Wien – Leben

Foto: Hannah Hauptmann
Foto: Hannah Hauptmann

Ich sagte nur Merci.

14. September 2014 • Leben

Mitunter fällt ein Kran um. Dann fahren zwei Straßenbahnen aufeinander auf oder die Spurensicherung fotografiert ein Auto. An der Ecke meiner Wohnung ist immer etwas los.

Manchmal passieren die Dinge selbst noch einige Straßen weiter. Zum Beispiel in meinem verlängertem Wohnzimmer, in dem meine Parkbank steht. Kinderwagenschieber haben doch alle eine, oder? Ich zumindest hatte sehr bald eine im Visier. Ihre allerbeste Eigenschaft: die typische Wiener Kaffeehausqualität. Die Kellnerin von nebenan nimmt meine Bestellung auf und liefert prompt. Ich solle Glas oder Häferl dann einfach zurückstellen. „Passt scho‘.“ Super, mache ich. Danketausendmal.

In diese gemütliche Stimmung setzte sich vor ein paar Wochen ein Mann neben mich. Er zögerte nur kurz, ehe er sprach. „Entschuldigen Sie, darf ich sie etwas fragen?“ „Ja, bitte, fragen Sie!“ „Ich habe gleich ein Gespräch mit meinem ehemaligen Chef, weil ich in meinen alten Job zurück will, aber wie soll ich ihm das sagen?“ Mit dem Convertible am Schoß und dem Kind vor Augen fühlte ich mich geehrt. Ich klappte den Bildschirm nach vorne und begann zu philosophieren. Erstaunlich viele Weisheiten fielen mir ein, woher auch immer aus meiner Erinnerung ich sie holte. Assoziationen hier, Assoziationen dort. Gut, Gott fand auch seinen Platz, aber das war eher ein Zugeständnis als meine tiefste Überzeugung. Empathie… raunte ich mir selber zu. Nach einem kurzen Monolog und einem längeren Dialog einigten wir uns darauf, dass er nicht viel erwarten durfte, aber durchaus konnte. Da ich keine Therapeutin bin, waren alle Formen des Coachings erlaubt. Ausdrückliche Vorschläge inklusive, von denen ich später gar nicht mehr so überzeugt war. Jedenfalls erschien ich ihm glaubwürdig. Er nickte erstaunlich oft. Dann erhob er sich von der Bank, die für ein paar Minuten uns beiden gehört hatte. Bitte, ich teile gerne.

Die zweite interessante Begegnung der letzten Zeit, die zugegebenermaßen um einiges drolliger war, ereignete sich einige Tage später, jedoch an einem ganz anderen Ort. Müßig zu sagen, dass man sich auch verfolgt fühlen kann, von diesen kleinen und großen Ereignissen. Diesmal waren wir alle zusammen unterwegs. Im Grenzland Südliche Weinstraße/Elsass. Das bessere Drittel, das Kind im Wagen und ich auf Urlaub. Wir hatten eben in einem Bistro Unterschlupf gefunden, als ich mein bestes Französisch auspackte und genüsslich faselte. Zwischen oui, non, sans fromage schmatze plötzlich mein Ärmel. Das Kind saß links von mir in seinem Sitz, und kann so etwas noch nicht. Das bessere Drittel hatte es möglicherweise noch vor, war aber unsicher wegen des fehlenden Käses. Von rechts unten verspürte ich eine Bewegung. Dort war auch das Schmatzen passiert. Ich drehte mich zur Seite und schaute in ein strahlendes Bubengesicht. „Je suis William“, sagte er, aber ich sagte nur „merci“. Nicht weil er mir seinen Namen verraten hatte, sondern weil er so freundlich gewesen war meinen Ärmel zu küssen. Einfach so. Meinen Namen wollte er natürlich auch noch wissen. Aber ich ließ mich bitten. Bien sûr! Zuerst verriet ich den Namen vom Kind, dann den des besseren Drittels, „et toi?“, ließ er nicht locker. Na gut. „Caroline“.

Caroline gesagt zu haben, bedeutete aber auch schon das Ende unserer Begegnung. Der Junge setzte sich wieder zu seiner Mama und wir aßen. Möglichst ohne zu schmatzen und sans fromage.

Jetzt bin ich schon gespannt, was als nächstes passiert. Übrigens. Die Spuren des umgestürzten Kranes sieht man noch immer.

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