Kultur – Musik

MTV
MTV

Goodbye MTV

1. August 2013 • Musik

Für was stand das M nochmal?

Ein Rückblick, was gespielt wurde, bevor man Ozzy beim Fernsehbedienung suchen und Xzbit beim Autofrisieren zeigte. Und eine Elegie aufs M im Namen.

„Now look at them yo-yos, that’s the way you do it: you play the guitar on MTV“, hat Mark Knopfler 1985 auf dem gleichnamigen Album der Dire Straits gesungen – was er damals noch nicht ahnte: dass MTV gut drei Dekaden später mit Gitarre spielen (das nehmen wir jetzt einfach einmal als Metapher für Musik generell her) ungefähr soviel zu tun haben würde wie Heinz Conrads mit progressivem Death Metal. I want my MTV – im Sinne von Music Television? Artefakt, baby.

 

Video killed the eh schon wissen …

„Video Killed The Radio Star“ von den Buggles eröffnete am 1.August 1981 den Laden. Kampfansage, ganz unrecht hatten sie ja nicht. Ein Blick auf die Playlist des ersten Tages Music Television ist übrigens recht amüsant: so spielte es zwei Mal Rod Stewart in den ersten zwanzig Videos der Playlist, ebenso The Pretenders – daneben gab’s neben Cliff Richard zum Beispiel Iron Maiden, REO Speedwagon und Styx – quasi das Playlist-Epitom des Übergangs der 1970er in die 1980er Jahre.

Es ging aber nicht nur um den Musikvideowurlitzer per se: maßgebend für die Popkultur war vorallem die legendäre MTV-Videoästhetik: schnelle Schnitte, hektische Kameraführung, grell, in your face. Erinnert sich jemand an „Reality Bites“? Da spielte Ben Stiller diesen Yuppie, der bei einem (fiktiven) MTV-Konkurrenzsender arbeitet – da wird das ganz gut auf die Spitze getrieben.

MTV, das war Ray Cokes, das war Headbanger’s Ball und MTV Unplugged, früher einmal recht spektakuläre Awardshows, Beavis & Butthead – die Kultivierung des Musikvideos als Werbung für die sich wie warme Semmeln verkaufenden Tonträger zu einer Zeit, als in der Plattenindustrie noch Geld steckte und im Computer noch kein Internet mit bösen Piratenprogrammen drin war. Das Epizentrum der Popkultur, ein ikonenhafter Sender.

 

Ikonenhaftigkeit adé oder: pimp mein Auto, X to the Z.

2013, würde Raini Fendrich sagen, ist die hohe Zeit längst vorüber. Nicht nur seine eigene, sondern auch die von MTV im Sinne von Music Television. Nicht nur, dass MTV mittlerweile zum Pay TV-Sender mutiert ist, Musik spielts schon lange nur noch als absolute Ausnahme zwischen Post-Reality TV Formaten, in denen Menschen Dates mit Müttern anstatt der Tocher haben und andere völlig auf eine Zielgruppe zugeschnittene Datingshows wo eh alles schon egal ist, Realityformate mit alternden Rockstars, denen man die Affinität zu härteren Genußmitteln aus jeder gebotoxten Pore ansieht, Automobil-auffrisierende Rapper, die früher schon nicht besonders gut waren, Heiratsshows mit Jessica Simpson und anderen Menschen, die sich nach zwei Staffeln eh wieder scheiden ließen. Die MTV Awards haben auch lang an Relevanz verloren und sind nur noch ein Zeichen, wie traurig die Musikindustrie mittlerweile längst ist.

Die Ikonenhaftigkeit ist hinfällig geworden, die guten Formate gibt’s nicht mehr und auf Musikvideos wartet man längst nicht mehr sondern schaut sie sich auf Youtube an. Die Neunziger sind vorbei, die Musiklandschaft sieht anders aus, vieles liegt brach, weil es den Wechsel nicht erkannt hat, vieles passiert. Ob es 2013 bei all den Entwicklungen noch Platz für Musikfernsehen gibt, sei dahingestellt – MTV jedenfalls ist ohnehin kein Musikfernsehen mehr. Wer also gerne schlecht synchronisierte Dating-Shows sieht und seinen VW-Käfer von X to the Z aufpimpen lassen will, dem sei der Sender nachwie vor empfohlen.

Ansonsten: „I want my MTV“? Anachronismus.

Markus Brandstetter

Weitere Artikel

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

« »