Kultur

Marcel Reich Ranicki (c) Smalltown Boy
Marcel Reich Ranicki (c) Smalltown Boy

Marcel Reich-Ranicki ist tot.

19. September 2013 • Kultur

Erinnerungen an den Literatur-Papst

Marcel Reich-Ranicki war ein Urgestein, eine Insititution und ein gefürchteter Richter über die deutschsprachige Literaturlandschaft. Am 18. September 2013 verstarb er 93-jährig.

 

Ein bewegtes Leben

Der Kritiker wurde 1920 in Polen, in Wloclawek an der Weichsel, geboren. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde seine Familie, die zu dem Zeitpunkt in Berlin lebte, 1938 wieder nach Polen ausgewiesen und ins Warschauer Ghetto überstellt. Reich-Ranicki gelang 1943 zusammen mit seiner Frau die Flucht – seine Familie wurde in den Vernichtungslagern der Nazis umgebracht.

In Deutschland etablierte sich der wortgewaltige Reich-Ranicki bald als Literaturkritiker. Zunächst kritisierte er in der „Zeit“ und leitete dann die Literaturredaktion in der Frakfurter Allgemeinen Zeitung. Seine unterhaltsamen und oft vernichtenden Urteile wurden endgültig einem breiten Publikum durch die Fernsehsendung „Das literarische Quartett“ zugänglich. Er hielt nie hinterm Berg, seine Urteile waren gewaltig und oft beinahe grausam. Was er hochlobte, wurde meist zum Bestseller, was er verriss, galt als schlecht und wer seinen eigenen Verriss miterlebte, stand oft im offenen Zwist mit dem Kritiker. So z.B. Martin Walser, der den Roman „Tod eines Kritikers“ veröffentlichte.

Seine Auftritte galten oft als amüsant, waren aber gleichzeitig gefürchtet. Mit großem Selbstbewusstsein lehnte er gar den ZDF-Fernsehpreis ab und gab seine Meinung zur gegenwärtigen Fernseh- und Kulturlandschaft ab.

Reich-Ranicki hat Zeit seines Lebens polarisiert und wird es wohl auch noch nach seinem Tod tun. Wir haben zum Andenken an diesen zynischen und brutal ehrlichen Geist ein paar Zitate zusammengestellt.

 

Über Litertaurkritik

„Dieses Literarische Quartett ist keine Veranstaltung im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit. Was schlecht ist, ist schlecht, und es muss gesagt werden.“(18.2.1991)

„Jede Kritik, die es verdient, eine Kritik genannt zu werden, ist auch eine Polemik.“

„Man soll die Kritiker nicht für Mörder halten. Sie stellen nur den Totenschein aus. “

 

Über Literatur

„Manchmal ist eine Schreibblockade für die Leser ein Segen, das wollen wir nicht vergessen.“ (im „Literarischen Quartett“ am 15. Dezember 1994)

„Unverständlichkeit ist noch lange kein Beweis für tiefe Gedanken.“

„In den Illustrierten und auch in manchen Sendern arbeiten Analphabeten. Das ist meine Sache nicht.“  (12.2.1990)

 

Scharfzüngig über einzelne SchriftstellerInnen

„Seine letzten Bücher sind so misslungen, dass er jetzt kaum noch Chancen auf den Nobelpreis hat.“ (vor der Vergabe des Nobelpreises an Günter Grass, 1997)

„Was habe ich aus dem Gespräch mit Anna Seghers gelernt? Daß die meisten Schriftsteller von der Literatur nicht mehr verstehen als die Vögel von der Ornithologie.“ – Mein Leben, Stuttgart Deutsche Verlagsanstalt 1999, S. 342 f.

Über Peter Handke: „Es gibt deutsche Schriftsteller, wenn die kompletten Schwachsinn ihrem Verlag liefern, dann hat der Verlag zwei Möglichkeiten: zu drucken oder abzulehnen. Lehnt er ab, dann geht dieser prominente Schriftsteller zu einem anderen Verlag. Zwölf andere Verlage sind glücklich, wenn sie Handke bekommen. Ob ein Buch gut oder schlecht ist, ist für einen Verleger eine sekundäre Überlegung. Das Entscheidende ist: Bringt es Geld oder bringt es Geld nicht?“ (24.8.1995)

Über Walter Kempowskii: „Kempowskiist ein wackerer Sammler, fleißig, hat vier Bände gesammelt und wir danken Gott, dass es nicht fünf geworden sind.“ (24.2.1994)

Über Alfred Andersch: „Der Alfred Andersch schrieb im Roman oft solche Sätze wie: Mir gelingt dieser Roman nicht, es fällt mir so schwer weiterzuschreiben, ich weiß nicht, wie ich das jetzt weiterschreiben soll. Ja, bitte, wenn’s dir nicht gelingt, dann hör auf, den Roman zu schreiben und quäle uns nicht mit deinen misslungenen Werken.“

 

Rundumschläge

„Ich habe einen Widerwillen gegen die irische Literatur, ich kann das nicht ertragen, immer die Slums und immer wird gesoffen und ein bisschen gekotzt zwischendurch. Elend und muffiger Katholizismus. (15.12.1996

„Den Nobelpreis sollte wohl erst Updike bekommen und dann Philip Roth, aber es werden beide ihn nicht bekommen, denn es wird sich ja sicher noch irgendjemand aus dem Sudan finden. Dass die nicht schreiben können, spielt gar keine Rolle. Eben weil sie nicht schreiben können im Kongo, muss man denen den Nobelpreis geben.“ (5.3.1992)

 

Andere über Reich-Ranicki

„Liest der Mann nicht, oder ist er dumm?“ (Erich Loest nach der Behauptung Reich-Ranickis, in Deutschland gebe es seit 30 Jahren keine politische Literatur, 1997)

„Wir Autoren nehmen Reich-Ranicki als Kritiker nicht mehr ernst, aber wir fürchten seine Macht.“ (Ulla Hahn zur Kritik Reich-Ranickis an ihrem Buch „Das verborgene Wort“, 2001)

„Ich spüre ein Recht darauf, diesen Menschen ein für alle Mal zu hassen!“ (Martin Walser im Rahmen der lit.Cologne in Köln, März 2010)

„Die Fehde der großen alten Männer ist vielleicht die letzte finale Fehde einer untergehenden Generation.“ (Norbert Kron in „Die Welt“ zum Konflikt zwischen Reich-Ranicki und Walser, 2002)

Teofila Reich-Ranicki über ihren Ehemann: „Er ist der Chef. Aber ich nehme das nicht so ernst.“ (am 29. Jänner 1998 in einem Interview mit der Zeitschrift „Bunte“)

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