Wien – Leben

Foto: Hannah Hauptmann
Foto: Hannah Hauptmann

Es ist Poesie

19. Oktober 2014 • Leben

Der Himmel über meinem Bett ist gelb und leuchtet nicht im Dunkeln. In meinem Kopf verläuft eine Straße dort hinauf und kratzt an meinen Wurzeln. Nicht immer logisch, aber meistens sinnhaft. Poesie. Ein bunter Tupfen auf dem Alltag. Ein zarter Luftstoß für zwischendurch. Ist es das, was wir wollen? Ich weiß es nicht. Mein Kopf ist sehr verwirrt, weil ich krank bin. Grippe. „Etwas grippig“ sage ich zu meinen Freunden, das klingt weniger holzhammerisch. Es ist nicht einfach krank zu sein, wenn man ein Baby durch die Wohnung tragen soll oder es davor bewahren, sich eine Bettkante hinunterzuwerfen. Kamikaze, hat die Kinderärztin das genannt. Motorisch sehr weit. Man sollte schon stolz sein. Ich bin stolz. Zwischen Fläschchen auswaschen und Milchtropfen vom Boden aufwischen, bin ich sehr sehr stolz. Dankbar und fast ehrfürchtig. Das Wunder Mensch, nennt es eine Versicherung in ihrem Werbespot, in dem das nackerte Wunder am Boden quietscht. Ein Klassiker. Apropos und von wegen. Poesie und Werbung. Die haben ja jetzt einander gefunden. Wo und wann weiß ich nicht. Aber sie zeigen es plötzlich und das, was sie miteinander können. Hände, die über Leder streifen. Elektronikwaren, die konkrete Poesie müssen. Marmeladen, die durch zauberhafte Welten flanieren. Ich liebe Werbung. Sie hat etwas Magisches. Ehrlich. Oder ist es doch die Grippe, die mich das denken lässt? Das Kind jedenfalls ist gerade spazieren, jemand, der ihm nahesteht, hat es abgeholt. Ich solle mich inzwischen ausruhen. Danke, aber das geht doch bitte nicht. Auf Knopfdruck schlafen… das habe ich noch nie gekonnt. Mein Kopf ist viel zu viel behangen mit der fiesen Weltpolitik, den schlaflosen Nächten und der Panik, ich könnte auf etwas vergessen, was ich in der kinderfreien Zeit erledigen sollte. Ist das wichtig? Ja sicher! Für mich zumindest. Oder etwa nicht? Was dann? Geschichten erzählen? Auch schön. Über Begegnungen, das Leben, den Alltag und die Ausnahmen des Alltags… Beispielsweise sagte das bessere Drittel in letzter Zeit wieder recht schöne Dinge. Leider konnte ich sie mir nicht alle merken. Wegen der Grippe eben. Glaube ich zumindest.
Die Poesie aber, das weiß ich ganz bestimmt, kann ich bedenkenlos aufrufen. Womöglich sogar immer. Auch und gerade, wenn ich grüblerisch bin. Sie hat so etwas Tröstendes, Bereicherndes. Kein Wunder, dass die Werbung sie gestohlen hat. Stimmt doch so. Oder etwa nicht? Würde sich die Poesie freiwillig …? Doch nicht etwa für alles Geld der Welt! Dann lieber doch Grippe. Krankheit als Weg. Raum und Zeit in sich hinein zu hören, nachzudenken, inne zu halten. Ein blasser Moment. Bis das Kind wieder in die Wohnung stürmt und auf die eckigste Kante aller Kanten zukrabbelt. Wer hat hier was von Wunder gesagt? Es ist Poesie! Ganz sicher!!

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