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Rock'n'Roll Damenformation (c) Verein Rock Explosion
Rock'n'Roll Damenformation (c) Verein Rock Explosion

I love Rock’n’Roll

31. Jänner 2011 • Lifestyle, Sport2 Kommentare zu I love Rock’n’Roll

Rock’n’Roll Damenformation

Mein Kollege und ich fanden uns an einem kalten Sonntagabend im Turnsaal einer Schule ein. Während es draußen kalt und fast noch besinnlich war, war drinnen weit mehr los. Wir trafen die Damenformation des Vereins Rock Explosion bei ihrem Wochenendtraining.

Warum treffen wir eine Rock’n’Roll Damenformation? Weil wir uns neuerdings für Randsportarten interessieren, für ihre Organisation, ihre Wettkämpfe und natürlich auch für ihre Regeln. Seit etwa 10 Jahren gibt es in Österreich Formationstanzen im Rock’n’Roll. Was den meisten nur als Paartanzen bekannt ist, stammt auch genau daher. Zu wenig Männer gab es, viele Frauen wollte dennoch nicht auf Rock’n’Roll verzichten. So wurden Mädchen- und Damenformationen gegründet.

In unserem Fall sind es etwa 20 Mädchen, deren Training wir mitverfolgen dürfen. In der Gaderobe herrscht hektisches Treiben, während ich noch ein paar Fragen stelle, begeben sich ein paar Mädchen schon in den Turnsaal. Die Formation heißt „Surprise“ und existiert nun schon seit fast zehn Jahren, wobei die Zusammenstellung sich immer wieder änderte.

Aufwärmen Foto: stadtbekannt.at

Aufwärmen Foto: stadtbekannt.at

Aufwärmen muss sein

Zwei bis drei mal die Woche tranieren die Damen, wobei es sich hierbei eigentlich um junge Frauen zwischen 15 und 23 handelt. Während wir schon mal unsere Plätze einnehmen, uns mit den Kameraeinstellungen spielen und die richtige Belichtung für den Turnsaal diskutieren, beginnen die Tänzerinnen schon mal mit dem Aufwärmen. Ein Spagat hier, eine absurde Verrenkung dort: Wer Rock’n’Roll tanzen will, der muss gelenkig sein.

Für uns haben sich die Damen heute in Schale geworfen, schwarze Leggings, weißes T-Shirt, gut lesbar steht dort: I love R’n’R. Vorab haben uns die Mädchen erzählt, dass sie eher selten mit Cheerleadern verwechselt werden. Hier wird aber auch angemerkt, dass viele Rock’n’Roll Elemente im cheerleaden verwendet werden; beleidigt sind sie also nicht, wenn sie fälschlicherweise als solche bezeichnet werden.

Andere Frauen sind meist ganz begeistert, wenn die Tänzerinnen von ihrem Hobby erzählen, wenn man es überhaupt so nennen darf. Viele Männer jedoch, so finden sie, nehmen ihre Sportart nicht richtig ernst. Es sei kein richtiger Sport hört man ab und an schon einmal, aber das nehmen die Mädchen gelassen: „Die meisten würden nicht einmal unser Training durchhalten“.

Rock'n'Roll Gymnastik Foto: stadtbekannt.at

Rock’n’Roll Gymnastik Foto: stadtbekannt.at

Und, kick!

Das Training beginnt mit ein paar schweißtreibenden Übungen. Schon jetzt ist klar, dass dieses Training nichts für Unsportliche ist. Faszinierend synchron schleudern die Mädchen ihre Beine in die Luft, der Puls scheint in die Höhe zu schnellen. Außer Atem wird Übung für Übung weitergetanzt. Die Tänzerinnen, das merkt man schnell, nehmen das Training sehr ernst.

Es ist fast unmöglich, ein Foto zu schießen. So schnell ändern die Mädchen die Positionen, jeder einzelne Versuch endet mit einem verschwommenen Ergebnis. Kondition muss man also haben, um diesen Sport ausüben zu können. Aber nicht nur das: Sprunkraft, Körperspannung und Rythmusgefühl sind wichtige Vorraussetzungen.

Während die Mädchen langsam zur Ruhe kommen, begeben wir uns wieder an unseren Platz, und sind gespannt, wie es nun weiter geht.

Staatsmeister (c) Verein Rock Explosion

Staatsmeister (c) Verein Rock Explosion

Staatsmeister, 2007, 2008, 2010

Die Mädchen sind jedenfalls erfolgreich unterwegs: 2007, 2008 und 2010 ertanzte man sich den Staatsmeister-Titel. Es gibt nicht so viel Konkurrenz hierzulande, eine Tatsache, die die Tänzerinnen sehr schade finden. Neben ihnen gibt es noch drei andere Damenformationen in Österreich, in den letzten Jahren hat man sich meist gegen die anderen durchgesetzt.

Jedoch ist deutlich zu beobachten, so meinen die Mädchen, dass das Niveau von Jahr zu Jahr steigt. Langsam aber stetigwächst auch der Bekanntheitsgrad. Zulauf zur Disziplin würde die Formation sehr freuen, denn der Wettkampf gehört für sie auf jeden Fall dazu.

Neben den Staatsmeisterschaften sind die Europa- bzw. Weltmeisterschaften die wichtigsten Veranstaltungen. Da die meisten Formationen aus Europa kommen, gibt es zwischen WM und EM eigentlich keinen Unterschied. Im internationalen Vergleich liegt die Formation Surprise etwa im Mittelfeld, gegen westeuropäische Konkurrenz hat man sich schon behaupten können. Das mit den Osteuropäerinnen ist wiederum eine andere Sache.

Rock'n'Roll Gymnastik Foto: stadtbekannt.at

Rock’n’Roll Gymnastik Foto: stadtbekannt.at

Die Sache mit den Osteuropäerinnen

Die osteuropäischen Formationen bei einer WM hinter sich zu lassen: Das ist jedenfalls ein Wunsch der Mädchen, wie realistisch er ist, wer weiß. Jedenfalls wird uns sowohl von den Tänzerinnen als auch von Trainerin Maria Baum erklärt, dass der Sport in Osteuropa viel professioneller betrieben wird. „Da kann man sich die Mädchen aussuchen, die zum Turnier antreten, denn der Sport wird dort von viel mehr Frauen betrieben.“
Viele von den osteuropäischen Tänzerinnen haben viel Turnerfahrung, so fallen ihnen auch die akrobatischen Elemente meist leichter.

Als ich vor kurzen einen Beitrag im Fernsehen über die letzte Rock’n’Roll WM sah, viel mir auf, dass die Osteuropäerinnen viel mehr Haut zeigten. Kostüme sind überhaupt ein wichtiger Teil der Rock’n’Roll Akrobatik. Ungefähr einmal im Jahr ändert die Formation Surprise die Kostüme; die sollen natürlich auffallen, glitzern oder schimmern, die Bewegungen der Mädchen betonen, aber nicht vom Programm ablenken. Es gilt, eine Balance zwischen Form und Funktion zu finden. Über die Kostüme entscheiden die Mädchen zusammen, das letzte Wort hat dann aber doch die Trainerin.

Rock'n'Roll Gymnastik Foto: stadtbekannt.at

Rock’n’Roll Gymnastik Foto: stadtbekannt.at

5,6,7,8!

Als das Training weitergeht, bringen sich die Mädchen in Position: Der Eingang soll geübt werden, der Anfang des Programms. Trainerin Maria Baum beobachtet die Linienführung der Mädchen ganz genau, am wichtigsten ist eigentlich, dass alles synchron abläuft und jeder weiß, wo er stehen soll.

Bei jedem Turnier präsentieren die Mädchen ein dreiminütiges Programm, das aus vier Teilen besteht. Regelmäßig werden die einzelnen Teile ausgetauscht oder erweitert, damit nicht immer das gleiche gezeigt wird. Es dauert eine gewisse Zeit, bis so ein Programmteil einstudiert ist, Präzision ist hier wichtig. Bevor nicht alle Tänzerinnen die Schritte beherrschen, kann nicht aufgetreten werden.

Es gibt strenge Regeln, bestimmte Grundschritte müssen in jedem Programm enthalten sein. Zuviel Jazz- oder HipHop Elemente dürfen nicht vorkommen, und auch die Musik muss passen. „I’m so excited“ hallt es durch den Turnsaal, die Mädchen beginnen zu tanzen. Immer wieder wird geplaudert, gekichert, aber sobald die Trainerin „5,6,7,8“ zählt, stehen alle auf ihrer Position, zwischendurch wird gestoppt, um einzelne Schrittfolgen zu wiederholen.

Nicht nur die Trainerin gibt Anweisungen, die Mädchen tauschen auch untereinander Hinweise aus und klären offene Fragen. Es wird gelacht, geseufzt und auch zum einen oder anderen Sturz kann es hier schon kommen. Doch offensichtlich ist: Die Tänzerinnen nehmen das Training sehr ernst; sie wissen genau, was sie beachten müssen, welche Probleme wie gelöst werden können. Die jahrelange Erfahrung macht sich bezahlt.

Rock'n'Roll Gymnastik Foto: stadtbekannt.at

Rock’n’Roll Gymnastik Foto: stadtbekannt.at

Was die Zukunft bringen wird

Langsam packen wir unsere Sachen, die Mädchen feilen noch immer an einem Programmteil. Mehr Konkurrenz, das Niveau anheben, mehr Leute zur Rock’n’Roll Akrobatik und insbesondere zur Mädchen- und Frauenformation bringen, das sind die Wünsche der Tänzerinnen.

Beeindruckend ist es allemal, anstrengend auf jeden Fall und der richtige Sport für solche mit Interesse an Tanz und Akrobatik. Besonders in ihren aufwendigen Kostümen, im Scheinwerferlicht, wenn alle Mädchen zur gleichen Zeit durch die Luft springen, die Beine in die Höhe reißen und das eigene Programm zur absoluten Perfektion getanzt wird, dann ist es ein sehr faszinierender Sport. Aber jeder kann dann doch nicht Teil einer Rock’n’Roll Formation sein: Wer so ein Training durchhalten will, der braucht schon eine ordentliche Kondition.

Wir schließen leise die Tür zum Turnsaal hinter uns, hinaus in die Kälte, während die Mädchen noch für eine Weile schwitzen. Wir danken jedenfalls für den kurzen Einblick in eine Randsportart, die ordentlich Potential hat. Interessierten kann ein Blick auf die Webseite des Vereins Rock Explosion nicht schaden.

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2 Antworten auf I love Rock’n’Roll – Verstecken

  1. Charles sagt:

    Toller Bericht
    Gratuliere den AutorInnen zu diesen Einblicken. Wird es die Randsportarten jetzt öfters auf stadtbekannt geben? Wäre spannend, macht sonst nämlich niemand.

  2. terror sagt:

    danke
    wird’s öfter geben, ja!

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