Kultur – Film / TV

Foto: Her (c) 2014 Warner Bros
Foto: Her (c) 2014 Warner Bros

Her

30. März 2014 • Film / TV, Kultur

Ein einsamer Autor und ein Computer, der zu eigenem Bewusstsein erwacht. Für sich genommen zwei oft bediente Klischees, doch der talentierte Filmemacher Spike Jonze weiß sie gekonnt zu umgehen, um etwas eigenes zu erschaffen.

 

Theodore (Joaquin Phoenix) schreibt persönliche Briefe für all diejenigen, die keine Zeit mehr haben, sie selbst an ihre Liebsten zu verfassen. Während er sein ganzes Herzblut in seine Texte steckt und gefühlvolle Briefe schreibt, die vor ehrlichen Emotionen strotzen, ist er privat ein gezeichneter Mann. Unfähig engere menschliche Bindungen einzugehen und zu halten, verlassen von seiner Frau (Rooney Mara), der er immer noch nachtrauert, trottet er einsam durch eine distanzierte Gesellschaft. Bis er sich zu Hause ein neues Betriebssystem mit Namen Samantha (Stimme von Scarlett Johansson) installiert. Das intelligente Programm wird damit beworben ein eigenes Bewusstsein zu entwickeln, um so einen engeren Kontakt zum Benutzer herzustellen. Theodore verliebt sich in Samantha und ist zum ersten Mal seit langer Zeit wieder glücklich.

 

Ein emanzipierter Filmemacher zwischen Retro und Science Fiction
Spike Jonze verfilmt mit Her sein erstes eigenes Originaldrehbuch, nachdem er sich mit den Verfilmungen der Charlie Kaufman Drehbücher zu Being John Malkovich und Adaption einen Namen gemacht hat. Her ist sein erster Film, bei dem er alleine als Autor verantwortlich zeichnet. Während bei den Stoffen von Kaufman noch deutlich die Handschrift des Drehbuchautors zu spüren war, hat sich Jonze, nach Wo die wilden Kerle wohnen, mit Her nun endgültig als eigenständiger Filmemacher emanzipiert. Nicht nur was das Drehbuch, also seine Geschichte und Figuren, sondern auch was die Inszenierung selbst betrifft.
So konträr es klingen mag, Jonze gelingt es, eine futuristische Retro-Welt zu entwickeln, die unserer sehr ähnlich ist, aber doch noch ein paar Jahrzehnte entfernt sein könnte – dadurch wird der Film schon auf visueller Ebene durch subtile Kontraste geprägt. Während die Kostüme eher an vergangene Zeiten erinnern, mahnt Technik und Setting deutlich an die Zukunft. Am Erschreckendsten jedoch tritt das futuristische Weltbild unserer Gesellschaft in der Distanzierung der Menschen untereinander zutage. Relativ einfach und mühelos gelingt es Jonze dabei, eine Welt zu etablieren, in denen es der Menschheit am Kontakt untereinander mangelt. Die Unfähigkeit, Nähe und Emotionen zu erlauben oder gar aktiv zu suchen sowie das Verkümmerte zwischenmenschliche Gefüge ist in Her längst teil eines tristen Alltags, in dem Menschen nur mehr aneinander vorbei leben, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu werden.

 

Von einer Stimme zum verlieben und großartigen Schauspielern
Umso erfrischender und sogar für den Zuschauer zu einem emotionalen Anker werdend, findet Samantha ihren Auftritt. Auf physischer Ebene von einem kleinen braunen Kästchen mit Kamera und Display personifiziert und auf auditiver Ebene von Scarlett Johansson mit einer überraschenden Bandbreite gesprochen. Es ist erstaunlich, wie es gelingt, dass erst Samanthas Stimme (von nekisch und liebevoll, bis hin zu humorvoll und ängstlich) die ersten Funken menschlicher Wärme und Gefühle in den Film zaubert und sogar den Zuschauer in ihren Bann zieht. Es verwundert einem nicht, dass sich Theodore in diese Stimme verliebt.
Abgesehen von Johansson ist die Glaubwürdigkeit dieser eigenwilligen Beziehung auch dem großartigen Schauspiel von Joaquin Phoenix zu verdanken, der nach The Master erneut beweist, dass er zu einem der besten Schauspieler seiner Generation gehört. Sein ruhiges, ehrliches und natürliches Spiel macht es überhaupt erst möglich, dass der Zuschauer die Geschichte ernst nehmen kann und mit ihm mitfühlt. Aber auch die Nebenrollen sind mit Amy Adams und Rooney Mara hervorragend besetzt. Beide spielen zwar, gemessen an der Leinwandzeit, nur sehr kleine Rollen, ihre Figuren haben jedoch für die Geschichte und vor allem für Theodores Gefühlswelt eine große Bedeutung.

 

Fazit eines optimistischen Films, ganz ohne Kitsch
Mit Her beweist Spike Jonze nicht nur sein Talent als Drehbuchautor, der durchaus in der Lage ist auf eigenen Beinen zu stehen, sondern er erreicht auch als Filmemacher endgültig seine eigene Stimme und Bildsprache. Deutlich wird zudem sein Gespür die richtige Musik für seine Bilder zu wählen. Die Band Arcade Fire, die sich um den Soundtrack von Her kümmern, unterstützt das Gesehene mit subtiler Untermalung und baut eine weitere Brücke vom Film zum Publikum. Es ist schlichtweg beeindruckend zu sehen, wie aus einem der Erfinder von Jackass ein Filmemacher geworden ist, der dazu in der Lage ist eine liebevolle Geschichte zu erzählen, ohne unnötigen Kitsch, einen unterhaltsamen optimistischen Film, der gleichzeitig auch die immer stärker werdende zwischenmenschliche Distanzierung thematisiert.

 

Regie und Drehbuch: Spike Jonze
Darsteller: Joaquin Phoenix, Amy Adams, Rooney Mara, Scarlett Johansson
Laufzeit: 126 Minuten, Kinostart: 28.03.2014

 

 

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