Lifestyle – Skurriles

Stinkefinger (c) Mehofer stadtbekannt.at
Stinkefinger (c) Mehofer stadtbekannt.at

Der tägliche Wahnsinn im Web

26. Jänner 2015 • Skurriles

Besser als jede Geisterbahn: Ein Besuch in einem Online-Diskussionsforum!

Überleben ist hart. Im Netz ist es noch härter. Vor allem dann, wenn man sich in einem politischen Forum in die Höhle des Löwen begibt.

Wer mutig ist, der wage ein soziologisches Experiment: Man suche ein beliebiges (am besten zweitklassiges) Online-Diskussionsforum auf und begebe sich in einen Thread zu einem besonders umstrittenen Thema. Immer wieder heiß: Innenpolitik. Man lese die Kommentare. Bald schon Schock. Beinahe-Herzinfarkt. Wo bin ich nur gelandet? Sind denn alle verrückt hier? Wer bitte schreibt denn so einen Schwachsinn??

Wer sich traut, schreibt zurück. Bald schon wird sich eine Abstumpfung einstellen. Eine Anpassung an das Allgegegenwärtige, in jeder Ecke des Forums grassierende verbale Fehlverhalten. Eine Gewöhnung an die Abwesenheit jeglicher zwischenmenschlicher Kommunikationsethik. Und zuletzt: die Mutation zum Web-Schwein…

Tastatur (c) Mehofer stadtbekannt.at

Tastatur (c) Mehofer stadtbekannt.at

Aus Mensch mach Web-Schwein

Die entfesselnde Macht des Internets erlaubt es jedem von uns, zu jedem beliebigen Thema, zu jeder beliebigen Person eine Meinung zu haben. Eine Gute? Nein. Wer zu sachlich und freundlich ist, wird untergehen. Was ist sonst gefragt? Gehässigkeit! Ein Forum ist wie geschaffen für unsachliche Beschwerden, persönliche Untergriffe, argumentationslose Polemik. Für Schweinereien. Wer etwas anderes glaubt, ist naiv.

Der Schmutz muss fliegen, der Frust muss raus, der Hass braucht Luft, die Spottlust auch! Wo wäre sonst die Freude am forumieren? Man lese und staune, wie die menschliche Neigung zur sinnlosen Schimpferei ihre Blüten treibt.

 

Die GutmenschInnen

In kleinformatigen Tageszeitungen fast täglich zu lesen, vor allem in der Rubrik Leserbriefe, aus dem Internet als Totschlag-Kampfvokabel nicht mehr wegzudenken: das Wort „Gutmensch“. Es scheint insbesondere ein Lieblingswort der konservativen bis rechten Ecke zu sein.

Übrigens, schon gewusst? Die Steigerung von „Gutmensch“ ist „GutmenschIn“. Dieses Wort unterstellt den Angegriffenen nämlich zusätzlich, weiblich zu sein und Gendern ok zu finden – ein noch schlimmeres Vergehen, als Ausländer für ganz normale Menschen zu halten.

Die Herkunft des Wortes ist nicht restlos geklärt. Während einige vermuten, es handle sich um eine Wortschöpfung der 1980-er Jahre, sind andere Sprachforscher der Auffassung, dass es sich um ein grusliges Relikt aus der NS-Zeit handelt. Die Absicht des Wortes war jedoch immer schon, politische Gegner zu verspotten und ihre Argumente von vornherein als nicht ernst zu nehmendes, naives Geplänkel abzutun. Ein verbaler Rundumschlag, bei dem man sich nicht um Erklärungen kümmern braucht.

Computer (c) Mehofer stadtbekannt.at

Computer (c) Mehofer stadtbekannt.at

Letzter Ausweg: „Sie sind tatsächlich hirnverbrannt.“

Was tut man als eingefleischter Poster, wenn die Debatte verloren scheint? Wenn Inspiration, Kreativität und Argumente versagen und man meint, dem Feind mit leeren Händen gegenüberzustehen?

Richtig. Man geht zum Angriff über. Und was eignet sich besser zur Stützung des eigenen wackligen Arguments, als die geistige Gesundheit des virtuellen Gegenübers wortreich in Zweifel zu ziehen? Die Unterstellung mangelnder geistiger Integrität ist manchmal der letzte Ausweg, noch scheinbar siegreich aus einer längst verlorenen Debatte auszusteigen, der verzweifelte Versuch des Argumentlosen und Eitlen, sein Glück zu wenden.

Versuchen könnte man es beispielsweise so (O-Ton!):
„Sie haben statt Hirn nur eine klumpige Masse im Kopf.“

Natürlich stellt sich hier die Frage: Was ist ein Gehirn, wenn nicht eine klumpige Masse? Vielleicht probiert man es dann doch eher mit diesem Satz:
„Mit paranoiden Spinnern wie Ihnen kann man nicht diskutieren.“

Oder schlicht:
„Sie sind tatsächlich hirnverbrannt.“

Den eigenen Irrtum zugeben? Nie! Doch nicht vor dem! Der Gegner soll gar nicht erst in die Lage kommen, das Gefühl der Überlegenheit zu kosten.

Null Ahnung

Null Ahnung

Schweinereien aller Art

Hat man sich als Poster sich schon zur Genüge am Geisteszustand des Gegners abgearbeitet, so gelangt man auf die nächste Stufe: Schweinereien. Das Schwein ist geduldig. Es kann mit beinahe allen Kampfbegriffen der politischen Polemik verbunden werden. Hier einige Beispiele: „Chauvinistenschwein“, „linkes/rechtes Schwein“ oder „sexistisches Macho-Schwein“.

Zu primitiv? Mitnichten. Auch die „große“ Politik hat das Schwein durch den Tiroler Ex-Landeshauptmann Herwig van Staa schon erobert. Wenn der das darf, dann kann’s ja nicht zu niveaulos sein.

 

Notbremse vor dem kompletten Wahnsinn

Dass das Forumieren zu einer obszessiven Tätigkeit werden kann, beweisen jene lichtscheuen Gestalten, die als „Foren-Legenden“ bereits über hunderttausend Postings verfasst haben (die sich im Inhalt jedoch alle gleichen) und täglich fünfzig mal all jene Gehässigkeit gegen die ganze Welt in die Tastatur klopfen, die Forumsneulingen noch fehlt.

Mehr als zehn Postings am Stück geschrieben? Für alle, die normal bleiben wollen: Höchste Zeit, die Notbremse zu ziehen!

Hin und wieder scheint es ja ganz lustig zu sein, einen Ausflug ins Reich der Internetbarbarei zu unternehmen. Aber jeden Tag ein paar Stunden? Das kann schlimme Folgen haben. Denn es wird der Tag kommen, an dem man selbst beginnt, sich vor der Welt zu fürchten und die Menschheit zu hassen. Und beginnt, wie eine echte „Foren-Legende“ zu denken: „Sind ja alle deppert.“

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