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Stephansdom Wienblick (c) STADTBEKANNT
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Korruption ist nicht das Schlimmste

13. September 2011 • Debatte7 Kommentare zu Korruption ist nicht das Schlimmste

Das aktuelle Profil berichtet ausführlich von den Jagdgesellschaften des Bürgers Alfons Mensdorff-Pouilly, Adel gibt es in Österreich keinen mehr. Bei den grafisch opulent gestalteten Einladungskärtchen zur gemeinsamen Jagd, samt Dinner und Kamingesprächen, wurde nicht vergessen die Geladenen darauf hinzuweisen, dass die Gäste zum Dinner im Smoking erscheinen mögen.

Manchmal sind es die Details, die einem mehr über eine gesellschaftliche Konstellation verraten, als im ersten Moment offensichtlich ist. Wir haben auf der einen Seite Mensdorff-Pouilly, altes österreichisches Geld, wie in Österreich durchaus nicht unüblich, mit adeligem Background. Wir finden auf der anderen Seite, unter anderem einen ehemaligen Tankstellenpächter. Aber auch sonst so einige, bei denen der Geruch des Geldes noch frisch und schmutzig ist und nicht durch Jahrzehnte oft jahrhundertelang eingeübte Sitten und Verhaltensweisen schon den Glanz des Ewigen angenommen hat. Menschen also, von denen man in den Kreisen ehemaliger Grafen vielleicht mit Recht annehmen muss, dass sie nicht wissen, was sich schickt und einem damit mit höchst unschicklicher Bestimmtheit vor Augen führen, dass man selbst, oder wenigstens ein Vorfahr, auch einmal ein armer Schlucker war.

Das Beispiel dient der Illustration einer Konstellation, die gerade für die aktuellen Korruptionsvorwürfe rund um die gewesene schwarz-blaue Koalition so typisch ist. Auf der einen Seite finden sich häufig Mitglieder der österreichischen Elite, aus Familien, deren Vermögenserwerb teils schon lange zurück liegt, auf der anderen Seite Menschen, die sehr rasch zu Macht und Einfluss kamen, so rasch, dass ihnen der Wunsch dazu zu gehören, an ihren protzigen Autos, geschmacklosen Anzügen und glitzernden Uhren, nur allzu leicht abzulesen ist.

Ein Räuberstück

Stellen wir uns der Einfachheit halber eine Situation vor, in der Teile der Wirtschaftselite des Landes, mit der Partei, die traditionell ihre Interessen mitberücksichtigt und einer weiteren Fraktion, die ebenfalls endlich Macht, Geld und Einfluss genießen möchte, eine Neuorganisation des Staates in Angriff nimmt.

Eine solche Neuorganisation erfordert gewisse Opfer, wenn schon die Mitglieder der Partei, die traditionell die Interessen der Wirtschaftselite mitbedenkt, für diese oft schwer erträglich ist, weil auch ihre Dienste Geld kosten und die Manieren durchaus zu wünschen übrig lassen, so wird man ihnen doch wenigstens nicht mitteilen müssen, dass ein Smoking im ehemals adeligen Hause, obligatorisch ist.
Zu den geringeren Opfern einer solche Konstellation gehört also die Nachsicht gegenüber schlechten Manieren. Zu den größeren Opfern gehört die allgemeine Aufregung, der schlechte Umgang und eine gewisse Maßlosigkeit, die der neue Partner mitbringt.

Wir haben also eine Konstellation, in der die ohnehin Begüterten des Landes, die Partei, die ihre Interessen traditionell mitvertritt und eine dritte Gruppe zusammen eine Mehrheit, wahlarithmetisch wie auch hegemonialer Natur einnehmen und den Staat neu aufteilen können. Die neu kooptierten Mitglieder, die bisher vor allem mit lautem Gebrüll, Ressentiment und einer Abneigung gegenüber der Moderne wie auch allem Fremden auffielen, können als Fraktion in dieser Konstellation gar nichts gewinnen. Regieren können sie nicht, der Pakt der Aufteilung von Staatsvermögen und des Ankaufs fast schon grotesk sinnloser Kriegsspielflugzeuge, ist in der Öffentlichkeit alles andere als populär. Ihr anti-modernes Wahlversprechen können sie aus Mangel an Substanz nicht einlösen. Sie sind also zum Scheitern verdammt. Den einzigen Ausweg aus dieser Tristesse, den Zugriff auf die Exekutive, um solcherart eine Stimmung, die halb Angst, halb Schrecken wäre, zu verbreiten, hat ihnen die schon länger regierende Partei, aus Furcht vor der Reaktion des Auslandes und vielleicht auch aus besseren Gründen, verwehrt.

Welcher vernunftbegabte Politiker dieser neu kooptierten Fraktion, der am Fortsetzen einer politischen Karriere Interesse hat, sollte bereit sein bei so einem Spiel mitzuwirken? Höchstens einer der sieht, dass sich hier persönlich einiges verdienen lässt, und dass die Partei, die als solche eigentlich nur den Wahlverein für eine Einzelperson gibt, heute dies und morgen jenes behaupten und sich übermorgen gar  einen anderen Namen zulegen haben kann, weil sie außer des Schlagens von Lärm keine Funktion hat und diesen um so effizienter schlagen kann, je weniger sie sich selbst mit Inhalten belastet. 

Zugegeben viel Geld ist es nicht, dass sich für manchen Funktionär da verdienen ließe, jedenfalls gemessen an den Summen, die da umverteilt werden. Aber bisher ist man ja persönlich auch nicht gerade großen Besitz gewohnt und einmal Freude an diesem Spiel gewonnen, lässt es sich mehrmals durchführen und immer rascher und hektischer, weil der Zusammenbruch der eigenen Partei immer näher und näher rückt.

Am Ende des Tages wurde einiges neu verteilt, wie bei allen großen Privatisierungswellen profitierten die am meisten, die das eine oder andere Filetstückchen, auf- oder weiterverkaufen konnten und natürlich fand sich auch der eine oder andere Posten für dienstbare Geister.

Und ein Skandal

 Und genau darin liegt der eigentliche Skandal einer solchen Vorgangsweise: In der Bereitschaft für diese Umverteilung die Beschädigung der Republik, ihrer Staatsorgane und des gesamten Politbetriebes in Kauf genommen zu haben. Denn das große Geschäft, die einmalige Chance selber den großen Aufstieg zu wagen und die schieren Summen, die verteilt wurden, scheinen ein allgemeines Klima des Glücks- und Raubrittertums erzeugt zu haben.

Der allgemeine Einzug der Logik des Räuberhauptmannes, der demjenigen die größte Gerissenheit zubilligt, der am kaltschnäuzigsten stiehlt, ist ein Zug der Zeit. Aber es ist ein Verdienst dieser Konstellation, dass sie diese Räuberkultur so lange totschwieg oder stillschweigend unterstützte, bis eine allgemeine Verwirrung im Publikum einkehrte, die bis heute anhält. Soll es die gerissensten und schillerndsten Vertreter dieser Gilde, als Könige der Diebe verehren, oder verachten?

Die sehr nachhaltig Förderung einer Ethik des „gut ist was mir nützt“, erzeugt Politikerfiguren, welche die Verehrung vieler genießen, weil sie dort zulangen und einsackeln, wo man es selbst gerne tun würde und das Klima, das auch ehrlich bemühten Politikern jene Verachtung zu Teil werden lässt, die sich aus der Einstellung eines „alles Diebe/Verbrecher“ speist. Diese allgemeine Verwischung aller Grenzen der Ethik unseres Gemeinwesens, wird man, um zum Ausgangspunkt dieser Betrachtung zurückzukehren, vor allem denen vorwerfen müssen, die sich unter Räuber fallen ließen und wussten was sie tun und warum sie es tun. 

Daniel Steinlechner

Mit Fug und Recht: Über Sinn und Unsinn

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7 Antworten auf Korruption ist nicht das Schlimmste – Verstecken

  1. Maria Luise sagt:

    Alles schlimm,
    die Korruption, der hier beschriebene Verfall jeden Anstands, Korruption und manches mehr. Aber immerhin ist der kleine Mann, der immer leicht säuerlich schaut, jetzt weg undkann sich ganz seinen Verpflichtungen in der Atomindustrie widmen.

  2. Amoniak sagt:

    Die Episode mit dem Smoking
    ist interessant, gut beobachtet. Oft kann man aus solchen unscheinbaren Details wirklich einiges ablesen.

  3. Cara Fa. sagt:

    Das ist mir zu speziell.
    Ein Smoking, eine Konstellation, ein Tankstellenpächter. Mir war das way too much.

  4. Edwin sagt:

    Man soll aus einer Mücke keinen Elefanten
    und aus einer Dinenreinladung keinen politischen Kommentar machen.

  5. Bibabo sagt:

    Nennen wir die Dinge beim Namen.
    ÖVP und FPÖ haben Staatsvermögen um den sprichwörtlichen Apfel und ein Ei verschleduert, einige haben sich daran eine goldende Nase verdient, oder der goldenden Nase noch ein paar Diamanten hinzgefügt. Ein paar Politiker haben auch was verdient. Ich verstehe den Kommentar so, dass der wirkliche Skandal diese schamlose Umverteilung von unten nach oben ist und man sich nciht all zu sehr mit ein paar Tölpeln die sich eh großteils selber in größte strafrechtliche Schwierigkeiten bringen aufhalten sollte.

  6. Anna Nas sagt:


    Was ist mit Italien und Silvio Berlusconi, Spanien und der dortigen Baumafia, oder bei der EU?

  7. Sonja sagt:

    Ja so ist es
    Für dieses räuberstück hat man die Beschädigung des ganzen österreichischen Politikbetriebes in Kauf genommen. Immerhin scheint es aber so, als ob Herr und Frau Wähler das der ÖVP nachhaltig übel nehmen. Der FPÖ wie eh auch im Artikel angedeutet eher weniegr. scheinbar wurde von denen nicht viel erwartet und nicht viel enttäuscht.

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