Wien – Leben

Wien Ausblick (c) STADTBEKANNT
Wien Ausblick (c) STADTBEKANNT

Die letzten Reste vom uralten Wien

28. März 2016 • Leben, Wien

Mittelalterliche und barocke Bürgerhäuser

Erst im 19. Jahrhundert, als Wien zur Millionen-Metropole eines riesigen Reiches wurde, entschied sich das heutige Bild der Hauptstadt.

Es kam zu Flächensanierungen, aus denen die monumentalen Gründerzeitbauten entstanden, die mittelalterlichen und barocken Bürgerhäuser wurden niedergerissen. Doch nicht nur in Wien Neubau oder dem historischen Blutgassenviertel finden sich noch Überreste.

Blutgasse (c) Voggenberger stadtbekannt.at

Blutgasse (c) Voggenberger stadtbekannt.at

Die Stadt konnte aus der Entwicklung anderer europäischer Metropolen lernen, sodaß es anfangs kaum zu großflächigem Abbruch kam. Erst Ende des 19.Jahrhunderts wuchs die Stadt von 400.000 auf über 2 Millionen Einwohner an, die in den meist nur zweigeschossigen Bürgerhäusern der Frühen Neuzeit und des Barock keinen Platz mehr fanden und durch die wuchtigen Altbauten ersetzt wurden, die heute das Straßenbild Wiens europaweit einmalig machen. Die Wohnsituation in Wien war mit Abstand die schlechteste von Europa, obwohl Wien die erste europäische Stadt gewesen ist, die vollständig an ein ausgebautes Kanalnetz angeschlossen war. Dennoch verfügten um die Jahrhundertwende gerade einmal fünf Prozent der Wohnungen über ein WC und Wasseranschluß! Nicht umsonst nannte man die Tuberkulose umgangssprachlich auch „Wiener Krankheit“.

Blutgasse Innenhof (c) stadtbekannt.at

Blutgasse Innenhof (c) stadtbekannt.at

Alte Backstube – Keineswegs altbacken

Das Haus mit der Adresse Lange Gasse 34 fällt einem sofort ins Auge: Ein großes Schild verkündet “Alte Backstube“. Bevor man die geschichtsträchtigen Räumlichkeiten betritt, zahlt es sich aus, einen kurzen Blick in den malerischen Pawlatschenhof zu werfen. Dann kann man auch schon eintauchen in die Welt des Backens.

Alte Backstube  Barockinnenhof (c) STADTBEKANNT

Alte Backstube Barockinnenhof (c) STADTBEKANNT

Denkmäler und Schandflecken

Doch zwischen den reich geschmückten Gründerzeitbauten versteckt sich hier und da noch ein Überbleibsel aus dem ganz alten Wien. Die meisten der kleinen Barockhäuser verfallen vor sich hin, einige sind seit Jahren abbruchreif.

Bemerkenswert ist die Freundgasse im 4. Gemeindebezirk, die sich zumindest auf der rechten Straßenseite fast vollständig erhalten hat. Sofort fällt jedoch die Hausnummer 9 ins Auge; das 1788 errichtete kleine Wohnhaus ist Bestandteil eines ganzen Ensembles aus der gleichen Zeit und steht seit Jahren komplett leer.

 

Zur Freundschaft Christi

Furore dagegen machte die Strozzigasse 39. Das angeblich einsturzgefährdete Haus „Zur Freundschaft Christi“ von 1772 soll einer New Yorkerin gehören und ist als einziges der Großsanierung zur Jahrhundertwende nicht zum Opfer gefallen. Die Dielenböden und niedrigen Decken scheinen vorsintflutlich, die Küche ist noch fast vollständig erhalten aus einer Zeit, wo kaum jemand eine Küche hatte; geheizt würde mit gekachelten Öfen. Im Mai letzten Jahres fand sich eine feministische Künstlergruppe zur Zwischennutzung zusammen und besetzte das Gebäude. Da aber sowohl schwarzes als auch grünes Klientel besonders gern ihre wohlgeliebte Ruhe wünschen, wurde die Besetzung kurzerhand unterbunden.

 

Zum heiligen Josef

Umstritten dagegen ist das Haus „Zum heiligen Josef“. Inzwischen zu einem liebgewonnenen Schandfleck des Laimgrubenviertels geworden, fällt das Gebäude durch umfassende Schmierereien gleichsam wie die Vermutung des zunehmenden Verfalls auf. Überrascht sein wird der, der einmal einen Blick durchs elektrisch und vollautomatisch betriebene Tor hat werfen dürfen: Im weitläufigen Innenhof breitet sich ein grünes Paradies aus, in dessen Mitte ein großer Baum Schatten spendet, Blumen zum Verweilen einladen und die verborgene Innenseite des Hauses in bestem Zustand ist!

Spittelberggasse (c) Geiersperger stadtbekannt.at

Spittelberggasse (c) Geiersperger stadtbekannt.at

Zwischennutzung statt Zwangsabriß

Fast alle der wenigen über gebliebenen Häuser der vorkaiserlichen Zeit sind sich selbst überlassen, einzig der historische Spittelberg ist konserviert worden und gibt einen Einblick in das viel ältere Wien, wie es war, bevor es Millionenstadt war. Beliebt ist die Weise, ein solches Baudenkmal dermaßen verfallen zu lassen, bis es abgerissen und durch lukrative Neubauten ersetzt werden muß. Die zentralen Lagen, interessanten Schnitte und oft überraschenden Innenräume sollten zur Nutzung einladen, so lange sie noch stehen.

Sowohl die IG Kultur als auch private Initiativen sind derzeit im Begriff ein Netzwerk für Zwischennutzung aufzubauen, wie es in anderen europäischen Städten längst üblich ist – aber die haben nicht einmal mehr Gründerzeithäuser. Schön, dass Wien dem Fortschritt hinterher hinkt!

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