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Die Brunnenpassage – ein Raum der Kunst, Kultur und Begegnung in Ottakring

Etwas weniger als 30% der BewohnerInnen Ottakrings sind im Ausland geboren. Damit liegt der 16. Bezirk an fünfter Stelle in Wien. Gleichzeitig sammeln sich in der Brunnenmarktgegend, speziell rund um den Yppenplatz, vermehrt junge Kreative und sogenannte „Bobos“. Ein Gentrifizierungsprozess ist im Gang.

Eine Brücke zwischen den verschiedenen BewohnerInnen des 16. Bezirkes zu schlagen, hat sich die Brunnenpassage zur Aufgabe gemacht. Seit 2007 ist das Projekt Brunnenpassage, unter der Trägerschaft der Caritas Wien, in einer Halle direkt am Yppenplatz als Kunst- und Sozialraum aktiv. Unter dem Motto „Kunst für alle“, so Anne Wiederhold, Leiterin der Brunnenpassage, soll das Projekt ein Raum sein „wo Menschen erleben dürfen, dass es eine große Bereicherung ist, Kunst zu genießen und miteinander zu sein.“ Vorurteilen und Ängsten zwischen den unterschiedlichen kulturellen Hintergründen soll durch gemeinsame künstlerische Aktivitäten entgegengewirkt werden.


Warum am Brunnenmarkt?
Viele MigrantInnen nutzen das breite Kunst- und Kulturangebot in Wien oft nicht überhaupt nicht, so Wiederhold. Das liegt jedoch nicht nur an den Eintrittspreisen. Ängste und Unsicherheiten produzieren eine Hemmschwelle, die viele Menschen mit Migrationshintergrund von einem Theater- oder Museumsbesuch abhalten.
Eine einfache Frage: wie viele Kopftuchträgerinnen habt ihr bei eurem letzten Besuch im Burgtheater erspäht?
Um gegen eben diese Barrieren anzugehen, bietet die Brunnenpassage einen Ort, an dem Menschen ein kostenfreier Zugang zu Kunst und Kultur ermöglicht wird.

Die Veranstaltungen sind offen für alle, das Hauptaugenmerk liegt jedoch auf der Partizipation der verschiedenen BewohnerInnen des 16. Bezirkes. Ziel, aber auch gleichzeitig eine Schwierigkeit ist es, die diversen communities gemeinsam zu den Veranstaltungen zu locken: „Es ist leicht, wenn man sagt, heute Abend ist der Raum für die österreichischen Schuhplattler da und morgen für jemand anderen. Aber die Brunnenpassage ist immer offen für alle und wir lernen sehr viel dazu, wie man überhaupt auf communities zugeht, sie behutsam einlädt.“
Unter den MitarbeiterInnen der Brunnenpassage befindet sich daher neben verschiedenen KünstlerInnen auch ein Sozialarbeiter, der über langjährige Kontakte zu den verschiedenen migrantischen communities verfügt, diese betreut und bei der Netzwerkbildung hilft.

Wichtig ist Anne Wiederhold aber auch, dass es sich bei der Brunnenpassage nicht um ein „Ausländerprojekt“ handelt, sondern auch gerade ÖsterreicherInnen, die vielleicht gewisse Vorurteile gegenüber MigrantInnen hegen, einzuladen. Dass genau diese Menschen besonders schwer zu erreichen sind, liegt in der Natur der Sache. Ein wichtiger Schritt für die MitarbeiterInnen der Brunnenpassage ist es daher schon, wenn jene Personen kommen, die zwar anderen Kulturen gegenüber relativ offen sind, jedoch im Alltag kaum in Kontakt mit MigrantInnen oder Flüchtlingen treten.

Die stadtsoziologischen Veränderung, die sich in den letzten Jahren gerade im Brunnenmarktviertel massiv ereignet haben, sieht Wiederhold momentan noch als weniger dramatisch. Auch sie beobachtet jedoch einen Anstieg bei den Mietpreisen bzw. konstituiert die langsame Entwicklung von Parallelwelten. Hippe und finanziell im oberen Bereich angesiedelte Lokale und Geschäfte stehen im Widerspruch zu den einfachen „Standln“ am Brunnenmarkt. Die „Bobo-Hotspots“ werden wohl kaum von in Substandard-Wohnungen lebenden MigrantInnen frequentiert. Auch hier geht es Anne Wiederhold um die Begegnung: „Die Leute, die hier am Samstag einen Prosecco schlürfen, wenn die danach noch zum Tanzen kommen finde ich das ok. Wenn nur solche Leute kommen, dann würde was nicht stimmen.


Die Projekte.
Beim Großteil der in der Brunnenpassage laufenden Projekte werden die TeilnehmerInnen dazu aufgefordert selbst aktiv mitzumachen und sich an der künstlerischen Produktion zu beteiligen. Die laufenden Veranstaltungen der Brunnenpassage decken die verschiedensten Bereiche ab. Neben diversen Sing- und Tanzworkshops, Konzerten und Diskussionen gibt es auch regelmäßig stattfindende Aktivitäten.

Ein Beispiel dafür ist die erfolgreiche „yes! She can DJ“ Klasse, bei der die teilnehmenden Mädchen und Frauen unter der Anleitung der professionellen KünstlerInnen DJ Ipek (Berlin) und DJ Sweet Susie (Wien) in die Basistechniken des DJings eingeführt werden. Neben den sonntäglichen Proben stehen auch öffentliche Auftritte am Programm.

In der „Klangpassage“ werden die TeilnehmerInnen dazu ermuntert, verschiedene Instrumente kennen zu lernen und Musik zu machen. Im Rahmen dieses Projektes findet auch die Workshopreihe „Human Beatbox“ statt, bei der verschiedenste KünstlerInnen wie etwa Karl Schrumpf (Bauchklang Gründungsmitglied) oder SaRa die Techniken des Beatboxing vermitteln.

Ein weiterer wichtiger Punkt, dem sich die Brunnenpassage widmet, ist die Kunst des Erzählens. Einerseits gibt es offene Erzählsessions, bei der die Rollen von Erzählenden und Zuhörenden verschwimmen. Alle TeilnehmerInnen können – von Alltagsgeschichten bis zu Märchen – erzählen oder einfach nur zuhören. Aber auch „professionelle“ ErzählerInnen, wie etwa Saddek el Kebir aus Algerien, werden eingeladen.

Weniger künstlerisch-partizipativ, aber die Begegnung zwischen den Menschen fördernd, ist das jeden ersten Sonntag im Monat stattfindende Picknick. Unter dem Motto: „Bring dein Frühstück, Getränke stellen wir“ treffen hier die verschiedenen BewohnerInnen Ottakrings aufeinander.  

Einmal im Monat wird in der Brunnenpassage Kino gemacht. Nachdem Anne Wiederhold den Bezirksvorsteher Franz Prokop darauf hingewiesen hat, dass es in Ottakring – das Pornokino am Gürtel ausgenommen – kein Kino gibt, sicherte er die Finanzierung der Kinoreihe „Cinemarkt“ zu. Verschiedenste Filme aus aller Welt werden den ZuseherInnen hier präsentiert.

Detaillierte Infos zum variantenreichen Programm der Brunnenpassage finden Interessierte hier.


Die Finanzierung.
Kritisch ist momentan noch die Finanzierung der Brunnenpassage. Für die einzelnen Projekte gibt es immer wieder Sponsoren, wie etwa Western Union, das die DJn Klasse finanziert. Das MA7, die Kulturabteilung der Stadt Wien, leistet ebenfalls finanzielle Unterstützung. Um ein qualitativ hochwertiges Programm auf Dauer gewährleisten zu können, reichen diese Mittel aber nicht aus.

Für ein Projekt, das zwischen Integration und Kultur angesiedelt ist, fühlt sich scheinbar niemand wirklich zuständig. „Man kann nicht sagen ein bisschen Geld für ein bisschen Migranten/Interkultur. Es geht uns ja um Qualität und den Menschen in Augenhöhe zu begegnen.“

Denn, so Wiederhold: „Die Menschen bleiben auch hier, die sind hier geboren. Das sind Wiener und es braucht Räume, um das auch zu erleben, zu realisieren und zu verarbeiten, zu praktizieren.“



Bilder: ©Brunnenpassage

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