Wien – Leben

Foto: Caroline Hofer (c) Hannah Hauptmann
Foto: Caroline Hofer (c) Hannah Hauptmann

Man kann sich nur noch aufregen

22. Juni 2014 • Leben

Jetzt, im zarten Alter von fünfunddreißig, scheint das Aufreger-Gen in mir durchgekommen zu sein. Schon meine Ur-Ahnen waren berühmte Aufreger und die Mitglieder der vorigen Generation sowieso. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich vor kurzem Mutter geworden bin. Vielleicht presste ich das Aufregen bei der Entbindung gleich mit hinaus? Alles ist möglich. Fest steht: Schon in der Schwangerschaft habe ich begonnen, mich richtig aufzuregen. Über die Menschen in den Öffis zum Beispiel, die nicht sofort aufsprangen, wenn ich kam. Jene, denen ich meinen Bauch erst unter die Nase halten musste, damit sie ihn bemerkten. Einmal sagte ich: „Ich kann meinen Bauch leider nicht einziehen, erst in zwei Monaten.“ Das saß. Die meisten Menschen wurden gleich eine Spur kleiner oder demütiger. Bei manchen prallte aber sowieso alles ab. Ihnen hätte ich meinen Bauch sogar auf den Schoß legen können und sie hätten weiterhin bloß die Arschbacken zusammen gezwickt. Besonders fein fand ich dabei den Streit mit einem Autofahrer, der sich bemüßigt fühlte, stehen zu bleiben, das Fenster runterzulassen und mich verbal niederzumähen. „Sie wollen doch nicht mit einer Schwangeren diskutieren!“, forderte ich ihn heraus. „Pah, Mitleid!“, pflaumte er zurück, die Hände zum Gebet gefaltet und geschüttelt. Die Oma am Beifahrersitz zog ihm gleich die Ohren lang. Recht so. Frechheit!

 

Mit Kind habe ich nun wirklich viel mehr Zeit mich aufzuregen. Nur wickeln und füttern alleine füllt mich nicht aus. In den letzten achtundvierzig Stunden mündete das Aufregen in einem Rufduell mit einem Fiakerfahrer und einem originellen Zeichenaustausch mit einem Taxilenker. Beides jeweils in einer Spielstraße oder auf einem Zebrastreifen. Letzteren hatte ich am Tag zuvor übrigens von einer Gruppe Gemeindebediensteter eingefordert. Schon von weitem rief ich der Bauverhandlung an der Kreuzung entgegen: „Jö schön! Machen’s endlich einen Zebrastreifen?!“

 

Mit dem Kind vorne weg im Kinderwagen, versteht sich. Der Oberfuzzi im beigen Trenchcoat ließ sich sofort darauf ein: „Ein Zebrastreifen allein ist kein Garant für Sicherheit nicht, gnä’ Frau!“ Nach drei Minuten Diskussion sah mich der Polizist der Truppe vorwurfsvoll an. Daraufhin zog ich weiter. Heute Vormittag und Nachmittag schließlich die jüngsten Aufreger: eine Lacke Speibe im Hausflur (seit zwei langen Tagen!) sowie eine Street Parade mit einem Bass, der den Kinderwagen fast Pirouetten drehen ließ. Die Essensreste hat das bessere Drittel mit Küchenrolle und Eau de Toilette abgedeckt, nachdem er mein Würgen nicht mehr ertragen wollte. Um den Bass kümmerte ich mich lieber selbst. Mit einem bitterbösen E-Mail an die hoffentlich Richtigen: Könnten sie bitte weniger egoistisch sein? Durch das Kinderhüten habe ich also endlich Zeit für die wirklich wichtigen Sachen. Die Nachbarin meinte ja auch: „Das war einmal ein gutes Haus!“, „ … vor dieser Speiberei“. Als ich entgegnete, dass es „so schlimm“ auch nicht wäre, knallte sie die Tür hinter mir zu: Ich hätte ja keine Ahnung!

 

Auch wenn ich also mittlerweile eine geübte Aufregerin geworden sein mag: den Olymp des Aufregens habe ich offenbar doch noch nicht erreicht. Aber so wie ich die Lage einschätze, wird mir mein Kind ganz unaufgeregt dankbar dafür sein.

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