Wien – Debatte

Computer (c) Mehofer stadtbekannt.at
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Facebook: sag zum Abschied leise Servus.

28. Mai 2010 • Debatte, Lifestyle

Facebook und der Datenschutz, das ist eine schier unendliche Geschichte über die auch wir schon des Öfteren berichtet haben. Die lustigste Entwicklung der vergangen Wochen in dieser Hinsicht ist, dass angeblich mittlerweile Facebook und Zynga im Clinch liegen. Zynga ist der Konzern, der FarmVille, Mafiawars und die ganzen anderen „lustigen“ Facebook Spiele produziert. Zynga leidet darunter, dass Facebook mittlerweile nicht mehr jede/n UserIn darüber informiert, wer gerade wo welches Feld aberntet.

Das mag ein großer Schritt für die Menschheit sein, für Zynga geht es aber in die falsche Richtung, ist doch ohne Dauerspam das eigene Geschäftsmodell ernsthaft bedroht. Angeblich droht Zynga nun gar mit der Eröffnung eines eigenen Social Networks. 65000 Menschen sind sich nicht zu blöd mit ihrem Abwandern aus Facebook zu drohen, falls Zynga gehen würde.

Den Kampf zwischen Zynga und Facebook kann man durchaus belustigt betrachten, fiele es doch jede/m UserIn schwer, für eine der beiden Seiten Sympathien aufzutreiben. Zynga darf überhaupt stolz darauf sein, in unserer Liste der nervigsten Dinge auf Facebook präsentiert zu werden. Während Facebook also im Kampf gegen Zynga etwas für unseren „Daten“schutz vor Infomüll tut, sieht es in anderen Bereichen leider ganz anders aus.

Seit einiger Zeit hat sich in der Webcommunity einiges an Ärger aufgestaut, da Facebook in immer kürzeren Abständen immer rascher an der Privacy Schraube gedreht hat und immer mehr Daten seiner UserInnen öffentlich zur Verfügung stellt.

Wer es nicht glauben will, oder schon immer einmal eine schöne Visualisierung dieser Vorgänge sehen wollte, dem können wir wärmstens Matt McKeons Blog empfehlen. In mühseliger Kleinarbeit hat er die Entwicklung der Privatsphäre auf Facebook visualisiert. Ausgehend von den Anfängen des Netzwerkes im Jahr 2005, als fast alle Daten in den voreingestellten NutzerInnenprofilen nur für die eigenen FreundInnen sichtbar waren, bis zur letzten Änderung im April 2010, die zu einer Sichtbarkeit aller Daten mit Ausnahme des Geburtsdatums und der Kontaktdaten für das gesamte Internet geführt hat. Ja, man kann manuell mehr Privatsphäre herbeiführen, geschenkt. Aber nicht nur, dass diese Einstellungen nicht in allen Bereichen dauerhaft gespeichert bleiben, sondern auch die Tatsache, dass nur relativ wenige UserInnen manuell mehr Datenschutz einstellen, ist problematisch.

Die voreingestellten Settings werden im Regelfall übernommen, weswegen DatenschützerInnen seit einer gefühlten Ewigkeit darauf drängen, voreingestellt möglichst hohen Schutz der Privatsphäre zu gewährleisten. Zahlreiche Datenschutzklagen von Verbraucherschutzorganisationen sind in Folge der unsicheren Rechtslage im Bezug auf die Aushöhlung der Privatsphäre in diversen europäischen und außereuropäischen Ländern anhängig.

Am 7.Mai ist schließlich auch dem renommierten Techno- Magazin Wired der Kragen geplatzt. Unter dem Titel “Facebook’s Gone Rogue; It’s Time for an Open Alternative” wurde dazu aufgerufen eine offene nichtkommerzielle Alternative zum Konzern aus Palo Alto zu etablieren. Ironisch weist man darauf hin, dass diejenigen, die sich mit den Privatsphäreeinstellungen bei Facebook auskennen, einen Master in Facebook benötigten.
Im Wired Artikel wird zwar eingeräumt, dass es sich sehr schwierig gestalten wird, eine tatsächliche Alternative anzubieten, allein schon wegen der schieren Masse von mittlerweile mehr als 500 Millionen Facebook UserInnen. Aber es wäre das Internet, in dem er gerne leben würde, so der Autor des Wired Artikels.

Auch Google vermeldet seit einigen Tagen, dass „delete facebook“ angeblich zu den meist gesuchten Begriffen im Internet zähle, wie unter anderem der Online Standard beichtete.

Vier New Yorker Studenten haben nun den Kampf gegen den Weltkonzern Facebook aufgenommen. Sie beschlossen, an einer offenen Alternative zu Facebook zu arbeiten. Am 24 April veröffentlichten sie ihre Pläne und gaben sich selbst 39 Tage Zeit um 10000 Dollar Startkapital zu sammeln. Dann berichtete die New York Times über das Vorhaben der vier Studenten und die Sache kam ins Rollen. Schon nach zwölf Tagen hatten sie das Geld beisammen und inzwischen stehen ihnen schon mehr als 170000 Dollar zur Verfügung. Die vier Studenten, die zwischen 19 und 22 Jahren alt sind, haben ihr selbst gestecktes Ziel also schon bei weitem übertroffen. Dennoch kann hier auch noch in den kommenden 15 Tagen Geld gespendet werden. Das überschüssige Geld dient der Beschleunigung und Verbesserung des Projekts.

Der Name des geplanten Social Networks soll Diaspora* lauten, sowohl die Software als auch der Code soll frei und öffentlich zur Verfügung gestellt werden. Funktionieren soll das ganze, indem die Software es ermöglicht, das eigene Interneteingabegerät als Server zu nützen, somit die eigenen Daten bei sich selbst und nicht zentral zu speichern und dadurch volle Freiheit über dir Weitergabe und den Umgang mit den eigenen Informationen zu erlangen.

Nach Meinung der vier Studenten ist ein zentrales Netzwerk nicht notwendig, die Technologie, um die Daten von UserIn zu UserIn auszutauschen, existiere längst.
Die vier jungen Männer die sich selbst als talentierte junge Nerds bezeichnen kamen auf die Idee nach einer Vorlesung des Jus Professors der Columbia Universität Eben Moglen, der das Geschäftsmodell von Facebook und Co. als „Gratis Spionage“ bezeichnete.

Die vier sind überzeugt, dass wir für das scheinbare Gratis-Service viel mehr aufgeben, als uns eigentlich bewusst sei, nämlich unsere gesamte Privatsphäre.

Bislang gibt der Erfolg den Nerds aus New York Recht. Allein auf Twitter folgen dem Account inzwischen fast 25000 Menschen. Unzählige Interessierte aus aller Welt haben ihre Mitarbeit am Projekt angeboten. So viele, dass die vier mit der Bearbeitung der Mails schon nicht mehr nachkommen.

Im September soll es dann so weit sein und das Social Network starten. Eine Massenmigration von Millionen Facebook UserInnen ist wohl fürs erste schwer vorstellbar, der Druck auf Facebook, die Datenschutzbedenken zahlreicher UserInnen ernst zu nehmen, wird aber jedenfalls deutlich steigen. Außerdem hat auch Facebook einmal klein angefangen und wer sagt, dass nicht eine relativ kleine Gruppe an Entschlossenen genügt, um einen Riesen zu Fall zu bringen?

Wer nicht so lange warten möchte, der kann auf den neu entwickelten Facebook Privacy Scanner zurückgreifen, der das eigene Profil scannt und es einem mit wenigen Clicks ermöglicht, den Facebook Privacy Dschungel zu durchstöbern und die Privatsphäreeinstellungen zu erhöhen. Den Scanner findet ihr auf dieser Seite. Wie lange das Projekt erhalten bleibt ist unklar, da Facebook über solche Services normalerweise mäßig erfreut ist. Beispielsweise die Web 2.0 Suicide Machine, über die wir berichteten, und deren Service Facebook mittlerweile blockiert.

 

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