Kultur

Ausblick über Wien (c) STADTBEKANNT
Ausblick über Wien (c) STADTBEKANNT

Der Mythos Frida Kahlo

13. Dezember 2010 • Kultur

Schon in Berlin brach Frida Kahlo alle Rekorde: 235.000 Besucher nahmen stundenlanges Schlangestehen in Kauf um sich dafür durch den Martin Gropius Bau drängen zu dürfen – die Ausstellung war für das Berliner Museum damit immerhin die besucherreichste Schau überhaupt – und in Wien wurde diese Zahl sogar noch getoppt: mit einer Gesamtzahl von 362.000 Besuchern ging am 5.12.2010 die Retrospektive zu Frida Kahlo im Bank Austria Kunstforum zu Ende – damit ebenfalls hausinterner All-Time-Bestseller. Aber was ist dran am Mythos Kahlo?

Die Königin der Schmerzen

   Kahlos Leben gleicht einer Hollywood-Geschichte: Busunfall, Rollstuhl, Eheprobleme samt Affären, Fehlgeburten und trotzdem der künstlerischer Erfolg. Geschichten wie sie täglich in Boulevardmagazinen zu lesen sind – nur die Drogen fehlen. Zusätzlich dazu noch der Kampf für indigene Anliegen und Marxismus – und dazu noch ein markantes Gesicht mit Widererkennbarkeitswert (mit überzeichnetem Damenbart und Monobraue): das ist heutzutage Stoff für mehr als ein Star-Leben. 

Personenkult und Legendenbildung

Kaum jemand hat den eigenen Personenkult so weit getrieben wie Frida Kahlo – von ihren 143 Bildern sind 55 Selbstbildnisse – und bei kaum einem anderen Künstler ist Werk und Künstler so untrennbar verbunden wie bei ihr: der hohe Gehalt an Emotion und Tragik ist ihren Bildern also direkt abzulesen, noch dazu in einer mythischen, aber nicht allzuschwer zu durchschauenden ikonographischen Verschlüsselung. Das seelische und körperliche Leiden von dem ihr Leben geprägt war kondensiert also unmittelbar in ihren Bildern – die Passion der heiligen Frida Kahlo als verbildlichter Kreuzweg? Nicht zufällig erinnern viele ihrer Selbstportraits an Heiligenbilder – und Leiden kommt eben gut an. Der Besuch der Ausstellung als Teilhaben an der Gunst und Kunst Frida Kahlos, die ihr Leben hingegeben hat, damit wir etwas zu schauen haben?

Apropos Hollywood

  Ein Leben wie ein Hollywoodfilm schreit nach einer Hollywoodverfilmung – 2002 lief „Frida“ mit Salma Hayek in der Hauptrolle – nominiert für sechs Oscars. Das machte die Person und damit die Kunst Frida Kahlos auch dem weiteren Publikum bekannt. Die Medien-Legendenbildung hat damit die höchste Stufe erreicht. Klingt alles etwas drastisch und undifferenziert und ist es auch. Allerdings: der einzige Künstler der seinen Besucherrekord in Österreich halten konnte war Vincent van Gogh mit 589.180 Besuchern in der Albertina. Was ihn mit Frida Kahlo verbindet? Ein Leben wie im Film: Armut, Alkoholismus, Wahnsinn und früher Selbstmord überschatten sein Werk genau wie Fridas Schicksal das ihre – nur dass Kahlo ihr Leben noch stärker in ihr Werk gelegt hat. Aber die Überschattung ist die gleiche, denn was ist van Goghs größtes Werk? Nicht etwa seine „Sternennacht“, nein: es war eher sein abgeschnittenes Ohr.  

Raphael Maria Dillhof

„Es scheint so, dass in unserer Kultur das Leben dasjenige ist, was nicht definiert werden kann, aber gerade deswegen unablässig gegliedert und geteilt werden muss." (Agamben)

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