Kultur

Mixtape - 90 Minuten für mehr Toleranz

It´s a Mixtape – 90 Minuten für mehr Toleranz

9. März 2014 • Kultur, Musik

Es ist heiß, es ist modern und vor allem ist es N.E.U! „It’s a Mixtape. 90 Minuten für…“ nennt sich dieses intime Geschenk, das wir euch wöchentlich unter einem bestimmten Schwerpunkt präsentieren und nahelegen werden. Mal hingebungsvoll ernst, mal entspannt und trivial.

Warum wir nun aber keine CDs brennen, sondern viel lieber Mixtapes gestalten, hat einen ganz einfachen Grund: Der Kassette wohnt ein gewisser Charme inne und rein musikalisch wirkt ein volles Mixtape auch viel mehr wie ein Gesamtkunstwerk. Hinter jedem ausgewählten Song – dieses meist amourös konnotierten Geschenks’ – steckt eine Idee, ein wohlfeiler Plan und im Idealfall auch eine ganz klare Ansage.

Bei jeweils zehn Songs zu Themen, die uns bewegen, wollen wir mit euch in Zukunft lachen, jubeln, weinen. Das Beste: Diese Kolumne könnt ihr zum ersten Mal nicht nur lesen, sondern auch hören. Wir werden euch jede Woche eine Auswahl an Songs des Mixtapes als Tracklist zur Verfügung stellen und mit euch unsere Gefühle teilen. Nun, genug der Worte, hier der erste audiovisuelle, etwas ernstere, “(Liebes)brief”, unser Mixtape zu mehr Toleranz:

 

It’s a Mixtape
90 Minuten für mehr Toleranz

Die Schweiz beschließt das Zuwanderungsgesetz, die NSA überwacht so gut wie alles und jeden, Uganda unterzeichnet das Anti-Homosexuellen-Gesetz, in Kiew schießen sie scharf und über Putin brauchen wir erst gar nicht reden.

Ich sitze an meinem Schreibtisch und höre alte Tapes, die mir Freunde aber auch Verliebte damals gemacht haben. Dann, bei Terror Couple Kill Colonel von Bauhaus, erinnere ich mich an die Aussage einer lieben Freundin, dass das mit dem ganzen Hass sowieso nichts bringt, dass wir doch alle Erdenkinder wären. New Age und Hippie Shit hab’ ich mir damals noch gedacht, heute denke ich da ganz anders.

Wir nehmen also die momentanen Umstände zum Anlass, mit euch unser Mixtape „90 Minuten für mehr Toleranz“, für weniger Diskriminierung und mehr Toleranz zu teilen. Warum? Weil es uns gar fürchterlich unter den Nägeln brennt!

 

1. Marvin Gaye – What’s Goin On
1971: Marvin Gaye veröffentlicht sein wohl wichtigstes Studioalbum „What’s Goin On“. Der gleichnamige Titelsong des Albums, den wir heute als Opener des Tapes verwenden, findet seine Entstehung folgendermaßen: Marvin Gaye kommt 1969 nach Haight-Ashbury (Google!) und findet genau eines vor: Lange Haare, keine Jobs! Jeder dort scheint davon reichlich zu haben, die Hippie-Bewegung ist am Zenit. Obwohl die Kids damit keinen belästigten, werden sie von den Cops geschlagen und verhöhnt. Warum? Weil sie nonkonform sind. Spätestens an dieser Stelle stellt sich Gaye die zündende Frage: „What’s Goin On?“. Dass diese Menschen dann auch noch gezwungen werden, nach Vietnam zu gehen, erzählt der Rest.

 


2. Nirvana – In Bloom

Kurt Cobain, sich seiner Sexualität selbst lange nicht gewiss, erklärte einst in einem Interview, dass er weißen reaktionären Hinterwäldlern und Machos einfach nichts abgewinnen kann. Unterschreiben wir mit Blut, Kurt. “In Bloom” war, so Cobain, eine Abrechnung mit genau diesen Personen. Um eine weitere Provokation bei homophoben Menschen auszulösen, dachten sich Seatles Vorzeige-Grunger, das Video in Frauenkleidern zu drehen. Schön!

 

3. En Vogue – Free Your Mind
Für alle, die die neunziger Jahre nur aus dem Fernsehen kennen: Free Your Mind entsprang 1992 der Feder von En Vogue. Die Message hinter dem Song: eine Antwort auf die 1992 in Los Angeles stattfindenden Rodney King Aufstände. Kurz: Rodney King, schwarzer Einheimischer, wird von vier weißen Polizisten aufgrund seiner Hautfarbe verprügelt, Augenzeuge George Holiday filmt diesen Zwischenfall. Trotz des Beweisvideos warden drei Polizisten freigesprochen, einer unentschieden. Dieses Urteil schlug derartige Wellen, dass massive Rassenkonflikte, ettliche Aufstände und Brandstiftungen ausgelöst wurden. Kommt uns bekannt vor, oder?

 

4. Madness – Embarrassment
Dieser Song handelt von der Ablehnung die Lee Thomson’s (der Saxophonist von Madness) Schwester Tracy widerfuhr, nachdem sie von einem schwarzen Mann schwanger wurde. Der Text bringt zum Ausdruck, welche Scham die Familie verspürte, ein Mischlings-Baby in der Familie zu haben. Happy-End: Tracy erklärte der BBC, dass im Laufe der Zeit die Leute liberaler geworden sind. Tracy hat heute vier Mischlings-Kinder, einen weißen Mann und ein glückliches Leben.

 

5. Tocotronic – Racist Friend
Tocotronic covern mit „Racist Friend“ The Specials und tun das auch aus Überzeugung. Sie machen wie The Specials ganz kurzen Prozess: Egal ob es deine Mutter ist, dein Vater, dein Cousin, dein bester Freund, wenn er Rassist ist, dann kündige ihm die Freundschaft.

 

6. Pixies – Gigantic
Unsere lieben Pixies erzählen in Gigantic von einer Beziehung zwischen einem schwarzen Mann und einer weißen Frau. Geschrieben und gesungen unserer noch viel lieberen Kim Deal (später dann The Breeders). Inspiration zum dem Song holte sich Deal aus dem 1986er Film “Crimes Of The Heart”, in dem Sissy Spacek eine verheiratete Frau spielt, die sich in einen schwarzen Teenager verliebt.

 

7. Nina Simone – Mississippi Goddamn
Wenn Nina Simone Songs schreibt, dann meist über Rassismus und Ungerechtigkeit. Mississippi Goddamn hat sie einerseits als Antwort auf den Mord von Medgar Evers, dem Anführer der Bürgerrechtsbewegung, in Mississippi 1963, andererseits Aufgrund des Bombenanschlags der 16th Street Babtist Church in Birmingham, Alabama, der 1963 vier schwarze Mädchen in den Tod riss. Simone: „When I heard about the bombing of the church in which the four little black girls were killed in Alabama, I shut myself up in a room and that song happened.”

 

8. Bikini Kill – Rebel Girl“
“When she talks, I hear the revolution. In her hips, there’s revolutions. When she walks, the revolution’s coming. In her kiss, I taste the revolution!” Der Song ist ein Tribut an genau diese Frauen, die ihre Stimmen und ihre individuellen Talente verwendet haben, andere Frauen dazu zu inspirieren, ihre Stimmen und Fäuste zu heben, für ihre Rechte zu kämpfen. Ob es hier noch vieler Worte bedarf? Wir glauben nicht. Es war von Anfang an klar, dass Rebel Girl auf dieses Tape kommt.

 

9. Bloc Party – Where Is Home
Der Song handelt von Rassismus und Tod. Besonders Christopher Alaneme, ein schwarzer Teenager, der in einem Vorrort von South East England erstochen wurde, ist hier Thema. Sänger Kele Okereke: „It’s to do with the idea of me, as a second generation black person, living in the UK, I don’t really feel comfortable, I don’t really feel the door of opportunity in this country is open to me. All these articles in the mainstream press – all these images you see of young black kids terrorizing people – are reinforcing the idea of us as The Other.“ Bloc Party zeigen mit ihrem Song, dass da noch einiges passieren muss. Aber schleunigst.

 

10. Jochen Distelmeyer – Wohin Mit Dem Hass
Diesen Song von Ex-Blumfeld Sänger lassen wir als heutige Abschluß-Nummer offen und unkommentiert stehen.

 

Für alle, die nun immer noch mit dem Diskriminierungsschweinehund in ihnen zu kämpfen haben, denen sei nachdrücklichst empfohlen, das Tape auf Dauerschleife anzuhören. In der Küche, im Auto, im Büro. Spätestens dann macht es ein jeder wie unser junger Außenminister Sebastian Kurz. Der ist nämlich –so irgendwie gar nicht passend zu seiner politischen Couleur, bei Toleranz-Ville abgefahren, ehe er sich auf der Diskriminierungs-Autobahn verfahren hätte (Google!). Kompliment, lieber Herr Kurz, hätten wir nicht unbedingt erwartet. Viel Beifall für all’ jene also, die sich gegen Diskriminierung und für mehr Toleranz einsetzen. Die vier Worte zum Abschluss: Hate a little less!

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