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Kino (c) STADTBEKANNT
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Filmkritik: Margin Call / dt: der große Crash

1. November 2011 • Film / TV1 Kommentar zu Filmkritik: Margin Call / dt: der große Crash

Krawatte, Hemd und Hosenträger: ganz wie bei Glengarry Glen Ross – dem Archetypen der Kapitalismus-Kammerspiele aus dem Jahre 1992 spielt Kevin Spacey auch in „Margin Call“ den väterlichen, hemdsärmeligen Vorgesetzten, der sich auch im richtigen Moment zu ducken weiß. Nur ist der Kapitalismus in „Margin Call“ im 21. Jahrhundert angekommen:

Das Hinterhof-Büro ist dem Wolkenkratzer gewichen, verkauft wird nicht mehr im Vieraugengespräch sondern per Computer und Verkaufstalent braucht man auch keines mehr, denn die hübschen Zahlen sprechen für sich – auch wenn die Berechnungen dahinter eigentlich schon seit Wochen nicht mehr aufgehen und die Firma im Grunde pleite ist. Was nun mit den Menschen passiert, deren Job und Leben an diesen Zahlen hängen, wenn die Bombe platzt, das versucht „Margin Call“ zu ergründen.

Eine Nacht im Büro

Das Setting: Will Emerson wird eines Morgens aus heiterem Himmel entlassen: der Firma gehe es nicht gut. Kurz vor seinem endgültigen Abgang gibt er einen USB-Stick mit offenbar heiklen Daten an den Junior-Mitarbeiter Peter Sullivan. Dieser erkennt, worauf Emerson gestoßen ist: zahlreiche Papiere der Bank wurden systematisch falsch beziffert, und sobald dies öffentlich wird, ist die Bank so gut wie pleite. Er informiert also seinen Boss, der wiederum seinen Boss informiert – und so verbreitet sich die Nachricht wie ein Lauffeuer bis nach ganz oben. Die Antwort aus der Chefetage: faule Papiere sofort verkaufen – die Frage nun: rettet man so die Bank oder nur seinen eigenen Arsch?

Der ganz normale Wahnsinn

Eine relativ banal anmutende Handlung also, wenn man bedenkt, dass Banken-Crashes in den letzten Jahren beinah zum Alltag gehörten und mittlerweile ganze Staaten bankrott gehen. Was „Margin Call“ aber versucht, ist nun, die beteiligten Personen hinter dem System, hinter der Maschine zu charakterisieren – was allerdings durchaus enttäuscht: denn im Epizentrum der Macht sitzen keine Magier, keine Finanz-Genies oder große Denker, sondern langweilige, planlose Typen im smarten Anzug, die sich so irgendwie nach oben gewurschtelt haben, und denen das System schon lange über den Kopf gewachsen ist. Nicht verwunderlich auch, dass sich die wenigen Privatgespräche zwischendurch um das Jahresgehalt des jeweiligen Bosses drehen. Und so, scheint der Film zu sagen, ist es auch kein Wunder, dass solche Systeme mit schöner Regelmäßigkeit krachen. Aber es ist ja nur Geld, bedrucktes Papier, wie der Vorstand am Ende so schön sagt, der die Vorgänge auch nicht so ganz zu durchschauen scheint.

„Margin Call“ ist dennoch auf der ganzen Linie unterhaltsam, das Drehbuch kommt dialogreich, atmosphärisch dicht und stimmig daher, das Star-besetzte Ensemble überzeugt schauspielerisch. Nur Überraschungen oder Erkenntnisse darf man sich keine erwarten: wer denn auch irgendwie verstehen möchte, was in den Chefetagen der Banken und in den Köpfen der Player wirklich vor sich geht, der wird nach „Margin Call“ auch nicht schlauer sein. Ach ja: bei Glengarry Glen Ross steht am Ende die Polizei im Laden. Aber auch das ist im 21. Jahrhundert bekanntlich anders. (rmd)

Margin Call‚ wird am 30.10.2011 um 21:00 Uhr im Rahmen der Viennale im Gartenbaukino zu sehen sein.

 

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Eine Antwort auf Filmkritik: Margin Call / dt: der große Crash – Verstecken

  1. didi sagt:

    falsch…
    nicht Will Emerson wird entlassen, sondern Eric Dale…

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