Wien – Leben

U6 Station Josefstädter Straße (c) STADTBEKANNT Binder
U6 Station Josefstädter Straße (c) STADTBEKANNT Binder

Heute schon geschimpft? Telefonieren in der U-Bahn

7. Februar 2015 • Leben, Skurriles

Wenn das Telefon des Nachbars ständig klingelt

„Thanks for a country where nobody is allowed to mind their own business“, hat William Burroughs einst in seinem Gedicht „Thanksgiving Prayer“ geschrieben. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind ja, außer für ganz aufgeschlossene Zeitgenossen, nicht unbedingt der Platz um aktiv am sozialen Leben teilzunehmen.

 

Und das ist auch gut so, soziales Leben findet wo anders statt, die Öffis benutzt man um von A nach B zu kommen, ohne sich ein Taxi nehmen zu müssen und nicht um über Hermine Oma Jannsens aufregendes Leben samt ihren Ischias-Problemen und dem Streit mit Grete erfahren zu müssen, über die amourösen Eroberungen des Strizzis gegenüber, dessen Billigethanol-Fahne einem dem Tag versüßt oder der FP-affine Analyse der Ausländerprobleme von Herrn Gerhard Vislocyl.

Nun ist die Sache aber so: würden es jene Protagonisten einem persönlich erzählen, könnte man das Gespräch steuern, abbrechen, in geregelte Bahnen lenken, gegenhalten, regulieren. Aber persönliche Gespräche mit Fremden verstoßen beinahe gegen den Kodex: viel eher wird man mit ausführlichsten mobilen Telefonaten zwangsbeglückt.

Ich gestehe, dass ich durchaus latent aggressiv (allerdings passiv-aggressiv) sein kann in solchen Situationen– zwar bemühe ich mich um eine Sichtweise der Koexistenz, die Öffis bringen jedoch in regelmäßigen Abständen meine misanthropische Seite zum Vorschein, fernab vom christlichen Konzept der Nächstenliebe, eher hin zum Bernhard’schen im Ohrensessel sitzen und sich Minute für Minute mental mehr übergeben zu müssen. Oder wie es Kurt Sowinetz so famos sang: „Olle Menschen samma z’wider, in die Gosch’n mecht i’s haun“.

 

Klingeltonterror vom Feinsten

Was mich zum Beispiel furchtbar wütend macht ist, wenn ein penetranter Klingelton fünf Minuten läutet, ehe sich der Besitzer des Telefons – ecce vifzack!!! – bemüßigt fühlt, abzuheben. Meistens sind das nämlich noch dazu grausame Klingeltöne, geschmackloser als jeder Vokuhila, schriller als die farblich abgestimmten Klamotten.

Ja, auch ich hebe ab, wenn mein Handy läutet, nur steht mir der Sinn mitnichten damit, mein Umfeld mit persönlichen Details zwangszubeglücken. Damit, dass mir seit dem scharfen Chili am Naschmarkt die Flitze geht, dass die Vanessa mit dem Gerfried eine Nummer geschoben hat auf der letzten Party vom Edi oder dass ich mir letztens, nachdem ich vor’s Chelsea gekotzt habe, noch zwei Kebabs reingepfiffen habe und danach geträumt hab’, ich muss meine Mathematura wiederholen. Man kann auch das nötigste besprechen, ist ja okay wenn der Kollege oder der Chef anruft und was dringend braucht – aber seinen gesamten inneren Curriculum Vitae wiederzukauen finde ich unfassbar mühsam.

Schon komisch: man darf in den U-Bahnen nicht essen, nicht rauchen – telefonieren aber schon. Auch wenn es mir in der Früh vielleicht ein wenig die Übelkeit in die Synapsen katapultieren würde: lieber wär’s mir, die Leute würden frühmorgens mit Kebabs und Wurstsemmeln beschäftigt sein – oder am besten gleich rauchend: dann wären alle oral beschäftigt, und man könnte in Ruhe von A nach B. Völlig minding one’s own business.

(Eine Kolumne unseres Außenreporters Warkus).

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