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Leonard Cohen
Leonard Cohen

Leonard Cohen wird 79. Zum Geburtstag des „Canadien Errant“.

21. September 2013 • Musik8 Kommentare zu Leonard Cohen wird 79. Zum Geburtstag des „Canadien Errant“.

Eine Hommage an Leonard Cohen

…and taking from his wallet
an old schedule of trains
he’ll say „I told you when I came I was a stranger“
(„The Stranger Song“, 1967)

 

„He seemed to know a thing or two“.

Jikan, der Stille, hieß Leonard Cohen als ordinierter Mönch, als er in den Neunzigern, getrieben von einem „high level of personal distress“ für einige Jahre ins kalifornische Zen-Kloster Mt. Baldy zog. Angedichtet hat man ihm Schwermut, Verzweiflung und Depression ohnehin seit Erscheinen seines großartigen Debütalbums„Songs of Leonard Cohen“ im Jahr 1967 – an die große Glocke gehängt hat er es dennoch nie. Bekämpft hat er das Gefühl, nicht mehr von einem Moment zum Nächsten zu kommen, allerdings schon mit allem, was ihm einfiel – quer durch die Betten, Bücher und Medikamentenschränke. Nach einer Tour, deren täglicher Ernährungsplan aus mehreren Flaschen Rotwein bestand und gegen deren Ende sich Cohens Gesundheitszustand markant verschlechtert hatte, verlegte Cohen seine Zuflucht vom Rausch in den Zen-Buddhismus.

Es war dennoch weniger die Suche nach Religion und metaphysischer Erlösung, die den 1934 in Quebec geborenen Poeten in ein recht rigoroses Mönchsleben zog – viel mehr war es die Bekanntschaft seines Freundes Joshu Sazaki Roshi, des spirituellen Oberhauptes des Klosters. „I liked what Zen had done to him“, erzählt Cohen, und dass Roshi den Eindruck gemacht hätte, ein, zwei Sachen mehr zu wissen. „I not Japanese, you not Jewish“, sagte Roshi (1907 in Japan geboren) damals in einer der ersten Begegnungen zu Cohen, und das hat Cohen dann überzeugt: „Roshi not Zenmaster, Leonard not Zen-Student. Other, more interesting versions of ourselves might arise“.

 

Dort oben, im Tower of Song.

Im „Tower of Song“ hatte Cohen, Mainstream-Relevanz und Verkaufszahlen um Gottes Willen hin oder her, seinen Platz ohnehin längst, dort neben Hank Williams, den Cohen im Song die ganze Nacht husten hört und nach fragt, wie einsam es denn bitte noch werden kann. Für diesen hat es auch „Halleluja“ nicht gebraucht, und auch nicht Jeff Buckley und die abertausenden Versionen, die den Song Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung beinahe zu einem Standard im Songbook gemacht haben. Nein, den Platz im Songpantheon hat Cohen eh schon seit dem ersten Album, seit der ersten Zeile von Suzanne. 33 Jahre alt war Cohen damals, hatte bereits einige Bücher veröffentlicht. „Flowers For Hitler“ zum Beispiel.

Hunderte Seiten ließen sich an dieser füllen mit Anekdoten, Kommentaren und Gedanken über Cohens Songs aus den ersten Alben. Dass keiner schöner über Liebesaffären schreiben kann als es Cohen in „Sisters of Mercy“ getan hat zum Beispiel.

When I left they were sleeping,
I hope you run into them soon.
Don’t turn on the lights,
you can read their address by the moon.
And you won’t make me jealous
if I hear that they sweetened your night:
We weren’t lovers like that
and besides it would still be all right.
(„Sisters Of Mercy“, 1967“).

Dass Phil Spector im Studio mit einer Pistole auf Cohen zielte und meinte „I love you, Leonard“, worauf Cohen entgegnete „I really hope you do, Phil“. Dass keiner, so sagt man, das Wort „nackt“ nackter sagt als Cohen, wie es so schön heißt. Dass Cohen (sonst dem Motto „I don’t discuss my mistresses or tailors“ getreu diskret) es bereut in „Chelsea Hotel“, so explizit über seine Affäre Janis Joplin gesungen zu haben. Was für ein todtrauriges Lied, was für ein todtrauriges Ende:

I don’t mean to suggest
that I loved you the best
I can’t keep track of each fallen robin
I remember you well
in the Chelsea Hotel
that’s all, I don’t even think of you that often
(„Chelsea Hotel No.2“, 1974)

Dass die ersten Alben von Cohen schier unschlagbar sind, voller Poesie, voller Melancholie, Sex, Erlösung. Dass „Songs of Love And Hate“ oft so zynisch und bitter ist, dass es den Titel redlich verdient. Dass Cohen jahrelang an seinen Texten feilt. Dass seine Plattenfirma das Album, auf dem auch „Halleluja“ erschien, für nicht gut genug hielt. Dass Kurt Cobain die Zeilen „Give me a Leonard Cohen afterworld, so I can sigh eternally“ geschrieben hat, und dass Cohen gerne mit Cobain gesprochen hätte: „I’m sorry I couldn’t have spoken to the young man. I see a lot of people at the Zen Centre, who have gone through drugs and found a way out that is not just Sunday school. There are always alternatives, and I might have been able to lay something on him.“

 

„Lighten up, that’s what enlightenment means“.

Irgendwann, hat Cohen einmal sinngemäß gesagt, er habe auf einmal eine Leichtigkeit festgestellt, dass sich die Wolken irgendwie verzogen haben. Schöne Erkenntnis eines turbulenten Lebens. Unter anderem wurde Cohen vor einigen Jahren von seiner Ex-Managerin um Millionen betrogen, ging bankrott („als spirituelle Praxis würde ich das keinem empfehlen“, meint er mal). Mittlerweile ist, nicht zuletzt durch zwei ausgiebige Welttourneen und dem einen oder anderen Tantiemen-Dollar von „Halleluja“, das in allerlei Versionen durch die Charts tingelt, wieder gut gefüllt.

Heute, am 21.September 2013, wird Leonard Cohen, der Canadien Errant, der Ladies Man, der Zen-Mönch, 79 Jahre alt. Es ist kein runder Geburtstag und es werden heute wohl keine universitären Konferenzen stattfinden, Greil Marcus wird keinen fünfhundert Seiten Wälzer über die Entstehungsgeschichte eines Songs veröffentlichen. Und wie heißt es in Closing Time

And I lift my glass to the awful truth
That you can’t reveal to the ears of youth
Except to say it isn’t worth a dime.
(„Closing Time“, 1992).

Beinahe ein Zen-Koan, dieser Trinkspruch. Auf den awful truth, der wahrscheinlich darin besteht, dass alles so schlimm gar nicht ist, und dass es überall Risse gibt, durch die allerdings das Licht kommt –  und auf den Canadien Errant, und auf dass er so alt werden möge, wie er es will.

Und wie hat es Lou Reed so schön gesagt: “We are lucky to be alive at the same time Leonard Cohen is“.

Markus Brandstetter

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8 Antworten auf Leonard Cohen wird 79. Zum Geburtstag des „Canadien Errant“. – Verstecken

  1. cohen fan sagt:

    schön, danke
    "and even though it all went wrong, I’ll stand before the lord of song with nothing on my tongue but halleluja".

  2. leonard coen sagt:

    thank you for the nice article
    but you have written my name false!

  3. brandstetter sagt:


    wenn du keiner von den coen brüdern bist, dann stimmt das schon so mit der schreibweise 😉

  4. Red Nag sagt:

    Live COHEN music tonight
    Heute Abend
    Leonard Cohen Birthday Special with live Cohen music from
    Steve Gander (vocals, guitar), Adula Ibn Quadr (violin), Franz Haselsteiner (accordeon) & Gernot Feldner (piano) at BRUT, Schottenfeldgasse 95, 1070 Vienna… Start at 20.00

  5. cohens Lied sagt:

    Schöner Beitrag
    Bei ihm habe ich mir immer vorgestellt, dass er wenn er irgendwann stirbt was hoffentlichnoch lange nicht der Fall ist, im Himmel für den Chor der Engel Lieder komponiert und die erklingen dort in den unendlichen Weiten. Das wird zwar kaum wirklich so sein, aber die Vorstellung ist schön.

  6. al sagt:

    Bitte um Antwort:
    Gibt es die "Geschichten rund um den Song Noir gesammelt"? In Buchform ja leider nicht…
    sanyi@ekit.com

  7. markus brandstetter sagt:

    @al
    danke für die frage und das interesse, gesammelt gibt es die artikel nicht, da das einfach meine Signatur für Musikartikel ist, ich kann dir aber gerne ein paar in dieser Art raussuchen und per Mail schicken, wenn Du willst. lg, Markus

  8. Frobin sagt:

    Nett, aber …
    Nice, aber (wenn schon denn schon) hätte ich mir von einer Seite wie "Stadtbekannt" gerade bei Cohen weniger allgemeines Blabla (das eh jeder Fan weiß) gewünscht, und mehr WIEN-Bezug!

    Denn angefangen von der "concert hall in vienna" bis zur Arena-Besetzung gäbe es zu Cohen und Wien doch einiges zu sagen bzw. zu recherchieren.

    Darum: Nett, aber eine Chance verpasst … schade!

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