Wien – Grätzltipps – 4. Wieden

Little Chinatown in Wien
Little Chinatown in Wien

Little Chinatown in Wien?

23. August 2012 • 4. Wieden

Chinatown in Wien?

Ein Streifzug entlang des Naschmarkts führt uns auf die Spurensuche nach dem vermeintlichen Wiener Chinatown.

Wer in der Gegend um den Naschmarkt unterwegs ist dem wird vielleicht aufgefallen sein, dass es immer mehr asiatische Geschäfte und Lokale in der Gegend gibt. Und das natürlich nicht erst seit kurzem. Dieser Trend zeichnet sich langsam ab und verstärkt sich stetig. Für einige Geschäftsleute zu langsam, wie eine Initative 2008 zeigte. Damals hatten einige Geschäftsleute die Idee nach dem amerikanischen Vorbild auch in Wien ein China Town zu etablieren.
Die Idee wurde nie realisiert, da es keine breite Akzeptanz dafür gab, weder auf der Bezirksebene noch bei anderen LokalbetreiberInnen. In Österreich und Deutschland ist man, wie es scheint, generell nicht so begeisterungsfähig für das Konzept von China Towns.

 

Ethnic Buissnes am und um den Naschmarkt

Das der Naschmarkt ein multikultureller Knotenpunkt in der Stadt ist, ist wohl nichts Neues, dass am Naschmarkt Spezialitäten aus über hundert verschieden Nationen im Angebot stehen ebenso wenig. Interessant ist jedoch, dass sich in den letzten fünf Jahren immer mehr chinesische Supermärkte und andere Geschäftslokale hier angesiedelt haben. Neben zahlreichen Supermärkten, wie dem stadtbekannten Lili Markt  der schon lange das Straßenbild prägt, findet man auch chinesische Handyshops, Reisebüros und sogar eine Buchhandlung. Wir waren rund um den Naschmarkt unterwegs und haben uns ein wenig in den asiatischen Geschäften umgeschaut.

Chinazentrum Lili Markt Foto: stadtbekannt.at

Chinazentrum Lili Markt Foto: stadtbekannt.at

Spurensuche nach dem ersten asiatischem Geschäftslokal

Unsere Suche nach dem ältesten asiatischen Geschäft in der Naschmarkt Gegend führt uns schließlich zum Naschmarkt selbst. Wir wühlen uns durch eine Horde von Touristen und geschäftigen MarktgeherInnen, um schließlich unser gesuchtes Ziel zu erreichen: das Asia Center.

 

Das Asia Center am Naschmarkt

Obwohl die Besitzerin offensichtlich alle Hände zu tun hat, bekommen wir von ihr eine Antwort auf unsere Frage wie lange es denn in der Gegend schon asiatische Geschäftslokale gäbe. Das Asia Center  gibt es nun schon ungefähr dreißig Jahre. Damals war es neben dem gegenüberliegenden Orient Shop, das erste seiner Art.

Im Asia Center bekommt man viele asiatische Produkte, wie Gewürzmischungen, offenen Jasmintee und Porzellan. Man findet hier aber auch eine der typischen koreanischen Spezialitäten namens Kimtchi. Dabei handelt es sich um eine Methode zur Konservierung von Gemüsesorten, wie Chinakohl oder Rettich.

Die Besitzerin des Lokals erzählt uns während sie den offenen Jasmintee abpackt, dass sie bei ihrem Sortiment auch darauf achtet, wenn möglich, biologische und nachhaltig produzierte Produkte anzubieten, bei einem Blick in die Regale kann man nämlich auch Bio-Honig und anderer Produkte dieser Art entdecken. Warum sich in den letzten Jahren so viele chinesische Lokale angesiedelt haben, weiß sie aber auch nicht.

 

 

Ursachen für den Zuwachs

Die naheliegende Erklärung für die vermehrte Ansiedlung von asiatischen Geschäftslokalen, wie aus den Zahlen der WKO aus dem Jahr 2007 und 2010 hervorgeht ist folgende:  Es leben einfach mehr Menschen mit chinesischen Wurzeln in Wien als früher und diese wollen natürlich auch mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Weshalb es in den letzten zehn Jahren auch einen massiven Zuwachs an asiatischen Geschäftslokalen gibt, der WKO zu Folge sind es momentan in Wien aber noch immer nur 50 bis 70. Auch bei den asiatischen Restaurants gibt es viele Neueröffnungen.

 

Mixed Embeddedness

Der Grund für die fokussierte Ansiedlung von bestimmten migrantischen Betrieben ist sicherlich, dass migrantische Netzwerke für die Geschäftsleute sehr wichtig sind, wenn es darum geht ein eigenes Geschäft auf die Beine zu stellen. Denn Hilfe holen sich migrantische Geschäftsleute meist bei der eigenen Community. Gründe dafür gibt es mehre, nicht nur die Sprachbarire sondern beispielsweise auch das fehlende Wissen wo man sich sonst Hilfe holen könnte.  Aber auch eine klar umrissene und verlässliche Zielgruppe für die angebotenen Produkte in der Community.

Ethnic Business in Wien

In der Sozialforschung spricht man bei migrantischen Unternehmen übrigens von Ethnic Buissnes. Das Phänomen lässt sich auch sehr schön am Beispiel der asiatischen Geschäfte am Naschmarkt erläutern. Es gibt Geschäftslokale, die sich an die eigene Community richten, was man an der Beschriftung der Produkte in Mandarin erkennt, den chinesischen Schriftzeichen, und am Publikum in den Geschäften. Ein Beispiel für dieses Modell sind etwa einige Supermärkte am Rande des Naschmarkts.

Die zweite Gruppe von Unternehmen richtet sich sowohl an die eigene Community als auch an österreichische Kundschaft. Was man daran erkennt, dass die Produkte sowohl auf Mandarin als auch auf Deutsch angeschrieben sind, ebenso  wie auch die Beschilderung der Geschäfte. In unserem Fall ist der Lili Markt oder das Restaurant Chinazentrum ein Beispiel dafür. Diese Geschäfte locken viele neugierige Kunden mit dem „Urlaubsgefühl“. Den Geschäften haftet ein Hauch von Exotik an. So auch die Analyse des Soziologen Erol Yildiz der sich mit dem Phänomen intensiv in seiner Forschungsarbeit befasst.

Die dritte Gruppe der migrantischen Unternehmen richtet sich an keine spezifische ethnische Gruppe, sondern an die Mehrheitsbevölkerung. Bei einigen der Geschäfte ist zwar am Warenangebot erkennbar, dass es sich um einen spezifischen lokalen Kontext handelt, aber das Publikum ist meist sehr gemischt. Dafür am Naschmarkt ein Beispiel zu finden war nicht so einfach, aber bei baburu sind wir fündig geworden.

 

Little Chinatown in der Kettenbrückengasse?

Seit vielen Jahren ist in der Kettenbrückengasse die Buchhandlung China Books beheimatet. Wer auf der Suche nach chinesischer Musik, Filmen, Magazinen oder Büchern ist wird hier fündig. Im Forschungsprojekt  Randzonen der Kreativwirtschaft befassen sich die Kultursoziologen Michael Parzer und Andreas Gebesmair intensiv mit dem Phänomen der migrantischen Kulturbetriebe, u.a. auch mit China Books.

China Books Foto: stadtbekannt.at

China Books Foto: stadtbekannt.at

 

Seit kurzem zeigt sich die Buchhandlung in neuem Kleid, denn nun bekommt man im in der Buchhandlung beheimaten living room von baburu auch Bubble Tea. Schräg gegenüber der Buchhandlung befindet sich einer der zahlreichen chinesischen Supermärkte in der Gasse, dieser existiert allerdings schon wesentlich länger als alle anderen in der Straße, wenn auch mit wechselnden Besitzern, wie die neue Inhaberin meint. Zur Kundschaft zählt man sowohl WienerInnen als auch chinesische MigrantInnen.

Ein paar Schritte weiter kann man sich im chinesischen Friseursalon die Haare schneiden lassen, oder eine Reise buchen. Für den Alltagsbedarf findet man hier jedenfalls so ziemlich alles. Natürlich gibt es auch hier eine Reihe von asiatischen Restaurants, diese werden aber fast ausschließlich von WienerInnen besucht.

 

Fazit

Um das chinesische Wien für sich wirklich zu entdecken, müsste man sich wohl einmal in einen der taoistischen Tempel begeben oder in den Wiener Musiksvereinsaal zu einem der Konzerte, die speziell für chinesische Gäste vom chinesischen Kulturzentrum organisiert werden. Bei unserer Erkundung schien es so, als würde man lieber unter sich bleiben.
Von einem Chinatown in Wien kann nicht die Rede sein, aber immerhin gibt es in der Gegend um den Naschmarkt eine gute Infrastruktur, was asiatische Geschäftslokale betrifft. Man darf gespannt sein wie sich die Geschäftsstruktur und das Viertel in den nächsten Jahren entwickeln wird.

Cornelia Dlabaja

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