Wien – Grätzltipps – 1. Innere Stadt

Griechenbeisl Augustin (c) Mautner stadtbekannt.at
Griechenbeisl Augustin (c) Mautner stadtbekannt.at

Griechenviertel

20. April 2016 • 1. Innere Stadt, Stadtspaziergänge

Wiener Grätzl

Ein besonders hübsches und historisch interessantes Fleckchen der Wiener Innenstadt ist das Griechenviertel. Es erstreckt sich über den Bereich der Griechengasse, über den Hafnersteig, hin zum Fleischmarkt und birgt einige geschichtliche Anekdoten. Seinen Namen erhielt das Griechenviertel durch zahlreiche griechische Händler, Kaufleute und Handwerker, die sich Ende des 16. Jahrhunderts in dieser Gegend anzusiedeln begannen.

Anknüpfungspunkte fanden sie durch eine bereits bestehende kleine Gemeinde, die nach der Eroberung Konstantinopels in Wien entstanden war. Mitte des 19. Jahrhunderts setzte langsam der Wegzug wohlhabender Griechen ein, aber das Viertel blieb nicht nur wegen der dort befindlichen orthodoxen Kirchen, sondern auch wegen des berühmten Beisls ein Treffpunkt der Community.

 

Der älteste Profanbau Wiens

Mitten im Griechenviertel befindet sich ein Gebäude, das ein wichtiges Stück Wiener Geschichte darstellt. Der so genannte Steyrerhof liegt in der Griechengasse 4 und ist, neben der Heumühle im 4. Bezirk, einer der ältesten Profanbauten der Stadt. Der Steyrerhof ist eines der wenigen Gebäude, die nicht der Erneuerunswut der so genannten „Gründerzeit“ Wiens zum Opfer gefallen sind. Der älteste Teil ist sogar auf das 13. Jahrhundert zurückzuführen. Den Namen erhielt der Steyrerhof durch Ulrich von Steyr, der den Hof 1421 seinen Nachkommen hinterließ. Daraufhin durchlief der Hof über die Jahrhunderte eine Reihe von Adaptierungsarbeiten, weshalb sich architektonische Details am Gebäude finden lassen, die vom 13. bis ins 18. Jahrhundert reichen. Der steinalte Steyrerhof erlebte auch einige historische Ereignisse am eigenen Leib. So spielte sich beispielsweise 1595 hier eine Soldatenrevolte ab.

Steyrerhof Griechenviertel

Steyrerhof Griechenviertel

Das Griechenviertel entwickelte sich auch, so wie es häufig bei der Genese migrantischer Viertel der Fall ist, um eine religiöse Gemeinde herum, die als ein Dreh- und Angelpunkt für die damals neu zugezogenen GriechInnen fungierte. Auch heute kann man zwei beeindruckende Bauten, die Zeuge dieses Teils der Stadtgeschichte sind, bestaunen. Wer die Griechengasse entlang spaziert, gelangt zum Hafnersteig, wo sich die Georgskirche befindet.

 

Historische Sakralbauten

Die orthodoxe Georgskirche entstand aus einer im Jahre 1709 errichteten griechischen Kapelle der Gemeinde St. Georg. Dieser gehörten, im Gegensatz zur Griechenkirche zur heiligen Dreifaltigkeit, Untertanen der Osmanen an. Die Errichtung einer Kirche wurde der Gemeinde zwar bereits 1723 genehmigt, allerdings konnte der Bau erst nach dem Erwerb des Gasthauses „Küss den kleinen Pfennig“ 1806 verwirklicht werden. Architektonisch ist die Gebäudeform einem griechischen Tempel nachempfunden.

 

Der Fleischmarkt

Der enge Hafnersteig trifft auf das Zentrum des Griechenviertels, den Fleischmarkt. 1220 wurde dieser erstmals erwähnt, da sich hier der älteste Marktplatz für Fleisch befand. Eine Zeit lang befand sich hier auch, bevor dieser in die Rossau verlegt wurde, der Holzmarkt. Der Fleischmarkt beherbergt nicht nur geschichtsträchtige Gebäude, sondern ist auch heute noch Zentrum einiger Kontroversen.

Fleischmarkt (c) stadtbekannt.at

Fleischmarkt (c) stadtbekannt.at

Hier befindet sich gleich die Griechenkirche zur heiligen Dreifaltigkeit – kurz „Griechenkirche” genannt. Diese besticht durch eine noch auffälligere Fassade und ein prunkvolles Innenleben. Die Gemeinde konnte sich in Folge des Toleranzpatents 1781 von Kaiser Joseph II. Gründen. Dieses war nötig, da der Gemeinde eben nicht Untertanen der Habsburger, sondern des Osmanischen Reichs angehörten. 1782 soll hier bereits eine erste, kleine griechische Kirche gegründet worden sein.

Griechische Kirche (c) Mautner stadtbekannt.at

Griechische Kirche (c) Mautner stadtbekannt.at

Der Baumeister und Architekt Teophil von Hansen wurde 1856 beauftragt, den Umbau der Kirche zu gestalten, die feierliche Einweihung erfolgte am 21. Dezember 1858. Der Architekt war einer der wichtigsten Gestalter der Wiener Ringstraße und entwarf als wohl berühmtestes Gebäude das Österreichische Parlament. Die Griechenkirche ist der erste Bau von Hansens, der im Byzantinischen Stil errichtet wurde.

Griechische Kirche Arcade (c) Mautner stadtbekannt.at

Griechische Kirche Arcade (c) Mautner stadtbekannt.at

Oh, du lieber Augustin!

Ab ca. 1848 setzte in der Gegend der Wegzug wohlhabenderer Griechen ein. Dennoch blieb das noch heute berühmte Griechenbeisl ein zentraler Treffpunkt für GriechInnen in Wien. Das Beisl ist eine der ältesten Gaststätten Wiens. Bereits im Jahre 1447 gab es die erste Eintragung in den Matrikeln der Gemeinde Wien. Ab ca. 1500 trug das Gasthaus eine Reihe klingender Namen: „Zum gelben Adler“,„Rotes Dachl“ und „Goldener Engel“. Mit der Ansiedlung der Griechen in der Gegend erhielt es schließlich auch den dazupassenden Namen. Besonders bekannt ist der große, eiserne Augustin an der Fassade des Griechenbeisls. Dieser erinnert an die schaurige Geschichte des wohl berühmtesten Straßenmusikanten, den sicherlich alle Wiener als Kinder besungen haben. Der liebe Augustin war der Spielmann des Griechenbeisls und wurde, wenn man der Erzählung glaubt, durch seine Bekanntheit aus der Pestgrube gerettet, als er in dieser aufwachte und zu singen begann.

Griechenviertel Foto: stadtbekannt.at

Griechenviertel Foto: stadtbekannt.at

Doch das Griechenbeisl ist nicht nur als historische Anekdote erwähnenswert, sondern ist ein Bestandteil der Wiener Wirtshauskultur. Das gemütliche Beisl ist damals wie heute ein uriger Treffpunkt. Im Jahre 1852 wurde vom damaligen Wirten Leopold Schmied eine bierige Neuheit eingeführt: das „Pilsner Urquell“. Seitdem wird es allerorts gerne getrunken und gilt als eines der besten tschechischen Biere.

Griechenbeisl (c) Mautner stadtbekannt.at

Griechenbeisl (c) Mautner stadtbekannt.at

Moderne Institutionen

Ein wenig modernere aber nicht minder bekannte Einrichtungen befinden sich etwas weiter den Fleischmarkt entlang. Hier kann beispielsweise im beliebten Café Diglas hervorragend Kaffee getrunken und Zeitung gelesen werden. Wenngleich das Café Diglas am Fleischmarkt erst 1999 übernommen wurde, ist auch die Familie Diglas Teil der Wiener Geschichte. Bereits seit 1875 spielt der Name Diglas in der Wiener Gastrnomie eine Rolle. So betrieb Hans Diglas bereits damals das “Casino Zögernitz” in Döbling oder den “Goldenen Adler “ in der Radetzkystraße. Das erste Café Diglas wurde 1923 in der Wollzeile gegründet.

Cafe Diglas Fleischmarkt Foto: STADTBEKANNT

Cafe Diglas Fleischmarkt Foto: STADTBEKANNT

Die Familie Diglas übernahm 1999 die „Konditorei Schmohl“ am Fleischmarkt, baute sie um, beließ sie aber grundsätzlich in ihrem Stil. Ursprünglich hieß der bereits 1875 gegründete Betrieb “Konditorei zum Weißen Kreuz”. Das Schnitzwerk im Gastraum beispielsweise ist noch Teil des erhaltenen Urbestands. Vollkommen original ist auch die Backtradition im Café Diglas. Hier wird noch täglich von Hand, völlig ohne Zugabe von Fertigprodukten, gebacken. Die noch erhaltene Backstube im Hof ist auch heute noch Zubereitungsort der frischen Mehlspeisen.

Cafe Diglas Theke (c) Mautner stadtbekannt.at

Cafe Diglas Theke (c) Mautner stadtbekannt.at

Kontroverser als Kaffeehäuser und historische Gebäude wird das am Fleischmarkt 26 ansässige pro:woman Ambulatorium Sexualmedizin und Schwangerenhilfe, das früher Ambulatorium Am Fleischmarkt hieß, diskutiert. Hier können sich Frauen kostenlos beraten und einen Schwangerschaftstest machen lassen. Außerdem werden auch Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen. Seit der Einführung der Fristenlösung 1975 war das Ambulatorium eine der ersten Möglichkeiten, wo Frauen legal Schwangerschaftsabbrüche vornehmen lassen konnten. Noch immer finden Proteste von deklarierten AbtreibungsgegnerInnen, zum Teil direkt vor dem Ambulatorium, statt. Der Fleischmarkt und das Griechenviertel sind also auch heute Schauplatz von Zeitgeschichte.

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