Wien – Wienerisch

Klimts Beethoven Gfrieser - Maria Antonia Graff
Klimts Beethoven Gfrieser - Maria Antonia Graff

Gfrieser

12. April 2016 • Wienerisch

Oder: Die verbale Watschn mitten ins Gesicht

Frühling in Wien. Die Sonne scheint, die Blumen blühen. Irgendwo in Ottakring überquert eine betagte Dame samt Gehstock in gemächlichem Tempo die Kreuzung. Zu langsam für den jungen BMW-Fahrer, der bremsen musste und nun ungeduldig auf die Weiterfahrt wartet. Das Fenster ist heruntergekurbelt, die Hand mit der Tschick hängt extra lässig hinaus. Die Dame beeilt sich nicht.

„Heast, geh weida, oide Krautstaudn!“, flucht der Fahrer. Womit er nicht gerechnet hat: Das Hörgerät der alten Dame ist gut eingestellt. Ärgerlich wendet sie sich ihrem Beleidiger zu. „Du bist ma vielleicht a goscherts Müüchgsicht! Kane Manieren!“, schimpft sie. Und geht weiter. Gemütlich, nicht zu hastig. Der BMW-Fahrer kiefelt hingegen noch lange an der Situation – er wurde schließlich von einer Oma gedisst.

 

Wörter für den Alltagsgebrauch

Damit ihr dieselbe Wiener Schlagfertigkeit beweisen könnt wie die Ottakringer Oma, bedarf es natürlich der passenden Munition für die scharfe Zunge. Aus diesem Grund haben wir Wörter zusammengesucht, derer sich alle Misanthropen, Streithanseln und Verbalakrobaten bedienen können, um das Gesicht ihres Kontrahenten zu beschreiben …

 

Das Gesicht des Beleidigungsopfers

Oaschgsicht, n. – klassische, derbe Bezeichnung für das Gesicht des zu beleidigenden Ungustls

Golatschngsicht, n. – rundes, dickes, an eine → Topfengolatsche erinnerndes Gesicht.

Watschngsicht, n. –  ein regelrecht zu Ohrfeigen verführendes Gesicht

Uawaschlkaktus, m. – 1. Exemplar der Pflanzengattung Opuntia aus der Familie der Kakteengewächse, 2. Person mit prominenten, abstehenden Ohren

Schiacha /-e – hässlicher Mann / hässliche Frau

Schiachperchtn, m. – hässliche, krampusähnliche Gestalt aus dem ländlichen Brauchtum. Schiachperchtn treiben in grauenhaften Kostümen und schauderhaft maskiert zwischen Weihnachten und Dreikönigstag bei Perchtenläufen ihr Unwesen. Sie sind so schiach („hässlich”), dass sich Kinder oft vor ihnen fürchten …

schiache Funsn, f. – hässliche, eingebildete Frau. Das eigentümlich anmutende Wort Funsn lässt sich von Funze (“schlechte Lampe”) ableiten, weitere häufige Kombinationen sind: blede Funsn, blade Funsn, deppate Funsn

Krautstaudn, f. – Dame wenig attraktiven Aussehens, die eher mit einer„Krautstaude” denn mit einer Blume verglichen werden kann

deppats Gfries, n. – abstoßendes Gesicht mit dümmlichem Gesichtsausdruck

Laungnasata /-e – Person mit langer, großer Nase

Eiaschädl, m. – Person mit rundlichem Kopf und Glatze

Müüchgsicht, n. – kindliches, bartloses, eines erwachsenen Mannes kaum würdiges Gesicht. Dieses Schimpfwort wird meist von älteren Männern oder Jugendlichen für wesentlich jüngere Kontrahenten angewandt. Synonyme sind: Müüchbua, m. („Milchbubi”) oder Müüchkind, n. („Baby”).

Schasaugata /-e – Träger/in einer Scheanglprothesn („Brille”, von scheangln = „schielen”) / wörtlich jemand, dessen Augen „a Schas” sind

Scheanglata /-e – schielende oder generell fehlsichtige Person

 

Wem diese reichliche Auswahl an Gesichtsbeschreibungen nicht reicht, um den Kontrahenten nachhaltig zu beleidigen, dem sei geholfen – lernt, wie man das Gesamtbild des Gegenübers gekonnt bemäkelt und veroascht …

 

Praktischer Guide

Schimpfen kann man lernen. Wer in Wien wohnt, muss das sogar gewissermaßen tun, um den Alltag unter lauter Deppaten zu bewältigen. Aus diesem Grunde entstand dieser Guide, der einem jenes Wissen vermittelt, das man zum Überleben einfach braucht. Ob universelle Schimpfwörter, kulinarische Schmähungen oder richtig derbe Flüche – all das ist in dem STADTBEKANNT-Guide Schimpfen wie ein echter Wiener enthalten und wartet nur darauf, entdeckt zu werden.

 

Cover Schimpfen wie ein echter Wiener

Weitere Artikel

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

« »