Wien – Leben

Foto: Caroline Hofer (c) Hannah Hauptmann
Foto: Caroline Hofer (c) Hannah Hauptmann

Ist der Turm gerade umgefallen?

24. Juli 2014 • Leben

Vorletzten Samstag geriet meine Nachtruhe in die Schlagzeilen. Gleich als allererste Meldung. Das hatten wir uns auch verdient. Wir fünfzehn Menschen, wie es später hieß. Irgendwo stand achtzehn. Mindestens. Aber ich zählte nicht nach. Immerhin war es mitten in der Nacht oder Früh, auf jeden Fall zu dunkel dafür. Einmal abgesehen von den Scheinwerfern, die in die andere Richtung strahlten. Der Lichtdienst der Stadt war nämlich auch gekommen, gleich als einer der Schnellsten vor Ort. Noch vor Ambulanz und Evakuierungsteam. Das kam dafür mit lautem Gepolter. Ich wollte es ja schon selber vorschlagen, aber die Polizei hatte mehr Durchschlagungskraft. Zuerst ein Klingeln, dann ein Pochen und schlussendlich die erbitterte Aufforderung „Sie müssen raus hier, ihr Haus wird evakuiert.“
Aber sicher, das weiß ich doch! Ich habe mir schon selbst mein Bild gemacht, vom Fenster aus alles beobachtet. Der Lärm hatte mich aufgeweckt und ich stolperte über das neue Convertible, das auseinander brach.
„Hallo?! Ist der Turm gerade umgefallen?“
Aus irgendeinem Grund brüllte ich gleichzeitig auf die Straße und durchs Telefon. „Hallo!“, brüllte das Telefon zurück und der Typ von der Straße nickte hinauf. Danach lief ich hinunter, im Nachthemd. Von unten wollte ich wieder in den Himmel schauen. Nur das bessere Drittel hatte beschlossen, lieber ins Bett zu gehen.

 

Der Kran war also umgefallen. Mit Krach und Staubwolke und noch viel lauterem Poltern, als die Einsatzkräfte nachher verursachen werden. Jetzt hing er quer über die Straße, im Dach des Hauses gegenüber eingehakt. Als wäre er vor Liebe zu stürmisch geworden…
An einen Sturm dachte ich zuerst auch. Und an die Nachbarn genau an der Kante. Die Gefahr schwebte noch über uns, daher standen wir bald alle gemeinsam auf der Straße. Zwischen Kinderwagen und dem Nachbarskind an der Hand. Wie eine Klassenfahrt ohne Klasse. Dafür mit lieben alten Bekannten an Board. Jeder mit seiner ganz eigenen Geschichte. Wir zum Beispiel hatten zwar das Kind, aber kein Fläschchen eingepackt. „Machens Ihnen keine Sorgen, das treiben wir auch noch auf.“
Stunden später wurde auch dieses Problem Teil einer knappen Erinnerung. Ich hatte immer noch das Nachthemd an, da waren Straße und Stadt bereits aufgewacht. „Gemma Kran schauen. Das Loch im Boden ist auch sehr interessant.“
Von innen konnte ich das Theater weiter beobachten. Wie ein Kino unter Sternen. Wahrscheinlich für immer auch in unserer Erinnerung.

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