Wien – Grätzltipps – 15. Rudolfsheim-Fünfhaus

Westbahnhof Ausblick (c) stadtbekannt.at
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Der Wiener Westbahnhof

22. Februar 2013 • 15. Rudolfsheim-Fünfhaus, Leben3 Kommentare zu Der Wiener Westbahnhof

Das Tor zur Welt – Ein Tag am Wiener Westbahnhof

Kurz vor der Rolltreppe steht ein Mann, der aus einer offenen Wunde auf seinem kahlgeschorenen Haupt blutet. Um ihn herum strecken ihm zwei Passanten Pflaster entgegen. Der Verwundete lächelt abwesend und blickt an ihnen vorbei in die Ferne.

Als Kind war der Westbahnhof für mich das Ende Wiens und der Anfang der Welt, denn es schienen Züge nach überallhin zu fahren: Budapest Keleti, Hamburg Altona oder Tullnerbach-Pressbaum – jede diese Destination erschien mir damals ungeheuer exotisch.

 

Schönster Bahnhof der Welt von Österreich

Eigentlich wollte ich ja über den neuen Wiener Hauptbahnhof schreiben, denn man ist ja um Aktualität bemüht und den Westbahnhof gibts nun doch schon seit 1858. Unglücklicherweise ist das neu eröffnete Areal beim Südtiroler Platz aber derart unspektakulär, unfertig und irgendwie unreal, dass ich doch beim Altbewährten bleiben muss und reumütig an den Ort zurückkehre, an dem seit über 150 Jahren Züge geduldig in und aus der Stadt fahren. Doch auch der Westbahnhof ist irgendwie nicht mehr das, was er einmal war: New Yorker, Merkur und Desigual anstatt der gewaltigen alten Bahnhofsuhr, neue Glasfassade, die den Westbahnhof 2012 zum schönsten Bahnhof Österreichs werden ließ, anstatt abgasgeschwärztem Putz.

Westbahnhof Geschaefte (c) stadtbekannt.at

Westbahnhof Geschäfte (c) stadtbekannt.at

Bubble Tea und Speck mit Ei

Neben mir trinken zwei Asiatinnen Bubble Tea und eine Gruppe Polizisten schlendert entspannt in Richtung Trzesniewski. Mit der alten Einrichtung wurden wohl auch die Penner rausgekehrt, irgendwie vermisse ich sie. Vor allem an Sonntagen war der Westbahnhof früher eine Art Zwischenwelt, ein Abbild der Wiener Seele, die sich nach überstandenem Alkoholrausch langsam und unrasiert wieder erhebt und es dann doch bleiben lässt die Augen ganz aufzumachen, sondern sich stattdessen zurück in den Schlaf sinken lässt. Heute sitze ich auf den schicken Imitatmarmortischen und vergesse, dass ich in Wien bin, denn dieser Bahnhof könnte genauso gut in jeder anderen Stadt der Welt stehen. Nur beim Rausgehen erinnert man sich dann wieder, wenn einen die Hässlichkeit des Europaplatzes erschlägt wie schon zigtausende Wientouristen davor, die sich beim Anblick dieser Trostlosigkeit gefragt haben müssen, ob sie nicht aus Versehen in der falschen Stadt ausgestiegen sind. Doch das Tor zur Welt muss ja nicht immer schön sein, denn Wien muss man erst betreten, um wirklich anzukommen.

Westbahnhof Happiness (c) stadtbekannt.at

Westbahnhof Happiness (c) stadtbekannt.at

Die Asiatinnen spielen mittlerweile auf ihren iPhones. In der „Happiness Station“ neben mir verkauft Eskimo Endorphine mit Zuckerüberguss. Ich schließe die Augen und versuche mir das Bild der alten Westbahnhof Halle in Erinnerung zu rufen, doch das Licht der umliegenden Geschäfte ist so grell, dass es durch meine geschlossenen Augenlider dringt und alle Erinnerung auslöscht. In diesem Moment kommt auch der blutende Mann heranspaziert. Seine Wunde ist mittlerweile notdürftig mit zwei Pflastern versorgt, eines davon hängt allerdings schon wieder lose herab, doch er scheint es nicht zu bemerken, während er auf den Bahnsteig marschiert und ich ihn in der Ferne aus den Augen verliere.

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3 Antworten auf Der Wiener Westbahnhof – Verstecken

  1. wienerin sagt:

    das tor zur welt?
    eher das tor zur diskriminierung. "asiatinnen", "penner" – wer hat euch ins hirn geschissen? der westbahnhof würde kotzen, wenn er könnte, über solch eine unsensible wortwahl.

  2. Doris sagt:

    @wienerin
    Was ist bitte an Asiatinnen diskriminierend?? Aber Hautpsache immer nur blöd schimpfen! Ich finde den Artikel sehr gelungen. I like!

  3. MiniMaus sagt:


    Ich vermisse die alte Bahnhofsuhr auch 🙁

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