gastronomie und Lebensfreude

Edle Enotecas wie das „La Vita e Bella“ an der Pilgramgasse laden zu einem gemütlichen Glas zu zweit ein, abgerundet von italienischen Vorspeisen und dem berühmt wie berüchtigten Gesang des Wirtes. Wagt man einen Blick in die vielbefahrene Schönbrunner Straße, so fallen sofort die zahlreichen Baustellen auf. Beinahe in jedem zweiten Haus werden Erdgeschosse kernsaniert, Dachgeschosse ausgebaut oder die vom Abgas verfärbten Fassaden frisch gestrichen.

Unter dem Schatten hochgewachsener Bäume lädt der Margaretenplatz zu einem Bummel über den jeden Donnerstag stattfindenden Biomarkt ein, wo lokale Erzeuger von Salat über Würstel bis zu Wein und Schnaps ihre Produkte anbieten.

Neben der Grande Dame der deutschsprachigen Gegenwartslyrik und Ur-Margaretnerin Friederike Mayröcker siedeln sich immer mehr Kulturschaffende an. Zahlreiche winzige Ladenlokale beherbergen Independent-Labels, experimentelle Jazz-Projekte Ateliers bildender Künstler, von denen inzwischen knapp 200 im Margaretener Kultur-Almanach aufgeführt werden.

Von Nachtschwärmern empfohlen

„Lebensfreude – Mitten in Wien“, so wirbt der Bezirk für seine Vorzüge und das ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Die junge, urbane und kreative Szene zieht sich vom Freihausviertel langsam aber unaufhaltbar herüber Richtung Margaretenstraße und angrenzende Gassen. Vom Würstelstand an der Pilgramgasse ist es nicht weit zum alteingesessenen Café Rüdigerhof, hinter dem im Morisson-Club die vom Freihausviertel herüberziehenden Nachtschwärmer bis zum nächsten Mittag ihren Lastern frönen können. Doch auch die zahlreichen neuen und überraschend günstigen Gastronomien im Schloßquadrat, die Homosexuellen-Diskothek auf der Schönbrunner Straße oder im Dreieck um den Margaretenplatz in der Entstehung befindlichen Hipster-Kneipen lassen kaum noch Wünsche für die Abendgestaltung übrig. Zunächst befinden sich die in unmittelbarer Naschmarkt- und U4-Nähe gelegenen Straßenzüge im massiven Prozeß der sogenannten Aufwertung. Der verhältnismäßig hohe Migrantenanteil tritt immer weiter in den Hintergrund, nur noch auf der belebten Reinprechtsdorfer Straße reiht sich noch ein türkischer Supermarkt – in dem sich übrigens deutlich günstiger einkaufen läßt als beim Hofer! – an Kebab-Läden und Wettlokale. Studenten-WGs prägen inzwischen die großzügigen Altbau-Wohnungen, deren Bausubstanz fast vollständig erhalten geblieben ist. Ob Margareten das gleiche Schicksal ereilen wird wie den Neubau, bleibt abzuwarten.

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