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Keine Chance (c) ORF Milenko Badz
Keine Chance (c) ORF Milenko Badz

Keine Chance

16. Dezember 2012 • Skurriles5 Kommentare zu Keine Chance

Ein neuer Tiefpunkt im österreichischen Trash-TV

„Ich glaube nicht, dass es funktioniert“, hat Christoph Grissemann dem „Standard“ schon vor der Ausstrahlung der Premierenshow von „Keine Chance“ verraten. Wie recht er damit hatte, wusste er zu dem Zeitpunkt noch gar nicht.

„Keine Chance“ ist die mit Spannung erwartete neue Freitagabendshow des ORF und zugleich der erste Auftritt des Komikerduos Stermann/Grissemann im Hauptabendprogramm. In der Premierensendung letzten Freitag trat, jeweils angeführt von einem der beiden Moderatoren, ein Team von Ärzten gegen ein Team kranker Menschen in verschiedenen Spielen um den Hauptgewinn von einer Million Cent an. Falls Ihr das jetzt absurd findet: ja, ihr habt richtig gelesen und wir haben das nicht erfunden. Die Moderatoren fühlen sich vom ersten Moment an sichtlich unwohl in der Rolle der Gameshowhosts und der Versuch der Sendungsplaner, den brachialen schwarzen Humor des Duos auf ein Hauptabendformat umzulegen ist eine glatte Themenverfehlung. Während Grissemann eine der Kandidatinnen, eine tinnituskranke, halbtaube Frau fragt, ob es okay ist, dass er Witze über ihre Krankheit macht, suche ich im Internet nach Kündigungsmöglichkeiten für die GIS Gebühr.

 

Jenseits von Klopapierwerbung

Doch dann geht es erst richtig los und die Spiele beginnen: Da müssen Tierschwänze blind ertastet, Fußbälle mit Skiern in Tore geschossen und Lieder nachgepfiffen werden. Man kennt das alles aus dem Privatfernsehen, doch die amateurhafte Abwicklung der Sendung lässt eher an die legendäre Anfangszeit von Puls 4 erinnern als an ein Freitaghauptabend Projekt der größten Medienanstalt des Landes. Das Studiopublikum ist vollkommen lethargisch, die gescripteten Gags der Moderatoren lahm und die Kandidaten bringen keinen vollständigen Satz über die Lippen und scheinen gar nicht zu wissen, was sie hier eigentlich verloren haben. Das Moderatorenduo bemerkt schon früh in der Sendung, wie schlimm das Ganze ist, doch der Schaden ist angerichtet. Weil es jetzt auch schon wurscht ist, steigern sie sich nach jeder gewonnen Runde ihres Teams in ekstatische Jubelschreihe und es ist vollkommen klar, dass beide auf starken Drogen sein müssen um das fertig zu bringen. Zu alten FM4 Zeiten haben sich beide noch gegenseitig über abgeschlossene Radiowerbeverträge mit Klopapierfirmen lustig gemacht – wenn sie gewusst hätten, was sie ein paar Jahre später fürs Fernsehen produzieren würden, dann wären ihnen diese Witze im Hals stecken geblieben.

Offenbar inspiriert durch das unterirdische Gaglevel der Moderatoren versucht mit Fortdauer der Sendung auch einer der Kandidaten, ein mit verschiedenen, möglicherweise lebensgefährlichen Krankheiten ausgestatteter Kollege, immer mal wieder einen Witz anzubringen und sogar Fernsehzuseher, die bei Saturday Night Fever begeistert sabbernd vor dem Schirm sitzen, hämmern spätestens jetzt zuckend vor Fremdscham auf den roten Knopf ihrer Fernbedienung.

Als Konsequenz für eine verlorene Runde wird der Moderator des Verliererteams durch verschiedene „kreative“ Strafen gedemütigt – das Anziehen von weißen Pelzschuhen oder das Anlegen eines Eselschwanzes ist jedoch nichts im Vergleich zu der bloßen Mitwirkung in dieser Sendung. Irgendwann wird der mittlerweile ein Holzbrett vor der Stirn tragende Grissemann mit einem Eimer grünen Schleims übergossen, woraufhin er ehrlich sauer reagiert und verzweifelt ausruft „Jetzt reichts, ich geh zu ATV“ – dort ist man wenigstens ehrlich und steht zu dem Müll den man produziert, anstatt ihn verlegen lächelnd unter dem Deckmantel der Satire verstecken zu wollen. „Dafür hab’ ich Germanistik studiert“ meint der völlig durchnässte Comedian, während ihm der Schleim vom Sakko tropft und die Inskriptionsbestätigungen tausender junger, hoffnungsvoller Nachwuchsgermanisten vor Österreichs Fernsehgeräten verbrannt werden.

 

Genieren Sie sich?

Zwischen den Spieldurchgängen versuchen die Moderatoren die Begräbnisstimmung im Studio durch Gespräche über die Krankheitsgeschichten der Kandidaten aufzulockern. Im Zuge dessen erklärt die Tinnituspatientin, dass sie manchmal beim Niesen umfällt, weil sie so schwere Gleichgewichtsstörungen hat. „Die Presse“ hat sich angesichts solcher Szenen übrigens zu dem Urteil „kluge Satire mit tieferem Sinn“ hinreißen lassen – da hätte es sich für die Redakteurin wohl gelohnt, sich die Sendung anzusehen, als einfach den Pressetext zu kopieren. „Genieren Sie sich?“ fragt Grissemann das Ärzteteam nach einer verlorenen Runde. „Überhaupt nicht“ kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen, und zumindest das glaubt man dem Herrn auf jeden Fall, der genauso wie alle anderen Kandidaten vom ORF Team offenbar auf vollkommene Fernsehuntauglichkeit hin gecastet wurde. „Ich hab irgendwie die Lust an der Sendung verloren“ – Grissemanns Drogen scheinen langsam nachzulassen und durch ernste Sorgen um seine zukünftige Karriere ersetzt zu werden.

 

Ich kann nicht mehr

Das wirklich Schlimme an dieser Sendung ist die Tatsache, dass es sich nicht um eine Live-Sendung handelt, sprich jemand das Endprodukt vor der Ausstrahlung gesehen haben muss, ohne sofort die Notbremse zu ziehen. Die gesamte Produktion wurde auf ausdrücklichen Wunsch von ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner realisiert, die das bisher durchaus fernsehtaugliche Comedienduo erst nach längerer Bearbeitung von einer Mitwirkung überzeugen konnte – unseren Quellen nach unter heftigen Einsatz von chinesischen Waterboarding sowie einer achtundvierzig Stunden Vorführung aller „Mitten im Achten“ Folgen in Endlosschleife. Wir Österreicher sind ja ein recht lethargisches Völkchen, wenn es darum geht, sich für etwas einzusetzen, aber ich würde drei mal nackt den Küniglberg rauf und runter laufen, wenn Frau Zechner als Entschädigung ihr Amt auf der Stelle niederlegen und nie wieder mit der Medienbranche in Kontakt treten würde.

Irgendwann gewinnt Stermann mit seinem Team die Sendung und wird unter einem Confettiregen begraben. Vielleicht versteckt er sich immer noch aus Scham darunter. Wir schließen mit Grissemans letzten Worten der Sendung: „Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Ich will nachhaus. Aus.“

Andreas Rainer

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5 Antworten auf Keine Chance – Verstecken

  1. dareiner sagt:

    mhm
    mir gefiel die sendung ziemlich gut. liest sich hier leider wie eine einzige vollkatastrophe. im vergleich zu anderen spiele-shows war dieser zugang schon erfrischend.

    was mich hier aber wirklich stört: grissemann fragt, ob er witze machen darf und die kanditatin findet das völlig in ordnung! kann sich der autor so etwas überhaupt vorstellen? das waren teilweise wirklich ehrliche tv-momente. zugegeben manchmal etwas an der grenze, aber hundertmal besser als diese pseudo politisch-korrekten bemerkungen des autors.

  2. ... sagt:

    Die zwei
    sind einfach schon lang nimmer lustig.

  3. Marina sagt:

    Keine Chance
    Die Sendung war wirklich schlecht.

  4. Wiener sagt:

    bin dabei…
    …beim Küniglberglauf! 😉

  5. johnny sagt:

    ehrlich, direkt und frisch
    um welten besser als diese ganzen andren spiele shows. ehrlich direkt und lustig. ein debiler kindergarten eben.
    i like!

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