Wien – Leben

Ausblick über Wien (c) STADTBEKANNT
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Keine Verwurstung der Lawinenschweine

26. Mai 2010 • Leben

Seit Tagen sind sie Österreichs Gesprächsthema Nr. 1. Die so genannten Lawinenschweine, 29 Schweine die im Rahmen eines Forschungsprojektes im Tiroler Bezirk Imst, Opfer einer Lawine werden hätten sollen. Das Ziel war bessere Informationen darüber zu gewinnen, wie der menschliche Organismus auf die Verschüttung durch eine Lawine reagiert und unter welchen Bedingungen Menschen länger unter Lawinen überleben können. Nach Angaben der ForscherInnen hätten sich durch die Ergebnisse des Lawinenexperiments zukünftig die Überlebenschancen von Lawinenopfern erhöht.

Die Experimente konnten logischerweise nicht mit Menschen durchgeführt werden, auf Schweine griff man zurück, da ihr Organismus dem des Menschen sehr ähnlich ist. Am Tierversuch führt nach Meinung der ForscherInnen in diesem Fall kein Weg vorbei, da sich eine Lawine nicht simulieren lasse.

Die Schweine wären nach vorheriger Narkose, um ein Leiden der Tiere möglichst zu minimieren, im Forschungsprojekt lebendig verschüttet worden. Mittels Sonden wäre gemessen worden, wie lange die Tiere die Verschüttung überleben. Das Experiment wurde übrigens von der Tierethikkommission genehmigt.

Die Experimente begannen am Montag, den 11. Jänner. Was dann folgte war für die ForscherInnen jedoch nicht absehbar. Ein Proteststurm ungeahnten Ausmaßes brach los. Internationale und nationale Medien berichteten ausführlichst. In Internet Foren und LeserInnenbriefen wurde gegen das Experiment protestiert und die ForscherInnen teilweise wüst beleidigt und bedroht. Zwei Tierschutzorganisationen brachten eine Anzeige wegen Tierquälens ein und am Donnerstag, den 14. Jänner musste das Experiment schließlich abgebrochen werden. Offiziell begründet wurde das mit einer nicht mehr gewährleisteten Sicherheit, da zahlreiche TierschützerInnen angereist waren. Tatsächlich verhinderte aber wohl der massive öffentliche Druck eine weitere Durchführung des Experiments. Für 10 Schweine kam der Experimentsabbruch jedoch zu spät. Um das Schicksal der übrigen 19 drehte sich der zweite Teil dieses Schweine Dramas.

Der Studienleiter Peter Paal verwies darauf, dass es sich bei den Schweinen um Tiere für die Schlachtindustrie handle, die, wären sie nicht für die Experimente aufgekauft worden, zu Fleisch verarbeitet worden wären. Die Schweine kamen zurück zum Züchter und wären in den kommenden Tagen wohl beim Schlachter gelandet. Nachdem offenbar sogar das Bundeskanzleramt intervenierte, wurden die 19 Schweine schließlich dem Tiroler Tierschutzverein übergeben. Das ist das Vorläufige Ende der Schweinegeschichte und wie jedes Märchen wird es mit den Worten und wenn sie nicht gestorben sind so leben sie noch heute, abgeschlossen.

Doch halt Moment, so kann man das nicht stehen lassen. Zuviel an dieser Schweinegeschichte ist einfach zu skurril um es einfach so stehen zu lassen. Da wäre zunächst einmal das Faktum, dass in Österreich nach Angaben des VGT jährlich rund 5,5 Millionen Schweine geschlachtet werden. Die werden nicht alle in Österreich verputzt, viele werden auch exportiert. Dennoch muss man diese Gegebenheit erst einmal wirken lassen. 5,5 Millionen Schweine und wen kümmert das? Wo sind die Empörung, der mediale Theaterdonner und die um öffentlichen Applaus heischenden PolitikerInnen, bei diesem Thema? Werden diese Schweine jetzt auch „gerettet“, werden die empörtesten GegnerInnen der Lawinenexperimente jetzt konsequenterweise auch VergetarierInnen? Nein, mit all dem ist nicht zu rechnen. Wodurch unterscheiden sich also die Lawinenschweine von sonstigen Schweinen? Die Antwort fällt relativ leicht. Die Besonderheit ihres Todes unterscheidet sie von anderen Schweinen. Der anonymen Tötung hunderttausender Schweine, steht die scheinbar barbarischere Tötung von 29 Schweinen gegenüber. Während zu Millionen anonymen Schweinen kein Bezug herstellbar ist, bekommen die 29 Schweine ein „Gesicht“ und plötzlich wird ihre geplante Tötung zu einem hitzig diskutierten Thema. Die Boulevardmedien trommeln so lange gegen die Experimente bis diese schließlich abgebrochen werden.

So weit so schlecht, denn alle relevanten Fragen wurden weder gestellt noch beantwortet. Bis heute ist unklar, ob diese Experimente notwendig sind. Zwar wurden sie von einer Ethikkommission genehmigt, TierversuchsgegnerInnen verweisen jedoch darauf, dass diese Kommission diesem Namen nicht gerecht wird. Sollten jedoch die WissenschaftlerInnen Recht haben, so wurde auf öffentlichen Druck hin ein Experiment an Tieren die ohnehin geschlachtet worden wären abgebrochen, das möglicherweise zukünftig Menschenleben gerettet hätte. Die Frage der Notwendigkeit des Experimentes wurde also nie gestellt. Es wurde vielmehr von vornherein und unabhängig von seiner Nützlichkeit oder Sinnlosigkeit abgelehnt.

Erwähnt sollte auch werden, dass in Österreich jährlich ca. 200.000 Tierversuche durchgeführt werden. Oft für viel Unwichtigeres wie das Testen von Kosmetika und ähnlichem. Diese Experimente werden jedoch nicht in freier Natur, sondern zumeist in Laboratorien durchgeführt und fallen deshalb kaum auf. Es gibt berechtigte Argumente warum Tierversuche großteils oder gänzlich sinnlos sind, die Frage ihres Nutzens ist jedenfalls wissenschaftlich umstritten. Aber selbst dann gäbe es grausamere und sinnlosere Tierversuche als den an den Lawinenschweinen, an denen man zuerst ansetzen könnte.

Erschütternd sind die oft unverhohlenen Gewaltdrohungen die in zahlreichen Internet Foren zu diesem Thema gepostet werden. Unter dem Deckmantel der Anonymität wird den beteiligten WissenschaftlerInnen von manch empörten TierschützerInnen offen mit Gewalt gedroht. Man kann den beteiligten Personen nur wünschen, dass es bei anonymen Drohungen bleibt.

Am Ende der Lawinenschweine-Debatte wird klar, dass sich in Österreich leicht empörte Mehrheiten gegen etwas finden, über die Sache selbst aber häufig nicht rational gesprochen werden kann. Das ist bei AsylwerberInnen-Erstaufnahmezentren nicht viel anders als bei Lawinenexperimenten mit Schweinen. Weder Sinn oder Unsinn des Experiments wurden diskutiert, noch die Unmengen an Schweinefleisch die Herr und Frau ÖsterreicherIn jährlich verspeisen. Fleisch führt dem Körper schnell Energie zu, diese Energie brauchen wir als Nicht-Steinzeitmenschen, die nicht ständig von wilden Tieren und Naturgewalten bedroht sind, eigentlich längst nicht mehr in diesem Ausmaß. Viel sinnvoller als eine Farce um 29 Schweine zu inszenieren, wäre es ernsthaft an unseren Ernährungsgewohnheiten zu arbeiten und gelegentlich auf eine Specksemmel, oder das Sonntagsschnitzel zu verzichten.

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