Wien – Leben

Foto: STADTBEKANNT Buchinger
Foto: STADTBEKANNT Buchinger

Ideen schaffen Raum! Raum schafft Ideen!

4. Juli 2014 • Leben, Wien

Wenn innerhalb des Gürtels der Leerstandsmelder ausschlägt, weil sich die horrende (Miet-)Preistreiberei von Wohn- und Nutzflächen außerhalb jeglicher Leistbarkeitsgrenze bewegt, aber gleichzeitig und von höchster Stelle bei jeder sich bietenden Gelegenheit dem Verfall des Grätzls in nostalgietrunkener Halbnarkose nachgeweint wird, so ist das paradox. Nein, der Greißler kommt nicht wieder. Der Greißler arbeitet jetzt an der Feinkosttheke im Merkurmarkt und überreicht dem wohlgelaunten Immobilienhai seine Virginia-Pfefferschinken-Semmel gurkerl-ohne.

 

Der gezähmte Hai

Doch auch Haie haben Herzen. Oder wirtschaftliche Interessen, die im Moment noch so undurchschaubar sind, dass sie uns zumindest im Glauben lassen, sie hätten eines. Wenn jemand so einen Hai zähmen und überzeugen kann, besagte Leerflächen vorübergehend zugänglich und nutzbar zu machen, dann ist das Paradocks. So nennt sich der Verein rund um die Urbanforscherinnen Margot Deerenberg, Leonie Spitzer und Veronika Kovacsova, die aktuell mit einem fulminanten Projekt reüssieren: dem PACKHAUS in der Wiener Marxergasse.

Foto: STADTBEKANNT Buchinger / Der Konferenz- und Hangoutraum bietet ausreichend Platz für allerlei Zusammenkünfte.

Der Konferenz- und Hangoutraum bietet ausreichend Platz für allerlei Zusammenkünfte.

Aus grau mach bunt

Wo bis vor Kurzem noch das Bundesrechenzentrum dem bunten Treiben des dritten Wiener Gemeindebezirks mit einschläfernder Grauheit begegnete, ist jetzt Mulatschak. Paradocks konnte sich mit dem Immo-Riesen Conwert auf eine vorübergehende Zwischennutzung des siebenstöckigen Bürogebäudes einigen, für das der Verein zwar über kein Mietrecht verfügt, dadurch jedoch lediglich für die Betriebskosten aufkommen muss. In einem großen Call wurde über die vereinseigene Webseite nach geeigneten Mietern gefahndet – mit Fokus auf Kreativität, Ambition und Ausgefallenheit.

 

Kreatives Potpourri

Wenige Wochen später tummeln sich knapp fünfzig unterschiedliche Start-Up-Unternehmen, Hobbyisten und Kreativ-Wirtschaftler auf den 2200 Quadratmetern, darunter ein Team an Videospiel-Entwicklern, Jung-Architekten, ein Musikvertrieb, ein physikalisches Forschungsteam, eine Modewerkstatt, eine Exklusiv-Druckerei, Textilkünstler und eine Fahrradwerkstatt. Erklärtes Ziel ist es mitunter, dieser vielfältigen Koexistenz an rauchenden Köpfen im Idealfall beim Ineinander-Verschmelzen zuzusehen, also sogenannte co-working-spaces zu schaffen, aus denen wiederum neue Ideen und Formen der Zusammenarbeit entstehen – eine Art kreatives Schlaraffenland zum spöttischen „Nutzungspreis“ von rund 8,- Euro pro Quadratmeter (inklusive Strom, Heizung und Internet).

Wem es im Büro zu stickig wird, der kann im hauseigenen Garten nach dem Gemüse sehen oder sich dort entspannen.

Wem es im Büro zu stickig wird, der kann im hauseigenen Garten nach dem Gemüse sehen oder sich dort entspannen.

Durch den Einzug der schöpferischen Schar wird der Betonmonolith zwar nicht bedeutend schmucker, das Grätzl darf sich ob des eindeutigen Wiederbelebungsversuchs aber trotzdem die Hände reiben.

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