Kultur – Film / TV

Foto: Boyhood (c) 2014 Universal Pictures
Foto: Boyhood (c) 2014 Universal Pictures

Filmkritik: Boyhood

17. Juni 2014 • Film / TV

So lebensnah wie mit der eigenen Verwandtschaft Dias der letzten 12 Jahre anschauen – und genauso langweilig. Zum Glück gibt es noch Patricia Arquette.

 

Viel Anerkennung wurde Richard Linklaters episodischem Familienmelodram Boyhood dafür zuteil, dass Regisseur und Crew 12 Jahre kontinuierlich zum Dreh zusammenkamen. Paradoxerweise ist der lange Entstehungsprozess ein weiterer Grund zur Enttäuschung angesichts des im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale zum Publikumsliebling avancierten Endprodukts.

 

Ambitionierte Prämisse, aber nicht mehr

Erreicht ein Filmprojekt, das so lange zur Fertigstellung braucht wie ein Kind zum Heranwachsen, am Ende nur hübsch ausgeleuchtete Bilder, unterlegt mit Mainstream-Pop, ist dies eine gefällig aufgemachte Art des Scheiterns. Von beliebigen Familienvideos unterscheidet sich die rudimentäre Handlung um Mason Jr. (Ellar Coltrane), seine Schwester Samantha (Lorelei Linklater) und die getrennten Eltern hauptsächlich dadurch, dass Papa Mason Sr. Ethan Hawke ist und Mama Olivia Patricia Arquette.

 

Letzte überragt das eher maue Ensemble mit ihrer prägnanten Darstellung, die allerdings die triviale Abfolge von Alltagserlebnissen nicht tragen kann.Linklater ist geschickt darin mit beiläufigen Momentaufnahmen einen filmischen Rahmen zu erstellen, doch unfähig ihn mit einem organischen Plot zu füllen. Boyhood  ist in seiner epischen Leere exemplarisch für diesen Mangel an Substanz. Wie viele Linklater-Filme ist die Coming-of-Age-Story eine nette Prämisse, die niemals mehr wird als das: eine Prämisse.

 

Dramaturgisch flache Soap-Opera

Was bleibt ist ein von Nostalgie verklärter Blick auf die postalternativen weißen Bourgeoisie der 90er und Zeros. Wie war das damals noch? Irgendwo war Krieg, aber man hat ja Obama gewählt und falls nicht, dann jedenfalls „Anyone but Bush!“, wie Mason Sr. seinen Kindern eintrichtert. Wer heimlich doch Bush gewählt hat, hat zumindest Coldplay gehört. Man ist BMX-Rad gefahren, kannte Britney Spears undHarry Potter, hatte einen Walkman und irgendwann ein Smartphone. Man war voll cool, jung und auf mystische Art unendlich weise. Fehlte nur noch jemand, der das offiziell bestätigt. Das übernimmt nunBoyhood, während er sich ungeheuer tiefsinnig und lässig gibt, wohlweißlich darauf achtet, dem Publikum zu vermitteln, es sei ebenso toll, wenn es sich in dem abgefilmten Zeitkolorit wiederfände.

 

Diese Taktik ist jedoch zu billig und die dramaturgische Flachheit zu offenkundig, um sich durch erste über zweites hinwegtäuschen zu lassen. Die extensive Soap-Opera bleibt so zwiespältig wie viele Familienalben: drollig für die paar, die sich darauf sehen – ermüdend trivial für alle anderen.

 

Boyhood
Regie und Drehbuch: Richard Linklater
Darsteller: Patricia Arquette, Ellar Coltrane, Ethan Hawke, Lorelei Linklater, Zoe Graham

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