Wien – Leben

Ausblick über Wien (c) STADTBEKANNT
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Lichtertanz

28. Mai 2010 • Leben

Um ein Zeichen gegen die Präsidentschaftskandidatur der unleidigen FPÖ-Politikerin Barbara Rosenkranz (und damit gegen Rassismus und den Rosenkranz vorgeworfenen Geschichtsrevisionismus) zu setzen, trafen sich gestern zwischen drei- und siebentausend Menschen – so die übliche Differenzschere zwischen Angaben von Veranstaltern und Polizei- zum gemeinsamen „Lichtertanz“, einmal mehr basierend auf einer im Internet entstandenen Bewegung.

Dass die Facebook-Gruppe („Gegen Barbara Rosenkranz als Bundespräsidentin“) um etliches besser frequentiert sein würde als die daraus resultierende Veranstaltung, war abzusehen. Veränderung findet aber eben nicht allein per Mausklick statt, und so zog es dankenswerterweise dann doch tausende Menschen vom Web 2.0 raus auf die Straße, um ihren Unmut über die Kandidatur der deutschtümelnden, es mit historischen Fakten nicht ganz so genau nehmenden Hardlinerin aus der tiefblauen Riege kundzutun.

Dass der Zweck, in diesem Fall der gemeinsame, antifaschistische Konsens die Mittel heiligt, ist bei derartigen Demonstrationen genauso obligat, wie das hämische Abtun dieser Veranstaltung aus den Reihen der Rechten (als erstes artikuliert durch Ober-Unsympathler Herbert Kickl). Dass es ein Rahmenprogramm geben würde, das vielleicht etwas, nun, dekontextualisiert wirkt, war auch abzusehen. Musikalisch eröffnet haben den Abend Christoph und Lollo mit ihrem „Globalisierungslied“, das nicht wirklich so ganz zum Thema passen wollte und, wohl aufgrund der viel zu leisen P.A. (ergo Tonanlage), auch nicht wirklich auf großes Interesse stieß.

Moderiert hat den Abend die linksradikal-intellektuelle Revolutions-Ikone Alfons Haider, der seit seiner unfassbaren Aussage in „Willkommen Österreich“, dass unsere Alpenrepublik ein verschissenes Land sei, einen Platz, fernab von Musicals und Opernballmoderationen, in den Herzen der antifaschistischen Gegenkultur haben dürfte. Auch Haiders Kollege Dieter Chmelar durfte mitreden. Zweck heiligt Mittel, denkt man sich, nimmt einen Schluck aus der gelben Dose, und kämpft sich durchs Rahmenprogramm, wartet bis Günter „Mo“ Mokesch endlich runter von der Bühne geht, bis die Rosenkranz-Imitatorin endlich fertig mit ihrer halblustigen Nummer ist, bis Gäste alá Uschi Fellner fertig geredet haben, bis die solidarischen Grußbotschaften verlesen sind, Alfons Haider uns erklärt hat, warum wir den wählen sollen den wir eh sowieso gewählt hätten, warum wir gegen das sein müssen, gegen das wir sowieso sind. Einzig Florian Scheuba, der aus seinem Buch „Die 100.000 wichtigsten Österreicher“ Rosenkranzs Familienstammbaum vorlas, gab einem eine Idee, welche Kaliber man eigentlich hätte auffahren können.

Bis dann eben irgendwann die Fackeln angezündet werden und auch der Autor dieser Zeilen wieder weiß warum er gekommen ist: eben um gemeinsam mit tausenden anderen ein Zeichen, wie klein auch immer, zu setzen, egal ob belächelt, nicht weltverändernd oder was auch immer. Eben um den Unmut über eine Politsituation eines Landes kundzutun, in dem faschistoides Gedankengut von Wahl zu Wahl geschickt um ein Quäntchen salonfähiger gemacht wird, in dem anno 2010 Pressekonferenzen einberufen werden, in denen eine zehnfache Mutter die bei der Namensgebung ihrer Kinder anscheinend in die Nibelungensage vertieft war extra erklärt, dass es ja eh Gaskammern gegeben hätte, obwohl sie vor nicht allzu langer Zeit ihren Parteikameraden John Gudenus noch verteidigt hat, als der das halt wieder einmal ein klein wenig anders sah mit dem Dritten Reich. Und dass es diesmal ratsam ist, wählen zu gehen und sein Kreuzchen weder bei Barbara noch bei den Christen zu machen, das hätten wir auch ohne Herrn Haider gewusst.

(Fotocredit: Daniel Würschl)

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