Wien

Schnackseln wie ein echter Wiener - Schönbrunn (c) STADTBEKANNT Patricia Fontanesi
Schnackseln wie ein echter Wiener - Schönbrunn (c) STADTBEKANNT Patricia Fontanesi

Erotik anno dazumal

8. Dezember 2017 • Wien, Wienerisch

Meilensteine des Wiener (Liebes-)lebens

Wien ist eine alte Stadt. Über tausend Jahre müsste man in der Geschichte zurückreisen, um Wiens erste urkundliche Erwähnung im Jahr 881 zu bezeugen. Genau so lange schon wird in Wien geflirtet, geliebt, gebusselt und geschnackselt! Wir wagen einen Blick weit, weit zurück …

 

Wien im Mittelalter – Badefreuden und andere Unzucht

Im Mittelalter bildeten die wachsenden Städte die Zentren des gesellschaftlichen Lebens. Grob gesagt: Die Stadt hatte auf die Landbevölkerung einen ähnlichen Effekt wie heute, hier erledigte man Einkäufe und Verkäufe oder genoss einfach die Anonymität und das wilde Leben. Und weil sich an Orten, wo viele Menschen zusammenkommen, auch viele Menschen näherkommen, war Wien in erotischer Hinsicht besonders interessant. Zumindest für alle, die Geld hatten und sich nichts aus kirchlichen Moralvorstellungen machten! Bordelle wurden in Wirtshäusern und Badestuben betrieben. Mit der entsprechenden Geldbörse konnte man sich dort nicht nur Speis und Trank, sondern auch eine willige Badegenossin für den gemeinsamen Holzzuber leisten. Dem einfachen Burschen vom Land fehlte aber für gewöhnlich das Kleingeld für solche Vergnügungen – er musste sich mit sehnsüchtigen Träumen von der perfekten Frau (schmale Schultern, kleine Brüste, hohe Stirn, langes Haar und sehr breites Hinterteil) begnügen.

 

Wien im Barock – Ein hartes Pflaster für die Lust?

Der Gedanke an die Barockzeit weckt Bilder von üppigen Damen, noch üppigeren Gelagen, rauschenden Festen und Vergnügungen im Überfluss. Getragen wurde diese Kultur der Sinneslust und des Genusses vor allem von den europäischen Höfen. Wien war dabei keine Ausnahme: Auf Geheiß der Kaiserin Maria Theresia (1717-1780) verwandelte sich Schönbrunn nicht selten in einen schillernden Ballsaal voll Musik, Tanz und höfischer Flirterei.

 

Wien im Biedermeier – Kochtopf, Kammermusik, Kopulieren

Der Beginn des 19. Jahrhunderts stand ganz im Zeichen des Bürgertums. Im Mittelpunkt: Das häusliche (Ehe-)Leben und alles, was dazugehört. Im Wohnzimmersalon wurde Tee geschlürft, junge Mädchen und Burschen lasen artig Romane und Gedichte oder trugen Kammermusik vor. So zumindest das Biedermeier-Klischee. Hinter der spießbürgerlich-sittsamen Fassade dürfte es sich nämlich heftig abgespielt haben. Nicht umsonst idealisierte die Literatur der Zeit Romantik und wilde Leidenschaft; näher kam man sich beim geselligen Kaffeekränzchen oder auf Maskenbällen beim „unanständig“ körperbetonten Walzer. Oft folgten schwülstige Liebesbriefe und inbrünstige Schwüre, nicht selten die Kopulation irgendwo im verborgenen Kammerl. Brav? Ganz sicher nicht.

 

Wien an der Wende zum 20. Jahrhundert – Die Ära der Josefine Mutzenbacher

Der Wiener Autor Felix Salten (1869-1945) schuf nicht nur den Kinderbuchklassiker Bambi, sondern auch den pornografisch/biografischen Roman, „Josefine Mutzenbacher – Die Geschichte einer Wienerischen Dirne“. In diesem schnackselt sich die jugendliche Protagonistin quer durch die Gesellschaftsschichten und zeichnet ein düsteres wie aufschlussreiches Portrait von Wiens Zwielichtwelt, die von Bigotterie, Kindesmissbrauch, Verwahrlosung und Pragmatismus geprägt war. Dabei waren Mädchen wie Josefine kein Einzelfall, sondern eine Begleiterscheinung der sozioökonomischen Verhältnisse. Auch viele Wiener Stubenmädchen oder Wäscherinnen besserten sich den kargen Lohn mit sexuellen Dienstbarkeiten auf.

 

Wien in den 1960ern und 1970ern – Love, Peace, Revolution

Im neu gewonnen Wohlstand der Nachkriegszeit wuchs eine Generation heran, die die „Heimchen am Herd“ bzw. „Familienversorger“-Mentalität ihrer Eltern und Großeltern radikal ablehnte. Elvis’ sexy Hüftschwung brachte Teenager zum Kreischen und Eltern zum Verzweifeln. Doch der Trend der Zeit war nicht aufzuhalten: Man strebte nach Freiheit, Leben und Lust. Rock ‘n‘ Roll, Sex and Love war angesagt, nicht verstaubte Wohnzimmer-Idylle! Junge Menschen demonstrierten weltweit für Frieden und Gleichstellung der Geschlechter und Ethnien. Aktionismus prägte auch in Kunst und Kultur den Geist der 1968er; in Wien erregten freizügige Kulturschaffende wie Valie Export (Stichwort: „Tapp- und Tastkino“) die Gemüter.

 

Wien in den 1980ern und 1990ern – Sexkofferskandal und Sex in the City

Mit der neuen Rolle der Sexualität fand auch die Sexualerziehung den Weg in Österreichs Schulen. Nicht ohne Hindernisse, denn der sogenannte „Sexkoffer“ sorgte in den 1980ern für reichlich Aufregung: Die Sammlung von aufklärerischen Unterrichtsbehelfen wurde ganze vier Jahre lang von konservativen Elternvereinen und Politikern torpediert, bis sie schließlich 1989 in abgeschwächter Form im Unterricht verwendet werden konnte. Grundtenor damals: „Unsere Kinder werden versaut!“

 

Wien im 21. Jahrhundert – Tinder, Casual Sex und digitaler Lustverlust

Mit der wachsenden Bedeutungslosigkeit sexualkonservativer Werte erleben Online-Dating-Plattformen wie Tinder und damit verbundener Casual Sex eine Hochblüte. Junge Menschen streben zwar nach wie vor meist eine Partnerbeziehung an – doch nicht, ohne vorher ordentlich Feldforschung zu betreiben! Gesellschaftliche Ächtung ist mit dem häufigen Wechsel der Sexualpartner kaum mehr verbunden. Im Gegenteil: Wer etwas auf sich hält, muss sexy, sportlich und eine feurige Rakete im Bett sein. Und möglichst viel davon auf sozialen Plattformen der ganzen weiten Welt mitteilen! After-Sex-Selfies in Unterwäsche outen die ärgsten Narzissten.

 

Man kann gespannt sein, wie es weitergeht. Fest steht nur eines …
… auch in Zukunft wird in Wien geschnackselt werden!

 

Prädikat: Unverzichtbar.

Wer nun Lust bekommen hat, wie ein echter Wiener zu flirten, zu lieben und auch zu schnackseln, sollte sich diese Lektüre zu Gemüte führen!

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