Kultur – Musik

Schallplatte Vinyl (c) STADTBEKANNT Hofinger
Schallplatte Vinyl (c) STADTBEKANNT Hofinger

John Lennon ist tot – lang lebe John Lennon.

13. Dezember 2010 • Musik

John Lennon steht nicht nur für das schrecklichste Weihnachtslied aller Zeiten, sondern auch für Friedenshymnen, Nickelbrille, seltsame Nacktfotos und für Haar-Revolutionen vom Bett aus. Lennon gilt nach wie vor als der „intellektuelle“ Beatle – und gut, er hat wohl intelligentere Sachen gesagt als Ringo Starr und er hat auch die besseren Beatles-Lieder geschrieben (wie immer gilt: Ausnahmen bestätigen die Regel), aber was ist wirklich dran am Mythos des Saubermanns, dessen Todestag sich am heutigen 8.Dezember nun zum dreißigsten Mal jährt?

Sein musikalisches Erbe

Nicht nur seinen Tod beklagen wir seither jeden Dezember, auch an seinem größten Vermächtnis knabbern wir schon länger: Happy Xmas (war is over) verfolgt uns nun schon seit 39 Jahren und ist genauso wenig von Weihnachten wegzudenken wie betrunkene „Imagine“-Versionen aus miesen Karaokebars. Ich zitiere mich selbst: kaum ein Anti-Kriegslied hat so viele Aggressionen ausgelöst wie dieses. Beide Lieder (und Lennon hatte ja bekanntlich nur diese beiden) sind mittlerweile auch in zig unerträglichen Coverversionen zu hören – dafür kann er nichts? Unserer Meinung nach aber schon.

Die Person Lennon

Werfen wir noch einen Blick hinter die musikalische Fassade (die ja an sich schlimm genug wäre), tun sich weitere Abgründe auf: ein Pakt mit dem Teufel? Frauenverachtender Groupieverschleiß auf der Bühne und tyrannischer Vater und Ehemann zuhause? Misogyne Texte in seinen Songs? Verdünnung und Banalisierung von Politik? (Seine berühmten „Bed-ins for Peace“ können als Vorläufer für die modernen Facebook-Demonstrationen gesehen werden) Und auch als Style-Vorbild hat er nachgewirkt – Nickelbrille und lange Haare gelten seit Lennon als Alt-Hippie-Insignien und dürfen bei keiner Woodstock-Revival Party fehlen – und auch die Schuld an Oasis kann man dem Lennon in die Schuhe schieben.

Trotzdem…

Viel musste der Herr postum schon ertragen, aber dass sowohl Tokio Hotel als auch Green Day einen seiner Songs coverten dürfte wohl zu den schlimmsten Dingen gehören, die einem Musiker nach seinem Tod widerfahren können – das hat er wirklich nicht verdient. Auch die typische Vorgangsweise von Plattenfirmen, eine postmortale Veröffentlichungsflut von mittelmäßigem Songmaterial auszulösen bleibt Lennon nicht erspart. Heuer werden pünktlich zum Weihnachtsgeschäft knapp 30.000 Songs veröffentlicht. Danke Yoko Ono! Viel Spaß damit – und uns bleibt noch zu sagen: Lennon is over – if you want it.

Foto: George Groutas

Raphael Maria Dillhof„Es scheint so, dass in unserer Kultur das Leben dasjenige ist, was nicht definiert werden kann, aber gerade deswegen unablässig gegliedert und geteilt werden muss.“ (Agamben)

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