Wien – Leben

Flex (c) STADTBEKANNT
Flex (c) STADTBEKANNT

Insolvente Ente?

5. Oktober 2014 • Leben

Flex am Donaukanal

Vergangenen Freitag ging ein Raunen durch Österreichs Social-Media-Kanäle. Wiens renommiertester Untergrund-Schuppen, das Flex am Donaukanal, werde von Pleitegeiern umkreist und stünde vor dem Aus.

Verantwortlich dafür war eine Meldung des Alpenländischen Kreditorenverbands (AKV), die ein Konkursverfahren meldeten, das über den Betreiberverein des Lokals eröffnet wurde. Um die Jahrtausendwende hätte so eine Hiobsbotschaft noch kollektiven Katzenjammer zur Folge gehabt, heute animiert sie die Online-Foren des Landes höchstens noch zur Schadenfreude. Aber der Reihe nach:

 

Die gute, alte Zeit

Das alte Flex in der Arndtstraße im zwölften Bezirk galt als El Dorado der Wiener Punk- und Hardcore-Szene der ausklingenden 1980er und frühen 1990er Jahre. Erklärtes Ziel dieses autonom verwalteten Jugendzentrums, das sogar über ein hauseigenes Fanzine („Flex’s Digest“) verfügte, war es, dem grau-melierten Achtziger-Mief Wiens eine Stoßlüftung des Aufbegehrens zu verpassen. Es war lange bevor man damit begann, Autonomie mit „DIY“ abzukürzen. Das Klo war eine Waschtrommel, seine Bestellung schrie man über ein paar aufeinandergestapelte Bierkisten und die damals schon für seine Lautstärke berüchtigte Anlage wurde selbst ertüftelt und gebaut. Während die Heldenepen österreichischer Musikgeschichte eher aus anderen Nachtclubs hinaus ans Ohr der Nation drangen (U4, Chelsea), beherbergte das alte Flex eine Parallelszene der wilden Musik. Weil man die dünnen Nervenkostüme der Anrainer stets überstrapazierte und die ungebetensten aller Gäste häufiger heraufbeschwor, als es solch einer Einrichtung lieb sein kann, beschloss man, die Zelte in Meidling abzubrechen. Unter kräftiger Mithilfe von Klaus Steiner, einem damaligen Freund der Szene mit Drähten zum Schalthebel der Stadt, entschied man sich 1992 für eine Übersiedelung in die U-Bahn-Trasse am Donaukanal.

 

Das Pelzmantel-Movement rückt aus

Doch auch hier hatte man anfangs mit heftigem Gegenwind zu kämpfen. Anlässlich seiner Laudatio zum 5-jährigen Flex-Bestehen, berichtet der Musikjournalist und Popfest-Miterfinder Robert Rotifer von einem rot-schwarzen Kleinkrieg um die Innere Stadt. Anrainer äußerten Kritik, der Mopedlärm der „Exzessler“ aus den billigeren Randbezirken würde sie regelmäßig um ihren Schlaf bringen. Auch die heutige Kurier-Kolumnistin Doris Knecht zeichnet in der umfassenden Musikchronik „WIENPOP“ ein höchst skurriles Bild jener Zeit: „Da war diese großartige Pelzmanteldemo, bei der die Hofratswitwen mit ihren Nerzen, Plakaten und Megaphonen über den Ring spazierten.“ Helmut Zilk höchstselbst war es schließlich, dessen Machtwort den Zwist zugunsten der Flex-Betreiber beendete: Um rund 11 Millionen Schilling wurde das neue Flex errichtet und am 1. Oktober 1995 eröffnet.

 

National Najo, International Vorreiter

Mit dem zögerlichen Einzug der Infrastruktur entstanden auch die ersten Residents, wie der „Dub-Club“, der damals noch als Geheimtipp kursierte, dessen Besucherzahl jedoch rasant anwuchs. Es war besonders die Lage und die musikalische Programm-Gestaltung, die der damals aufkommenden Electro – und Downbeat-Szene eine Adresse gab und dem Flex – wie soll es anders sein – vor allem international den Ruf einer Avantgarde-Hütte einbrachte. Crews, Djs und Zeremonienmeister wie Kruder & Dorfmeister, Urbs & Cutex, D.Kay oder Sugar B machten das Flex zur wöchentlichen Anlaufstelle für Aufgeschlossene. Im Laufe der Jahre formten immer mehr Resident-Instanzen das wöchentliche Programm. So zählten und zählen die Veranstaltungsreihen wie „Crazy“, „Beat It“ oder „London Calling“ ebenso zum Inventar wie die Ragga-Jungle-Tekno-Pumperei-Melange „Wicked“.

 

Der große Umbruch

Die Jahrtausendwende im Rückspiegel betrat ich als 16-jähriges Landhendl diese mir stets in allen Farben geschilderte Sakralstätte des Wiener Nachtlebens zum ersten Mal und konnte meinen dunkelroten, burger-förmigen Augen kaum glauben, geschweige denn meinen Ohren trauen – „Ärgstens, Oida!“. Meinem Entschluss, künftig jede freie Minute in diesem Club verbringen zu wollen, kam jedoch ein unausgeglichener Silberrücken mit Security-Jacke in die Quere, der uns – speziell meiner Begleitung – beim zweiten Besuch einen unvergesslichen Abend bescherte. Und beim dritten. Und beim fünften. Und sechsten. Und neunten. Und als das Flex sein Hooligan-Problem dann endlich in den Griff bekam und wieder ohne ethnische Kontrollen begehbar wurde, war es plötzlich voll von Eurozeichen und Kleinkrämer-Konventionen. Rauchverbot hier, Alkohol-Mitbring-Verbot da, Sitzverbot dort. Das Bier schmeckte schal und war heillos überteuert, der Eintritt für Gering-Verdiener kaum mehr leistbar uns sieh‘ an: Fürs Flex wurde man schon sehr jung zu alt. Was eintrat, war ein Klima ausbeuterischen Umbruchs, ein Kommerzialisierungs- und Verschnöselungsprozess, der eine Abwanderung etlicher altgedienter Stammgäste zur Folge hatte. Gut möglich aber auch, dass dieser Umbruch das Resultat einer Notwendigkeit war, die Schikanenflut an behördlichen Auflagen einzuhalten, mit denen Österreichs Gastronomiebetriebe Jahr für Jahr zunehmend aufs Neue vergrämt werden.

 

Insolvente Ente?

Das hartnäckige Gerücht, das während der vergangenen Tage durch den Blätterwald geisterte, wurde von Geschäftsführer Thomas Eller in einem Facebook-Statement jedenfalls umgehend dementiert und als Ente dargestellt. Es bestehe kein Grund zur Sorge: der Betreiberverein hätte lediglich eine Krankenkassa-Rechnung übersehen, die längst beglichen wurde. Diese beglichene Rechnung dürfte jedoch nicht die letzte zu tilgende Forderung sein, vermutet Creditreform-Chef Gerhard Weinhofer: „Wegen eines Antrags wird nicht gleich ein Konkursverfahren eröffnet. Da dürfte schon noch was gewesen sein“, erklärte er dem Online-Standard am Freitag. Tatsache ist, dass am 2. Oktober vom Handelsgericht Wien ein Konkursverfahren eröffnet wurde.

Wirft man nun einen Blick in die Online-Foren der bekannten Tageszeitungen, so sticht einem zu aller erst die Häme ins Auge, das Flex hätte seinen drohenden Untergang einzig seiner hausgemachten Fehlpolitik zu verdanken. Das mag teilweise stimmen, ein positiver Ausgang des Verfahrens dürfte aller Voraussicht nach trotzdem nicht nur mich alten Hasen freuen. Denn auch wenn es viel vom einstigen Zauber einbüßen musste, so bleibt das Flex unbestritten eine Institution des Wiener Nachtlebens, das neben seiner perfekten Größe nicht nur ein vielseitiges Booking, sondern nach wie vor die mörderischste Anlage Kontinental-Europas vorzuweisen hat.

 

Alle Infos und das aktuelle Flex-Programm finden sich auf www.flex.at

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