Kultur – Film / TV

Stephansdom Wienblick (c) STADTBEKANNT
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Leise bis zum Schluss

19. Mai 2010 • Film / TV

Mit Eric Rohmér ist vergangenen Montag einer der wichtigsten französischen Regisseure der Nachkriegszeit gestorben. Als Ende der 1950er und Anfang 1960er die Nouevelle Vague („Neue Welle“) über Frankreich und den Rest der Welt dahinbrauste waren seine Filme zusammen mit denen von Claude Chabrol, Jean-Luc Godard, Francois Truffaut und Jacques Rivette die wichtigsten Tropfen darin. 

Doch waren es nicht die großen Gesten und actiongeladenen Szenen die seine Filme auszeichneten, sondern vielmehr die leisen Töne, das locker leichte Spiel mit Worten und Themen. Es wurde oft viel mehr besprochen als getan, in seinen Filmen und doch schien es zumeist viel plastischer und erlebbarer, als es blockbuster’sche Holzhammermetaphorik wohl je vermögen wird. 

Nicht zu unrecht galt der am 21. März 1920 als Jean-Marie Maurice Schérer in Tulle geborene Rohmér als der „Komponist des Kinos“. Die vordergründige Handlung stellt bei ihm oftmals nur die knappe Basis für die Vermittlung der darunter liegenden Gefühle und Empfindungen, aber auch für fundierte theoretischen Auseinandersetzung dar. So behandelt einer seiner größten Erfolge Eine Nacht bei Maud, der ihm 1969 sogar eine Nominierung für den Oscar als bester ausländischer Film einbrachte, zentral die ideologische Debatte zwischen einem konservativ katholisch geprägten Mann und einer liberal eingestellten Frau. 

Dieser intellektuelle Widerstreit und die Zeichnung starker weiblicher Charaktere kennzeichnen viele von Rohmers Werken. Ob die politisch versierte Maud in Eine Nacht bei Maud oder die lebenshungrige Léa in Der Freund meiner Freundin, Rohmérs Frauen konnten ihren männlichen Pendants zumeist mehr als Paroli bieten.

Das filmische Werk des arbeitswütigen Franzosen begann bereits zu Beginn der 1950er Jahre mit einigen Kurzfilmen. Seinen ersten Langfilm drehte er zwar schon 1959 mit Im Zeichen des Löwen, der tragikomischen Geschichte eines Mannes der trotz einer reichen Erbschaft ein Opfer der Umstände wird und schließlich als augenzwinkernder Clochard endet, konnte aber erst 1962 einen Verleih finden der den Film veröffentlichte. In diesem Jahr begann Rohmér mit dem Kurzfilm Die Bäckerin von Monceau auch seine Moralischen Erzählungen, den ersten der drei großen Filmzyklen die sein cineastisches Schaffen so sehr prägen sollten. Ab 1981 folgten die Komödien und Sprichwörter mit sechs Filmen, darunter Pauline am Strand, wofür der Franzose 1983 beim Filmfestival in Berlin mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde.
Von 1989 bis 1998 beschäftigte sich Rohmér mit den vier Jahreszeiten und veröffentlichte nacheinander Frühlingserzählung (1989), Wintermärchen (1992), Sommer (1996) und Herbstgeschichte (1998).

Außerhalb seiner Zyklen setzte Rohmér sich gerne mit literarischen Stoffen auseinander und festigte durch die Adaption dieser Texte auch seinen Ruf als Autorenfilmer. Kleists Marquise von O (1976), für die er nicht zum ersten Mal mit Barbet Schroeder zusammenarbeitete und Perceval le Gallois (1978) nach einem Roman von Chrétien de Troyes sind dafür nur einige Beispiele. 

Neben seinem Filmschaffen, das für ihn immer mehr Leidenschaft als Arbeit darstellte besaß Rohmér auch einen Lehrauftrag für Filmregie an der Universität Paris-Nanterre, schrieb Filmkritiken und Essays. 
Die Leidenschaft die er dem Film gegenüber hegte war auch eine Hauptmotiv seiner Werke. Die Leidenschaft zu lieben, zu wissen, sich auseinanderzusetzen, zu diskutieren und zu leiden. Hier wird Tragik nicht zur Larmoyanz und Liebe nicht zum Kitsch, man muss eben genauer hinsehen und –hören. Eine Aufgabe zwar, eine aber die sich lohnt.

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