Wien – Debatte

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Functional Food

8. August 2013 • Debatte

Das Geschäft mit dem Gewissen der Verbraucher

Sie versprechen uns ein gesundes Immunsystem, eine funktionierende Darmflora oder einen gesenkten Cholesterinwert. Functional Food erfreut sich immer größerer Beliebtheit aber vor allen Dingen Verbraucherzahlen und hat sich im letzten Jahrzehnt zu einer wahren Goldgrube für die Lebensmittelindustrie entwickelt.

Functional Food heißt es deshalb, da man sich mit dem Verzehr dieser Produkte einen Zusatz-Nutzen erhofft. Meistens bleibt es aber bei dieser Hoffnung, denn die Wirkung der Produkte ist mehr als umstritten. Diese Industrie hat sich vor allem um eine Gesellschaft entwickelt in der das allgemeine Selbstbild eines ist, welches von den Medien vorgegeben wird. Die Werbung suggeriert uns Essen als Medikament. Der Supermarkt ersetzt die Apotheke. Dieser Gedanke wird uns förmlich indoktriniert, jeden Tag mittels Werbung im Fernsehen und Print. Man wird den Eindruck nicht los, die Konzerne investieren mehr in die Marketing und Werbeabteilung als in die tatsächliche Erforschung ihrer angepriesenen Produkte. Viele der Produkte suggerieren dem Verbraucher etwa, sich mit der Einnahme vor Erkältungen zu schützen.

Diese Behauptung ist aber mehr als umstritten. Auch die so oft beworbene Stärkung der Abwehrkräfte ist kein Kaufargument, denn diese Wirkung wird auch herkömmlichen Naturjoghurts nachgesagt, und diese sind bekannterweise für einen Bruchteil des Preises zu haben. Doch hier liegt genau die Strategie dieser Produkte.

 

Sexy Joghurt

Ein probiotischer Drink klingt einfach „sexier“ als ein herkömmliches Naturjoghurt. Functional Food wurde fast zu einer Art Lifestyle. Würden diese Lebensmittel tatsächlich eine solche Wirkung besitzen, sollte man sich als Verbraucher fragen, warum man sie nicht schon längst in Apotheken finden kann, sie stattdessen aber neben Kaffee und Bananen auftauchen. Die Botschaft ist simpel: Dem potenziellen Kunden will man sagen, dass man nicht nur gesund essen soll, sondern mehr noch, sich gesund essen soll.

Das erste Mal brach diese Debatte bereits in den 80er Jahren aus, als der große „Light-Boom“ den Markt überschwemmte. Auch diese Produkte folgten dem Schema F des heutigen Functional Food: Oberste Priorität war es, einen Trend loszutreten. Hierzulande versucht man den Begriff „Light“ mittlerweile zu umgehen, da dieser, auch durch massive Aufklärung, über die Jahre zunehmend ein schlechtes Image generierte.

Kritiker behaupteten „Light“ Produkte würden den Verbraucher dazu animieren mehr zu konsumieren, da durch diese Deklaration der Konsum des jeweiligen Produkts für Abnehmer gesünder, beziehungsweise weniger schädlich zu sein scheint. „Light“ Produkte verschwanden allmählich aus marketingtechnischen, beziehungsweise auch aus gesetzlichen Gründen, aus den Regalen der Geschäfte (Anm. Zigaretten dürfen nicht mehr als „light“ oder „mild“ deklariert werden, da dies implizieren würde, das Rauchen dieser Zigaretten sei weniger schädlich). Was früher Produkt XY-Light hieß, heißt heute eben Produkt XY-Wellness. Diese Begrifflichkeit lässt sich mittlerweile besser verkaufen, als der negativ behaftete Ausdruck „Light“.

 

Danone und das probiotische Märchen

Aber zurück zum Functional Food. Der größte Hersteller seiner Art ist der französische Joghurt- Konzern Danone. Der Hersteller von Produkten wie Actimel und Activia reagierte auf den immer heftiger werdenden Gegenwind diverser Aufsichtsbehörden bzw. Forschungsinstitute, welche Danone teilweise Etikettenschwindel nachsagten und entschärfte einige Werbespots, in denen etwa behauptet wurde, nur jene Joghurtkulturen, welche in ihren Produkten enthalten seien, würden das Immunsystem stärken und fördern. In Großbritannien musste Danone einen besonders harten Schlag einstecken: Mehrere Werbespots mussten aus den Programmen entfernt werden, da die angepriesene gesundheitsfördernde Wirkung nicht erwiesen wurde.

Foodwatch, eine Verbraucherschutzorganisation welche sich mit den Rechten der Konsumenten und der Qualität von Lebensmitteln auseinandersetzt, ging sogar so weit, die Werbung von Danone als „ein großes probiotisches Märchen“ zu bezeichnen. Zwar räumt man ein, dass gewisse Produkte eine positive Wirkung auf das Immunsystem hätten, betont jedoch im selben Atemzug, dass dieser Effekt auch mit herkömmlichen Naturjoghurts zu erreichen sei – nur sparsamer und mit weniger Zuckerzusatz.

Bei unserer Recherche kam uns aber auch Functional Food unter, welches selbst uns positiv überraschte: Und zwar Bier. Dieses soll nach Studien vorbeugend gegen Krebs wirken. Verantwortlich dafür sind demnach die im Hopfen gelösten Stoffe, allen voran Xanthohumol. In den U.S.A ist bereits das erste „Anti-Krebs-Bier“ auf dem Markt. Auch in Deutschland wurde ein „Gesundheits-Bier“ einwickelt, welches es seit 2004 in Deutschlands Supermärkten unter den Namen „Xan“ zu kaufen gibt. Das besondere daran: „Xan“ enthält 15mal soviel Xanthohumol als herkömmliche Biersorten.

In diesem Sinne Prost und „Herbert, trink das“!

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