Lifestyle – Skurriles

Wiener Wiesn (c) STADTBEKANNT Buchinger
Wiener Wiesn (c) STADTBEKANNT Buchinger

Ein Prosit dem Abklatsch – die Wiener Wies‘n

27. September 2014 • Skurriles

Brauchtum, Handwerk und herzhafte Schmankerl

Nicht ein einziger Wiener war mir eingefallen, der jemals davon gesprochen hätte, sich die Wies’n antun zu wollen – noch nicht einmal mit ironischer Distanz wollte man sich der Sache nähern. Also brach ich solo auf, um herauszufinden, worin dieser eklatante Mangel an Neugierde begründet liegen konnte.

 

Wies’n-Besucher sind wie Fußballfans

Einzeln unterwegs machen sie einen nachgerade verlegenen Eindruck, huschen geduckt in die U-Bahn und versuchen den bedauerlichen Blicken der Fahrgäste mittels Bodenfixierung oder Smartphonegeschiebe auszuweichen. Gesellt sich aber eine zweite, dritte und vierte Nacktwade in bedirndelter Begleitung in den Waggon, erlebt man die Eigendynamik dieser bierseligen Halligalli-Bewegung hautnah und am eigenen Trommelfell mit. Dem Zielort immer näher kommend werde ich Zeuge eines Reigens der lautstarken Übereinkunft stocknüchterner Gröliane, die sich nach kurzer visueller Beschnupperung gegenseitig Komplimente zuwarfen und den kollektiven Besinnungsverlust prophezeiten („heit hock ma uns um, nhn?“). Ich, als Wies’n besuchender Ottonormal-Zivilist, verspürte trotz Verkleidungsvorschrift keine Sekunde der Reue, in diesem Meer an Einweg-Dirndln und Made-In-Taiwan-Lederhosen den bunten Hund mimen zu müssen. Der Tracht jedenfalls – für ihre Gegner plumper Ausdruck militanter Ewiggestrigkeit, für ihre Befürworter traditionsschwangerer Globalisierungsentschleuniger – ist hier denkbar wenig Gefahr zuzuschreiben. Sie ist eine modische Unumgänglichkeit, um den Exzess in spe in größtmöglicher Anonymität zu zelebrieren.

Wiener Wiesn Plastikkuh (c) STADTBEKANNT Buchinger

Wiener Wiesn Plastikkuh (c) STADTBEKANNT Buchinger

Der Nachmittag verläuft gemäßigt

Ich schlendere übers sponsorenübersäte Gelände, löhne 5,00 Euro für eine staubtrockene Brez’n und sehe einer Plastikkuh beim Gestreichelt-Werden zu – während ich versuche das Schluck-Auf unter Kontrolle zu bringen, das mir seit dem Studieren der Bierpreise keinen Spielraum mehr für Konversation bot. Ansonsten hätte ich vermutlich jeden auf diesem Gelände gefragt, wie und wodurch er seinen Besuch hier rechtfertigt. Während sich das Original aus Expansionsgründen längst aller bayrischen Aufgeschlossenheitsengpässe entledigt hat, wird einem die importierte Wies’n mit jeder dort verbrachten Minute unheimlicher. Die Völkerverständigung sieht jedenfalls klare Vorteile auf Seiten der Heimat. Österreich, wo man hinschaut respektive hinhört. Am Nebentisch versucht man sich die schleichende Islamisierung von der Seele zu rülpsen, während das etwas gemäßigter auftretende Quartett, das meinem Tisch zugewiesen wurde, dem heute erst zurückgetretenen Skispringer Thomas Morgenstern einen einstündigen Traumarsch blies. Mit einem im Getöse untergehenden Seufzer imaginiere ich mir Alfred Dorfer auf die Bierzelt-Bühne – „und waun ana fremd is daun issa ned vo do, und wauna ned vo do is, daun is ma wuascht vo wo“.

Wiener Wiesn Musik (c) STADTBEKANNT Buchinger

Wiener Wiesn Musik (c) STADTBEKANNT Buchinger

Gegen 17:00 Uhr kippte dann endlich auch der Pegel in die erwartete Richtung. Binnen Sekunden wandelte sich das schweißdampfende Zelt in eine Zona non grata. Hopfenhaltige Ozeane auf den Tischen, Eau de Testosteron und trübe Blicke, die sich auf kein Decollette festlegen wollten. „Oans, Zwoa Gsuffa!“ Selbst das hektisch bis hypertonische Personal, das geschult wurde, die widrigsten Bedingungen mit einem flotten Spruch zu meistern, schien erstaunt über die Transformation eben noch honorig wirkender Gentlemen in ein Pulverfass geifernder Lüstlinge. Eine Meute halbwüchsiger Milchfläume in Lederhosen und Air Max prustete ihrem Rädelsführer zu, als der versuchte sich des Hinterns der Bedienung zu bemächtigen. Frische Luft!

Als ich nach zwei hilfesuchenden Telefonaten neuerlich versuchte, ins Zelt zu gelangen, packte mich ein Glatzkopf mit Ohrringen schroff an der Schulter und fragte, ob ich bezahlt hätte. Wieviel ich denn um Himmels Willen zu zahlen hätte und wofür?- „Ab 18:00 Uhr sinds 44,00 Euro. Die Leut‘ müssen auch von was leben.“ Mit vier Gesichtsausdrücken gleichzeitig verließ ich das Gelände in Richtung Schweizerhaus – über mir die regnerische Nacht und eine Gedankenblase mit einem doppelt unterstrichenen, fettkursiven „Warum?“ darin. Nie wieder Neugier!

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