Kultur

Wien Ausblick Häuser (c) STADTBEKANNT
Wien Ausblick Häuser (c) STADTBEKANNT

Endlich ein Kunstskandal!

28. Mai 2010 • Kultur

Ein Swingerclub in der Secession sorgt für Empörung.

Was wäre Wien ohne Kunstskandale? Über viele Jahrzehnte gehörte die, fast schon rituelle Empörung zu den Grundkonstanten des Wiener Kulturschaffens. Peymanns Zeit als Direktor des Burgtheaters war geprägt von diesen Auseinandersetzungen, die die alten Regimenter des Bürgertums mit ebenso viel Inbrunst fochten, wie die damalige Haider FPÖ.

Elfriede Jelinek, Peter Turrini und besonders Thomas Bernhard lösten größte Empörung aus. Der österreichischen Nachkriegsgesellschaft wurde ein Spiegel vorgehalten und was zu sehen war, wollte so gar nicht ins offizielle Geschichtsbild der Alpenrepublik passen. Als „Heldenplatz“ Premiere feierte wurde gar ein Misthaufen vor der Burg abgeladen.

Unvergessen auch das damalige Plakat der FPÖ: „Lieben sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk… oder Kunst und Kultur? Der damalige Kulturminister Rudolf Scholten und die SPÖ-Stadtregierung hielten dem Druck stand und Peymann konnte noch für viele Jahre Burgtheaterdirektor in Wien bleiben. Elfriede Jelinek erhielt später den Literaturnobelpreis und Thomas Bernhard wurde im Tod mehr geliebt als im Leben. Ja so viel mehr, dass inzwischen sogar die Kronen Zeitung kein böses Wort mehr über sein Schaffen verliert.

Mit den Jahren verkam die Empörung um Kunstskandale immer mehr zu einem hohlen Ritual. Fast konnte man den Eindruck gewinnen, dass sich manch eine/r sehnsüchtigst nach einem neuen Skandal sehnte. Distinktionsgewinn durch das Stellen auf die richtige Seite bei solchen Skandalen, sozusagen. Besonders beim Lesen der Zeitschrift „News“ und ihres Kulturteiles kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass ein Skandal, oder wenigstens eins Skandälchen doch etwas Wunderbares wäre.

Allein sie blieben immer mehr aus, die Kunstskandale. Da ist es doch erfreulich, dass mit dem Kunstprojekt des Schweizers Christoph Büchel, in der Wiener Secession ein Hauch von Skandal um Wien weht. Die Installation „Raum für Sexkultur“ beherbergt den Wiener Swingerclub Element6, der unter Tags zu besichtigen ist und des Abends auch tatsächlich als Swingerclub genutzt wird.

„Darfen´s´ denn des?“

Die Empörung ließ nicht lange auf sich warten. Die Bezirksvorsteherin des 1.Bezirks zeigte sich „not amused“ und empfahl ein Überdenken der Kulturförderung. Die FPÖ sprach von einem Missbrauch der Freiheit der Kunst. Und die Tageszeitung Österreich fotografierte gar des Abends den Swingerbetrieb. Ein bisschen Doppelmoral muss schließlich sein.

Dem Künstler selbst geht es einerseits um den Vergleich mit Klimts Beethovenenfries, das in einem der Räume der Secession hängt und welches zur damaligen Zeit ebenfalls skandalös wirkte, und andererseits um die Raumvermietung von Kulturinstitutionen, die mittels der Installation noch übertrieben wird. Klimts Beethovenfries bleibt übrigens geschützt, da der Raum zwar ebenfalls die Installation eines Swingerclubs beherbert, aber des Abends nicht als solcher genutzt wird.

Zwei Drittel der Einnahmen der Secession finanziert diese selbst und also keinesfalls, wie vielleicht angenommen, nur aus Steuergeldern.

Zum Umgang mit dem „Skandal“ ein kleiner Stadtbekannt Guide:

Empört gegen die Ausstellung sein: Ihr Verständnis von Kunst sollte mit Ausnahme des kurzen Intermezzos von 1933-1945 spätestens in der deutschen Romantik enden.Danach finden sie alles nur mehr Schweinekram, mit Ausnahme einiger weniger Heimatkünstler. Nazivokabular wie „entartet“ sollte ihnen locker leicht von der Lippe gehen und sich selbst sehen sie am besten als letzten Fels in der Brandung einer nihilistischen, kulturlosen Konsumgesellschaft. Die Presse, dieses linkslinke Hetzblatt, lesen sie schon seit Jahren nicht mehr, wenn dort Leute wie Robert Menasse schreiben stört sie das aber immer noch. Denn am meisten stört sie an der Kunst, dass sie so selten „echt“ österreichisch ist. Wenn sie diese und andere antisemitische Anspielungen tätigen, vermeiden sie unbedingt Augenzwinkern. Sie wollen schließlich verstanden werden.

Empört über die Empörung: Das letzte Mal im Theater waren sie in der Schulzeit, aber sie sind dennoch bestens informiert aus diversen bunten Blättern. In der Frage des Regietheaters unterstützen sie Daniel Kehlmann und die Gegenseite, schließlich ist das Ganze kompliziert und ihr Kulturverständnis ein plurales. HC Strache nötigt ihnen täglich zumindest eine moralische Empörung ab und sonst aber auch gar nichts. Manchmal reden sie vom Auswandern, würden das aber nie machen, denn was sollen sie denn tun im Ausland? Ein Swingerclub in der Secession ist für sie eine originelle Idee, selber hingehen würden sie aber nie. Die Fotostrecke im aktuellen Österreich mustern sie dennoch interessiert, wenn auch heimlich. Ihren moralischen Triumph über die dumpfen Horden genießen sie ausführlich. Da ihre Freunde auch alle ihrer Meinung sind, können sie sich wechselseitig darin bestärken, wie großartig sie sind.

, , , , , ,

Weitere Artikel

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

« »